Schiffstaufe in Leer/Ostfriesland

Endlich mal wieder nach Ostfriesland! Gut, nicht direkt ans Meer, aber Wasser gab es auch so genug… Doch dazu später.

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Anlass für die Fahrt war die Einladung von Krimiautorin Elke Bergsma zu einer Schiffstaufe. Elke? Ostfriesland? Schiffstaufe? Passt. :-) Ich war freudig überrascht und buchte mir sofort ein Hotelzimmer in der Nähe des voraussichtlichen Veranstaltungsortes, Fußweg ungefähr fünf Minuten. Zum Glück war ich schnell, denn die Gäste des feierlichen Anlasses reisten aus ganz Deutschland an und buchten auch dort, zudem wohnte im Hotel Hafenspeicher über Pfingsten auch noch die „U15“-Fußballnationalmannschaft, mit anderen Worten: das Haus war voll bis unters Dach.

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Unerfahren mit Festivitäten vom Kaliber einer Schiffstaufe startete ich im Vorfeld einige hektische Anfragen an die Gastgeberin. Man will ja schließlich alles richtig machen.

„Wie ist denn die Kleiderordnung zu diesem Anlass?“ – „Bequem.“

und

„Wo genau liegt denn das Schiff?“ – „Na, bei mir.“

Logisch. Ostfriesland eben. :-)

Also statt Abendkleid solche Dinge wie dicken Pullover und warme Socken eingeplant (vor allem angesichts der Wettervorhersage), zudem den Mantel in den Kofferraum und los gings.

Herrlich, wenn man vom Niederrhein, der nun nicht gerade mit Bergmassiven ausgestattet ist, wieder ins platte Ostfriesland kommt. Nur hier ist es wirklich platt, platter geht nicht, unendliche Weiten, und wie das Sprichwort sagt, man sieht schon am Donnerstag, wer am Sonntag zu Besuch kommen wird.

Auf das Schiff war ich furchtbar neugierig. Wer träumt nicht davon, mal ungebunden durch die Gegend zu schippern, überall bleiben zu können, wo es einem passt, weil man sein Zuhause ja immer bei sich hat?
Elke Bergsma verbindet diese Träume zusätzlich mit ihrem Beruf und ihrer Berufung: „Bookje“ (wird „Bauksche“ ausgesprochen) (fragt nicht) soll als Lese-Boot für entsprechende Veranstaltungen entlang der ostfriesischen Küste und darüber hinaus zur Verfügung stehen. Ungefähr 20 Menschen können Platz finden, und damit bleibt der intime Rahmen gewahrt, den es für Lesungen braucht.

Gegen 14 Uhr versammelten sich die Gäste rund um das Schiff und die gleich daneben gelegene Hafenbar, die uns nicht nur köstlichst verpflegte, sondern bei den zahlreichen Regenschauern zwischendurch, und wenn der Wind mal zu garstig wurde, Zuflucht bot.

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Elke versprach uns in ihrer Begrüßungsrede einen kurzweiligen Nachmittag und Abend, mit einem Rätsel rund um das Schiff, das es zu lösen galt („Bookje spricht zu Euch“, so ungefähr sagte sie), sie kannte und nannte jeden mit Namen, alle Anwesenden hatten auf die eine oder andere Weise mit Büchern, und eben auch mit Elkes Büchern zu tun. In der Mehrzahl waren es Autoren, vor allem Krimi-Autoren, deren hervorstechendste Eigenschaft ist, ständig auf der Suche nach neuen Verbrechen zu sein. Da wird dann auch schonmal die Praxistauglichkeit einer Idee geprobt, wenn sich die Gelegenheit bietet:

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Krimiautorin Nika Lubitsch aus Berlin fungierte als Taufpatin, und nach einer sehr launigen und lustigen Rede wurde, wie es der Brauch ist, ein Champagnerglas auf Deck zerschmettert.

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Der Himmel meinte es mal gut, und mal nicht. Meistens aber gut. Regenschauer gab es zwar zuhauf, aber die verzogen sich immer wieder schnell, und wir hatten ja genug Möglichkeiten, uns unterzustellen. Es wurde gerätselt, das Boot besichtigt, gelacht, erzählt, Wein getrunken, Papierschiffchen gefaltet, dem Shantychor gelauscht, neue Schreib-Pläne geschmiedet, noch mehr Wein getrunken und am Abend ließen wir die Papierschiffchen zu Wasser („die treiben jetzt da hinten hin, bis zur Polizei“, so unsere Kapitänin). Was für ein stimmungsvoller Abschluss eines wunderschönen Tages!

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In „Bookje“ hab ich mich sofort verliebt – was für ein Schmuckstück!

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Schiffsführer Volker (rechts im Bild) beantwortete geduldig und ausführlich jede meiner neugierigen Fragen – und schon hatte ich wieder einiges gelernt. Am Ende auch die Bedeutung der Flaggen, die sich an einer Schnur vom Bug bis zum Heck zogen.

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Das war nämlich die Botschaft, die es von den Gästen zu enträtseln galt. Mit der Hilfe des Internets fand ich mich zurecht, und wurde mit der richtigen Lösung sogar noch als Hauptgewinnerin des Abends ausgelost!

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Ein toller Abschluss eines rundum gelungenen Tages, lustig, stimmungsvoll, super geplant, mal Regen, mal Sonne, Gesang, Schiff, Wind, Stimmung – Ostfriesland eben.

Ich bin schon sehr gespannt auf die zukünftigen Reisen und Veranstaltungen mit und auf „Bookje“, dem Lese-Boot. Einzelheiten dazu wird es sicher bald auf der Webseite geben: www.dat-leseboot.de

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Mast- und Schotbruch, liebe Elke, und immer eine Handbreit Wasser unter’m Kiel!

Trier! Die Römer! Die Mosel!

IMG_9081aWanderer, kommst Du nach Trier, geh nicht in die Fußgängerzone!

Diese Reise kam zustande wie üblich: Ort mit möglichst viel Geschichte, Anfahrt mit dem Auto nicht länger als zwei bis drei Stunden, innerorts alles fußläufig erreichbar (ich erinnere an die Reisebedingungen für Brügge) und nette Umgebung für etwaige Ausflüge. Ein Artikel in der FAZ brachte die Erleuchtung: Trier sollte es sein. Älteste Stadt Deutschlands. Reichhaltige Funde aus der Römerzeit. Frei nach dem Motto: wer Rom liebt, wird auch Trier mögen. Hotel gebucht, Mietwagen, verlängertes Wochenende geplant, Reiseführer gekauft und los. Das Wort „verschandelt“ in der Unterzeile hatten wir geflissentlich überlesen.

Trier ist schön. Punktuell. An denjenigen Stellen, wovon auch Fotos im Reiseführer sind. Der Hauptmarkt, die Porta Nigra, der Dom, die Konstantinsbasilika. Dazwischen macht man am besten die Augen fest zu. Die Innenstadt ist Fußgängerzone, mit den üblichen Filialen der üblichen Geschäfte. Und damit meine ich nicht nur die Hamburger-Kette, sondern Bekleidung, Schuhe, Billig- und Drogeriemärkte, das gewohnte Bild. Man könnte sich auch in Gelsenkirchen, Neuss oder Castrop-Rauxel befinden.

Erst im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass man die richtigen Ecken kennen muss. Da landet man per Zufall in einer Fußballkneipe, und die Wirtin ist ein Musterbeispiel an Orts- und Menschenkenntnis gleichermaßen, erzählt aus ihrem Leben und weist den richtigen Weg heim. Das Ganze allerdings in einem sehr ungewohnten Dialekt. :-) Oder der Posthof, der am Abend stimmungsvoll beleuchtet ist und auf ein Bierchen oder Glas Wein einlädt. Überhaupt ist die Stimmung in der Stadt am Abend eine ganz andere – wie gesagt, wenn man die richtigen Ecken findet. Und die Menschen sind sehr, sehr freundlich, egal ob im Café, im Hotel oder anderswo – wenn man fragt, bekommt man ausführliche und profunde Antwort.

Zu den Einzelheiten:

Porta Nigra
Porta Nigra

Die Porta Nigra ist völlig überlaufen. Bitte nur kurz hingehen, versuchen, ein Foto zu machen, wo keine Menschenmassen drauf sind, und wieder weg.

Dom und Liebfrauenkirche
Dom und Liebfrauenkirche

Dom und Liebfrauenkirche müssen zusammen genannt werden, denn sie hängen praktisch zusammen. Ein beeindruckendes Kirchenbau-Ensemble, dabei sind das nur die „Reste“ eines gigantischen Kirchengeländes, das es im Mittelalter dort gegeben haben muss. Alleine das Taufbecken war damals um die 64 Quadratmeter groß, wird überliefert.

Konstantinsbasilika
Konstantinsbasilika

Die Konstantinsbasilika ist die größte Basilika überhaupt nördlich der Alpen, wiederaufgebaut und beeindruckend riesig.

Rheinisches Landesmuseum
Rheinisches Landesmuseum
Römische Trinkgläser
Römische Trinkgläser
Trierer Goldschatz
Trierer Goldschatz

Das Rheinische Landesmuseum präsentiert sich hell, luftig und bescheiden, dabei wäre gerade hier (wenn schon für irgendetwas in Trier) die Werbetrommel angebracht: in der Sonderausstellung „Ein Traum von Rom“ finden sich wunderbare Fundstücke aus der Römerzeit, anschaulich und ansprechend präsentiert, mit vielen kleinen und großen Schätzen und einem richtigen Goldschatz, der erst vor zwanzig Jahren bei Bauarbeiten gefunden wurde. Im angegliederten „Café Zeitsprung“ kann man eine Pause machen, Kleinigkeiten essen und die Ausstellung noch einmal in Ruhe überdenken.

Amphitheater
Amphitheater

Das Amphitheater ist leider nur noch eine Ruine, es sind keine Sitzreihen in den oberen Rängen mehr da. Trotzdem immer noch die aus solchen Veranstaltungsorten bekannte gute Akustik und die Möglichkeit, unterhalb der Arena durch dunkle, feuchte Gänge zu gehen und sich zu gruseln.

Kaiserthermen
Kaiserthermen

Die Kaiserthermen: nie in Betrieb gewesen, im Gegensatz zu den Barbarathermen, die man aber leider nicht besichtigen bzw. nur von einer Aussichtsplattform fotografieren kann. Im Grunde sind die Kaiserthermen eine Bauruine, aber eine sehenswerte. Die damals geplanten Dimensionen sind selbst für eine Alterumswellnessoase beachtlich.

Trier, Stadtansicht
Trier, Stadtansicht

Ein versöhnlicher Blick über die Stadt ergibt sich vom Westufer aus. Man kann mit dem Auto bis knapp unterhalb der Mariensäule im Stadtteil Pallien/Markusberg fahren und das letzte Stück zu Fuß hochklettern. Dieser Ausflug ist für den Spätnachmittag zu empfehlen, vorzugsweise bei schönem Wetter, da die Stadt dann in der Abendsonne liegt. Der Dom, die Liebfrauenkirche, die Basilika und die Kaiserthermen lassen sich dann gut ausmachen, mit einiger Mühe auch die Porta Nigra. Vor allem bietet sich ein wunderschöner Blick auf die Mosel, die gerade an dieser Stelle in der Flussmitte eine schmale, langgestreckte Insel aufweist.

Fazit
Die mehr oder weniger scheußliche Innenstadt – auch der Hauptmarkt mit einigen sehenswerten Gebäuden und das eine oder andere Haus im Jugendstil können es nicht herausreißen -, dafür kann Trier nichts. Im Krieg stark zerstört, musste, wie in so vielen Städten, alles möglichst schnell wieder aufgebaut werden. Für Restaurierungen gab es kein Geld, keine Zeit, und die Sorgen waren andere.

Schade jedoch, dass Trier aus diesen Pfunden, mit denen es heute zweifelsfrei wuchern kann, so wenig macht. Nicht, dass ich es unbedingt brauche, aber ich habe beispielsweise in der Stadt keinen einzigen Andenkenladen gesehen, bestenfalls zufällig ein paar Umhängetaschen mit „Trier“-Schriftzug. Nach Informationsbroschüren muss man am besichtigten Objekt selbst fragen, dann gibt es auch welche, informative Faltblätter, Museumspläne, Lektüre, im Museumsladen des Rheinischen Landesmuseums dann endlich auch ein paar Mitbringsel für daheim.

Es fehlt ein durchdachtes Konzept, die Innenstadt auf den Wegen zwischen den Sehenswürdigkeiten für Besucher ansprechend zu gestalten und die reiche und interessante Geschichte Triers – immerhin einst größte römische Stadt diesseits der Alpen – angemessen hervorzuheben. Es gibt Hinweisschilder zu den Sehenswürdigkeiten, reichlich. Fußgänger finden sich gut zurecht. Aber wenn man ausnahmsweise per Auto unterwegs ist – wir wollten die Kirche St. Paulin im Norden der Stadt anfahren und vorher das Amphitheater besuchen – fehlen entsprechende Hinweise, wenigstens auf das Amphitheater. Zum Glück hatten wir einen Stadtplan und wussten, wie wir es ansteuern mussten – Hinweisschilder haben wir auf der Strecke keine gesehen, erst unmittelbar davor. Ich musste das Lenkrad beinahe herumreißen, sonst wäre ich an der Einfahrt zum Parkplatz vorbeigefahren. Und nicht jeder kann immer alles zu Fuß machen.

Ein Tagesausflug oder auch zwei Tage lohnt sich für Trier auf jeden Fall – für Rom-Begeisterte und/oder Shopping-Süchtige. Wer einfach nur ein malerisches altes Städtchen mit dem entsprechenden Flair genießen will, wird eher einige Kilometer weiter an der Mosel entlang auf seine Kosten kommen.

Fotogalerie:

Salzburg, November 2013

Salzburg vom Makartsteg gesehen
Salzburg vom Makartsteg gesehen

Salzburg ist die Stadt, in der ich sicher – abgesehen von Berlin – bisher am häufigsten gewesen bin. Der Grund ist einfach: Familie. Mein Mann stammt von dort, und wir haben seine zahlreichen Geschwister und deren im Laufe der Jahre immer größer werdende Kinder- und Enkelschar oft besucht. Manchmal haben wir bei der ältesten Schwester in Mattsee gewohnt, das ist ca. 20 Kilometer nördlich von Salzburg an den Trumer Seen (Obertrumer See, Mattsee und Grabensee), aber sind jedes Mal auch nach Salzburg hineingefahren.

Getreidegasse von oben
Getreidegasse von oben

Alt, alt, alt
Salzburg ist vor allem eins: alt. Zumindest die Innenstadt. Häuser aus dem 13. oder 14. Jahrhundert oder noch älter sind hier keine Seltenheit, und sie sind nach wie vor bewohnt und bewirtschaftet. Das Haus über dem „Ritzerbogen“, dem Durchgang zwischen Sigmund-Haffner-Gasse und Universitätsplatz, ist von 1294. Unten ist die Buchhandlung Höllrigl untergebracht, im Durchgang eine Mini-Filiale vom Konditor Fürst. Im Haus daneben das „Zipfer Bierhaus“, ebenfalls um das Jahr 1300 erbaut, in dem später lange Jahre bis zu ihrem Tod Mozarts verwitwete Schwester lebte, und das seit über 100 Jahren eine Gastwirtschaft im Erdgeschoss beherbergt.

Vom Mönchsberg aus, etwa in Höhe des früheren Café Winkler, jetzt Museum der Moderne, sieht man auf die Getreidegasse und die vielen anderen Gassen der Altstadt hinunter, sie erscheinen wie Schluchten, und geht man hindurch und wendet den Blick nach oben, um den Himmel zu suchen, scheinen sie sich in den oberen Stockwerken noch aufeinander zu zu neigen. In manchen Fällen mag das sogar stimmen, denn streng rechtwinklige Häuser und Räume sucht man hier vergebens.

Mozartkugeln
Vergesst Reber, Mirabell und andere Anbieter: die originalen Salzburger Mozartkugeln – und zwar die einzigen, die sich wirklich „original“ nennen dürfen – sind die vom Konditormeister Fürst, im silberblauen Papier. Alles andere ist nachgemacht. Die Konditorei Fürst liegt am Alten Markt und hat ein sehr gemütliches Café, im Sommer sitzt man auch gern draußen.

Original-Mozartkugel
Original-Mozartkugel

Kirchen
Ich habe irgendwann aufgegeben zu zählen, wieviele Kirchen Salzburg alleine in der Innenstadt hat. Wenn man durch die Altstadt bummelt, fallen sie auch – bis auf den Dom – gar nicht so sehr auf. Weil die Häuser so hoch sind, siehe oben. Manche dieser Kirchen liegen sogar ein bisschen versteckt, zum Beispiel Sankt Sebastian in der Linzer Gasse, oder die Franziskanerkirche, von der ich immer noch nicht so ganz genau weiß, wo eigentlich der Eingang ist. Aber wenn man von einem erhöhten Standort aus über die Stadt sieht, erblickt man fast nur noch Kirchtürme. Ein wunderschöner Anblick:

Kirchen in Salzburg
Kirchen in Salzburg

Essen
Die Österreichische Küche ist zu Recht berühmt! Wenn man sich an ein paar Faustregeln hält. Vergesst allen Schabernack wie Essenstrends oder aufgestylte Verköstigungsboutiquen. Dort findet man die österreichische Küche nicht. Besucht lieber ein kleines Gasthaus abseits der Touristenlaufwege, oder aber ein alteingesessenes wie das Zipfer Bierhaus in der Sigmund-Haffner-Gasse oder das Restaurant Goldene Ente in der Goldgasse (ab 2014 in der Kaigasse). Hier ist alles auf der Speisekarte typisch österreichisch: reichlich, gut und köstlich und kann uneingeschränkt empfohlen werden. Als Nachtisch wählen viele die berühmten Salzburger Nockerln, eine Eischneemasse, die auf der Zunge zergeht. Es sieht nach mehr aus, als es ist. Sagen wir mal: die optische Wirkung verpufft dann sehr schnell. :-)

Wer nur eine Zwischenmahlzeit braucht, kann sich auf dem Würstlstand auf dem Markt am Universitätsplatz ein Paar Frankfurter oder Debreziner oder einen Käsekrainer holen, bitte auf jeden Fall mit Senf UND Kren, wie hier der Meerrettich heißt. Eine Semmel gibts auch dazu.

Debreziner mit Senf, Kren und Semmel
Debreziner mit Senf, Kren und Semmel

Landschaft
Salzburg liegt eingebettet in malerischer Voralpenlandschaft. Einen besonders schönen Blick hat man, wenn man durch die Festungsgasse auf den Mönchsberg steigt, aber nicht bis ganz zur Festung hinauf, sondern dem Oskar-Kokoschka-Weg bis zur Richterhöhe folgt. Bei schönem Wetter sieht man nach Süden nicht nur den Untersberg, den Hausberg der Salzburger, sondern auch die benachbarten Bergketten in ihrer ganzen Pracht:

Blick von der Richterhöhe nach Süden
Blick von der Richterhöhe nach Süden

The Sound Of Music
Der Film „The Sound Of Music“ ist im Jahre 1965 in und um Salzburg gedreht worden. Viele Besucher vor allem aus Übersee sind von diesem Film förmlich besessen, wollen alles darüber wissen und natürlich Originalschauplätze sehen. An jeder Ecke kann man daher Bustouren buchen, Sound-of-Music-Stadtführer erwerben, Filmposter, Souvenirs, Bücher zum Film, und natürlich die DVD. Ich habe es schon erlebt, dass Hotelgäste nachts an der Rezeption nach einer DVD fragten und der Portier bedauernd verneinen musste.

Die Salzburger helfen ansonsten gerne bei allen Sound-of-Music-Nachfragen, aber schütteln insgeheim, siehe oben, die Köpfe. Auch über die Vorstellungen der ausländischen Gäste, was die typische Salzburger Kleidung betrifft. Tatsächlich laufen nicht alle Salzburger ständig und überall in Tracht oder Lederhosen herum. Man kennt dort auch ganz normale Kleidung.
Und was den Film „Sound of Music“ betrifft: Man muss – bei aller Liebe zu Julie Andrews – schon ein Herz für die geballte Gefühlsduselei der 50er Jahre haben. Denn, ganz ehrlich mal: wenn ein Typ wie Christopher Plummer oben im Filmausschnitt mit seiner tiefen Samtstimme sagt „I love you“, fängt man doch als Frau nicht spontan an zu singen, oder? 😉

Caféhäuser
Caféhäuser sind mein heimlicher Favorit. Wer nicht wenigstens einmal im Sonnenschein auf der Terrasse des Café Bazar gesessen, auf die Salzach geschaut und sich über einen der hochnäsigen Kellner amüsiert hat, war nicht in Salzburg! Es hilft, sich vor der Reise kundig zu machen, was sich hinter Bezeichnungen wie „Großer Brauner“, „Einspänner“, „Verlängerter“ oder „Kapuziner“ verbirgt, denn wer danach fragt, hat sich schon ge-outet. Nicht immer sind diese geheimnisvollen Bezeichnungen auf der Getränkekarte erläutert. Zumeist kann man aber auch verschiedene Teesorten und auch einen Cappuccino bestellen, die Sitten sind inzwischen etwas aufgelockerter. Ein Café, das auf sich hält, serviert übrigens zum Kaffee auch immer ein Glas Wasser.

Was für ein Glück, wenn man in einem der Kaffeehäuser an einen Kellner der alten Schule gerät, obwohl er – in diesem Falle – noch recht jung war. Der Herr Alfred im Café Mozart in der Getreidegasse trifft genau den richtigen Ton zwischen leutselig, freundlich, aufmerksam und zurückhaltend – eine Perle! Wer von Euch dorthin kommt und von ihm bedient wird, gebe ihm bitte von mir noch ein Extra-Trinkgeld. :-)

Es fehlen in der Aufzählung noch das oben bereits erwähnte Café der Konditorei Fürst sowie natürlich das Tomaselli am Alten Markt. Alle lohnt es sich zu besuchen!

Stadtalm
Eine Neuentdeckung im November 2013: die Stadtalm. Das Lokal (mit kleiner Jugendherberge) im „Naturfreundehaus“ findet man auf dem Mönchsberg, nicht weit vom Museum der Moderne. Zum Gebäude gehört ein Gastgarten mit dem wahrscheinlich schönsten Blick über die Salzburger Altstadt:

Gastgarten der "Stadtalm"
Gastgarten der „Stadtalm“

Ausflüge in die Umgebung
Die Basilika Maria Plain, wunderbar gelegen, auf einem Hügel nördlich von Salzburg, von dem aus man auf die Stadt sehen kann. Die Basilika ist eine Wallfahrtskirche, und es gibt ein Restaurant für Wanderer, Pilger und auch größere Familienfeiern.

Basilika Maria Plain
Basilika Maria Plain

Hellbrunn, Schlosspark und Zoo: Beides ist unbedingt einen Besuch wert, allerdings sind insbesondere für den Schlosspark und die Wasserspiele eher die warme Jahreszeit zu empfehlen. Der Zoo ist einzigartig, denn er verläuft entlang einer hochaufragenden Felswand, die jeweils die Rückwand der Gehege bildet. Die ganze Anlage ist naturnah und großzügig.

Den Hausberg der Salzburger, den Untersberg, um den sich zahlreiche Mythen ranken, kann man in vier, fünf Stunden zu Fuß erklimmen, aber es gibt natürlich auch eine Seilbahn hinauf. Mit etwas Glück beobachtet man einen der hier lebenden Gänsegeier oder Steinadler.

Untersberg, Gipfelkreuz
Untersberg, Gipfelkreuz

Und hier noch eine Galerie von der letzten Reise:

Berlin, eine Liebeserklärung

Ich weiß noch genau, wann es war. Nein, nicht, wann ich das erste Mal in Berlin war. Das muss Anfang der 80er Jahre gewesen sein. Eine Gruppe junger Journalisten war zu einem dreitägigen Besuch nach Berlin eingeladen worden. Es war mein allererster Flug, mein erster Besuch in Berlin, und ich sah während einer Stadtrundfahrt zum ersten Mal die Mauer. Ich war erstaunt, schockiert, konnte es nicht fassen.

Kuppel Reichstagsgebäude
Kuppel Reichstagsgebäude

Der nächste Besuch war erst wieder nach der Wende. Eine spontane Reise, im November 1997. Ich durfte mit einem Bekannten mitfahren, der beruflich dort zu tun hatte. Wir kamen damals im „Künstlerheim Luise“ unter, einem kleinen Hotel an der Luisenstraße in der Nähe des Reichstags, im ehemaligen Ost-Teil der Stadt. Wobei das Künstlerheim mit Hotel nicht allzuviel zu tun hatte, wenn man davon absieht, dass man dort übernachten konnte. Für 35 D-Mark die Nacht. Sogar Frühstück gab es, wenn ich mich richtig erinnere, in einer Küche mit langen Holzbänken- und Tischen. Und vom Klo auf dem Gang konnte man durchs Fenster genau auf den Reichstag gucken.

Jedes Zimmer war und ist bis heute von einem Künstler gestaltet, und vom Zimmerpreis bekommt dieser einen kleinen Obolus. Damals stand in jedem Zimmer ein altmodischer Kachelofen, der wundervolle Wärme verströmte, das Gebäude war heruntergekommen und marode, aber es war urgemütlich. Die Stimmung in dieser Umbruchzeit nach der Wende war eine ganz seltsame: ein Festhalten an alten DDR-Gewohnheiten, Gestrandete, die irgendwie versuchten, sich nützlich zu machen und doch auf die Fürsorge von anderen angewiesen waren, Aufbruchstimmung, in den Straßen ein Gemisch aus verlassenen, verfallenden Häusern und solchen, die mit großem finanziellen Aufwand bereits renoviert waren. Auch das Künstlerheim wurde nach ein paar Jahren renoviert, und nach dem vorübergehenden Umzug in ein Gebäude in der Nähe der Weidendammer Brücke ist es inzwischen wieder an Ort und Stelle. Die Zimmer sind immer noch von Künstlern gestaltet, die Kachelöfen verschwunden, die Zimmerpreise gestiegen – aber trotzdem ist es nach wie vor originell und einen Besuch wert.

Zimmer im "Künstlerheim Luise"
Zimmer im „Künstlerheim Luise“

Diese Erlebnisse im Künstlerheim waren meine erste Begegnung mit dem Berlin nach der Wende und der Beginn einer großen Liebe.

Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich inzwischen in Berlin gewesen bin. Nie länger als vielleicht höchstens vier oder fünf Tage, aber die immer, immer vollgestopft mit Stadtbummeln, Theater, Oper, Konzerten und Museumsbesuchen. Es ist wie ein hektisches Aufsaugen, ein beinahe verzweifelter Versuch, so viele Eindrücke wie nur möglich mit nach Hause zu nehmen. Eine Zeitlang, als ich beruflich im Schwebezustand und noch nicht in meinem jetzigen Job angekommen war, versuchte ich, mich auf Stellen in Berlin zu bewerben. Eine hätte beinahe geklappt. Beinahe. Aus dem Traum, in Berlin zu leben und zu arbeiten, ist nie etwas geworden. Als ich endlich eine feste Stelle hatte, verschlug es mich nach Köln, und die Versorgung der Familie ging stets vor. Berlin blieb ein Traum, und ich versuche, die eigentümliche, fast euphorische Stimmung, die mich dort jedes Mal erfasst, so oft wie möglich zu erleben. Ich weiß bis heute nicht, ob es am Klima oder einfach an der Stadt liegt, dass ich mich dort so wohl und wie zu Hause fühle.

Aber was ist nun an Berlin so besonders?

Platz
Im Winter ist es nicht nur kalt – es ist bitter kalt. Es zieht. Weil Platz ist. Weil Berlin riesig ist. Weil man, wenn man die Arme ausbreitet, nirgends anstößt und sich fühlt, als könne man die ganze Welt umarmen. Im Sommer ist Berlin wie eine Filiale des Südens. Weil Platz ist, ist auch überall etwas los. Strandbars an der Spree, Straßencafés, Kunst, Kultur, Kitsch – das Leben findet draußen statt.

Lebensgefühl
Es gibt Mögliches und Unmögliches in Berlin, aber garantiert alles und für jeden etwas. Egal, ob es um Ausflugsziele, Ausstellungen, Autos oder einfach um Restaurants und Geschäfte geht. Kurz: es gibt keine Ausrede. Es gibt absolut keinen Grund, Berlin nicht zu mögen.

Kultur
Berlin verfügt alleine über drei Opernhäuser. Drei. Und alle sind Weltklasse. Und in allen dreien bin ich schon gewesen. In der Staatsoper hatte ich einmal eine preiswerte Karte für die „Tosca“ ergattert und saß oben im „Gepäcknetz“, wie man es nennt, die Bühne fast senkrecht unter mir. Staubige Luft herrschte dort oben, und ich kämpfte den ganzen Abend gegen Hustenreiz an, um den göttlichen Gesang unten auf der Bühne nicht zu stören. In der Deutschen Oper habe ich die „Butterfly“ gesehen. Angesichts der riesigen Bühne kam ich aus dem Staunen nicht heraus, mindestens doppelt oder dreimal so breit wie jede Bühne, die ich vorher kannte. In den Pausen der Aufführungen stehen draußen Brezelverkäufer, so dass man sich für den Rest des Abends problemlos mit einer Kleinigkeit stärken kann. Und nach dem Opern- oder Theaterabend werden überall schon die Zeitungen des nächsten Tags kostenlos angeboten. Ich habe dann immer das Gefühl, dass der Abend noch lange nicht vorbei ist, sondern gerade erst anfängt.
Theater gibt es in Berlin unzählige, natürlich bekannte Häuser wie das Maxim-Gorki-Thater, die Schaubühne, das Deutsche Theater, um nur einige zu nennen, aber auch viele kleine und kleinste Bühnen, die aus dem Boden schießen, in Hinterhöfen, in Kellern, die nach einiger Zeit wieder verschwinden und neuen Platz machen.
Kabarett fällt in Berlin auf fruchtbaren Boden, neigen doch die Berliner ohnehin zum Kommentieren und Herummeckern und Anblaffen. Kabarett bringt die Mentalität in eine etwas geschliffenere Form.
Und was wäre Berlin ohne seine Museen und Ausstellungen? Ich bin davon überzeugt, dass ich bisher bestenfalls einen Bruchteil gesehen habe, sporadisch, je nach Wetter, Laune und Begleitpersonen.

Offene Arme
Trotz Berliner Schnauze, trotz aller Probleme, die die Stadt hat, trotz Dauerbaustellen, ausgefallener S-Bahnen, geschäftstüchtiger Inder, die versuchen, einen in ihr Restaurant zu ziehen – ich fühle mich immer willkommen. Immer. Jeder nimmt mich so, wie ich bin. Vergreife ich mich im Ton, wird zurückgeschnauzt. Oder umgekehrt. Und dann ist wieder gut. Keiner ist beleidigt. Ich bin ein Teil von Berlin, auch wenn ich nur zu Besuch bin. Ich habe zu jeder Tageszeit mein Ohr am Puls der Stadt, und bin ich am einen Ende, weiß ich ganz sicher, dass ich gerade am anderen Ende etwas ungeheuer Interessantes verpasse. Und dass es bestimmt jemanden gibt, der mich deswegen bedauern wird. Berlin ist Herz.

Aber – lange Rede, kurzer Sinn: hier meine persönlichen Berlin-Highlights aus vielen, vielen Besuchen.

Nofretete

Nofretete_Neues_Museum, Foto von Philip Pikart, Quelle: Wikipedia
Nofretete_Neues_Museum, Foto von Philip Pikart, Quelle: Wikipedia

Die Büste der Nofretete ist eines der bekanntesten Kunstwerke der Welt. Sie wurde 1912 bei Ausgrabungen in Ägypten entdeckt und 1913 nach Deutschland gebracht. Sie war früher im Ägyptischen Museum gegenüber von Schloss Charlottenburg (Östlicher Stülerbau) ausgestellt, vor einigen Jahren ist sie umgezogen und heute auf der Museumsinsel im Neuen Museum zu finden. Für mich ist die Büste der Nofretete eines der schönsten Kunstwerke, die es gibt. Wenn nicht das schönste und vollkommenste überhaupt.

Das Reichstagsgebäude
Früher konnte man die Kuppel noch einfach so entern – nach ausgiebigem Schlangestehen vor dem Eingang, versteht sich. Wer früh kam, brauchte nicht so lange zu warten. Die Besichtigung der Kuppel ist heute nur noch mit Voranmeldung möglich, leider. Das Gebäude gehört aus zwei Gründen zu meinen Highlights. Zum einen ist der Blick oben aus der Kuppel bzw. von der Dachterrasse einmalig: man sieht nach allen Seiten über Berlin, und Berlin dehnt sich bis zum Horizont. Auf allen Seiten, egal, wohin man sieht. Hier bekommt der Begriff „Platz“ noch einmal eine andere Bedeutung. Der zweite Grund ist eine der prägendsten Erinnerungen des Berlin-Besuchs Anfang der 80er Jahre (siehe oben). Unser Journalistentrupp war am letzten Tag im Reichstagsgebäude zum Mittagessen eingeladen, und es wurde serviert in einem der Türme, der gleich neben dem damals noch vorhandenen sogenannten „Todesstreifen“ lag. Man hatte von oben einen Überblick über die gesamten Grenzanlagen, die unmittelbar an das Reichstagsgebäude grenzten. Grenzsoldaten, Hunde, Stacheldraht, breiten Sandstreifen – gruselig, bedrückend, nicht zu begreifen.

„Eastern Comfort“

Blick aus der "Eastern Comfort" auf die Oberbaumbrücke
Blick aus der „Eastern Comfort“ auf die Oberbaumbrücke

Neben dem Künstlerheim Luise, das den Hippie-Charme der frühen Anfangsjahre leider eingebüßt hat und erwachsen geworden ist, ist das Hotelschiff „Eastern Comfort“ an der East Side Gallery bisher mein schönstes Quartier in Berlin gewesen. Angereist mit einer Freundin zu einem Konzert in der gleich gegenüberliegenden O2-Arena, buchten wir eine Doppelkabine, 1. Klasse. Die sollte man auch nehmen, wenn man Platz haben möchte. Die Kabinen der 2. Klasse sind sehr viel kleiner. Frühstück hatten wir keins gebucht, aber Kaffee und Tee gibt es für alle Gäste umsonst, die Betreuung ist großartig, die Atmosphäre völlig ungezwungen. Auf jede noch so ausgefallene Frage hat man eine Antwort – oder bemüht sich redlich, sie zu finden. In der Morgensonne draußen auf dem kleinen Freisitz gemütlich einen Kaffee trinken, mit Blick auf die Spree und die Oberbaumbrücke – ich habe selten entspanntere und schönere Momente erlebt.

Die Distel
Die „Distel“ ist das ehemalige Ost-Kabarett, das als Gegenstück zu den Kabarettbühnen im Westen der Stadt 1953 gegründet wurde. Heute ist es das größte Ensemble-Kabarett Deutschlands. Angesiedelt ist die Bühne im Vorderhaus des Admiralspalastes direkt am Bahnhof Friedrichstraße. Der Zuschauerraum nach wie vor mit ausgeblichenen Plüschsesseln, was einen ganz eigenen Charme hat. In den Pausen drängen sich vor der kleinen Getränke-Theke die Zuschauer, und es ist eine Kunst, NICHT mit jemandem ins Gespräch zu kommen. Hochaktuell, hochpolitisch, hervorragende Künstler, jedes Programm eine Wucht. Als ich zum ersten Mal dort war, bestand das Publikum noch deutlich aus West- und Ostdeutschen – die an unterschiedlichen Stellen des Programms lachten. Heute hat es sich angenähert, nicht allein deswegen, weil namhafte (west-)deutsche Autoren inzwischen zum Stamm gehören. Im Kabarett ist schon zusammengwachsen, was zusammengehört.

Flughafen Tempelhof

Tempelhofer Feld heute
Tempelhofer Feld heute

Das Tempelhofer Feld hat eine lange und unruhige Geschichte. Jahrhunderte lang Ackerfläche, Parade- und Exerzierplatz, Kasernenanlagen und Pferderennbahn – die Geschichte des Flughafens Tempelhof begann erst 1922, das Flughafengebäude entstand in den Jahren 1936 bis 1941 und ist bis heute mit 1,5 Kilometern Länge des größte zusammenhängende Gebäude der Welt. Tempelhof ist vor allem als innerstädtischer Flughafen der Luftbrücke in Erinnerung, und in der Tat steht vor dem Haupteingang des Gebäudes das Luftbrückendenkmal, das die Berliner „Hungerkralle“ nennen. Im Oktober 2008 wurde der Flughafen Tempelhof für den Flugverkehr geschlossen. Und zum Glück (ich hoffe, das bleibt so) ist die riesige Fläche nicht gleich wieder bebaut worden. Das Flugfeld, die Landebahnen, das Gebäude – alles ist noch da. Auf dem Tempelhofer Feld gibt es heute Naturschutzareale, tummeln sich Jogger, Radfahrer, Kinder, die Drachen steigen lassen, am Rande sind Sportanlagen entstanden, Grillplätze, im Hangar werden Konzerte veranstaltet – das Gelände ist ein riesiger innerstädtischer Freizeitpark, in Händen der Berliner, und so soll es bleiben. Es gibt wohl kaum ein kurioseres Freizeitgelände als ehemalige Landebahnen.

Holocaust-Mahnmal
Richtig heißt das Monument eigentlich „Denkmal für die ermordeten Juden Europas„, und diese sperrige Bezeichnung scheint zu dem riesigen Feld voller dunkler Beton-Stelen zu passen. Berliner Freunde hatten während der Bauzeit große Bedenken. Befürchtungen, das Mahnmal müsste nun rund um die Uhr bewacht und vor rechtsradikalen Schmierereien oder Anschlägen geschützt werden. Ich weiß nicht, wie gut es bewacht wird. Ich weiß nur, dass es vereinzelte Aufpasser gibt, die allzu vorwitzige Besucher ermahnen und daran erinnern, dass es sich um ein Mahnmal handelt.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas
Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Als es errichtet wurde, konnte ich mir nicht so recht vorstellen, wie sich der Architekt Peter Eisenman die Wirkung vorgestellt hatte. Ich nahm an, die Beton-Stelen seien stellvertretend für einzelne Menschen oder Menschengruppen gedacht. Ganz falsch. Wie genial dieses Mahnmal konzipiert und wie frappierend die Wirkung ist, habe ich erst erfahren, als ich es zum ersten Mal besuchte. Meine Eindrücke habe ich auch in meinem Buch verarbeitet. Und ich stehe nicht alleine da: so oder ähnlich ist es mir von allen Freunden und Bekannten geschildert worden, die hineingegangen sind:

Juan sah Kitty einen Moment unschlüssig an, dann folgte er den Pflastersteinen zwischen den Betonstelen, es ging leicht abwärts. Um ihn herum schienen die Steine in die Höhe zu wachsen. Juan blieb nach zwanzig Metern einen Moment stehen und sah sich um. Eine Familie war zugleich mit ihm hineingegangen, er konnte sie nicht mehr sehen oder hören. Der Straßenlärm verebbte, es wurde immer stiller. Unlustig schlenderte er weiter. Juan spähte nach jeder Stele nach rechts und nach links, aber sah immer nur vereinzelte Menschen um die Ecken huschen, nahm sie schemenhaft wahr, und sie verschwanden im Nichts. Er ging weiter, die Geräusche vom Straßenlärm wurden vollständig verschluckt, und selbst die Sonne war zwischen den hohen Stelen nicht mehr zu sehen. Menschen tauchten kurz auf und verschwanden wieder, er fühlte sich, als ob er von der Außenwelt abgeschnitten wäre. Juan blieb verblüfft stehen und horchte. Irgendwo Stimmen, Kinder offenbar. Er hörte sie wie von weit weg, obwohl sie ganz in der Nähe sein mussten. Das Gefühl von Verlust, und von aller menschlichen Zuwendung abgeschnitten zu sein, wurde fast übermächtig. Er wusste genau, wie es war, vertraute Menschen ganz plötzlich zu verlieren, nichts über ihr Schicksal zu wissen. Bilder in seinem Kopf tauchten auf, von unbeschwerten Tagen, aber die riesigen, dunklen Steine um ihn herum erstickten sie. Juan keuchte. Er drehte sich ein paarmal um die eigene Achse und hatte vollständig die Orientierung verloren. Beklemmung. Grün. Bäume. Er musste sich an den Bäumen orientieren. Die waren vorne an der Straße. Er hastete ein Stück vorwärts, dorthin, wo der Weg anstieg, und konnte endlich weiter vorne einige Baumkronen ausmachen. Dort musste Kitty sein. Dann fühlte er auch wieder die Sonne auf seinem Kopf und endlich sah er Kitty vorne auf dem Stein sitzen, wie sie es versprochen hatte.
Er setzte sich neben sie, legte ihr einen Arm um die Schultern und zog sie an sich. Ihren warmen Körper zu spüren hatte etwas Tröstendes und tat unendlich gut. Juan sagte nichts von der Angst, von wiedergekehrten Erinnerungen, von dem Gefühl des Verlustes, des Ausgeliefertseins, dass er mitten zwischen den Stelen plötzlich empfunden hatte. Und wie entsetzlich mussten sich erst die Menschen gefühlt haben, für die dieses Denkmal errichtet worden war. Juan schauderte. Kitty sah ihn von der Seite an. „Ich weiß“, sagte sie leise, „es ging mir genauso, als ich zum ersten Mal dort drin war. Eindrucksvoll, nicht wahr?“ Juan nickte und gab ihr einen Kuss. „Eindrucksvoll. Und sehr bedrückend. Und trotzdem danke“, sagte er. Kitty nickte stumm.

Café und Restaurant „Die Eins“
In einem Eckhaus an der Wilhelmstraße, einen Steinwurf vom Brandenburger Tor und dem Reichstagsgebäude entfernt, liegt das ARD-Hauptstadtstudio. Von hier werden alle Nachrichten der ARD aus Berlin gesendet, und jedem ist sicher aus der Tagesschau das Bild vertraut, wenn Reporter draußen mit dem Reichstagsgebäude im Rücken kommentieren und berichten. Dann stehen sie immer auf der Brücke über die Spree gleich neben dem Gebäude.

Café und Restaurant "Die Eins"
Café und Restaurant „Die Eins“

Unten im Haus, auf der Seite des Spree-Ufers, befindet sich das Café und Restaurant „Die Eins„, frequentiert von Journalisten wie Politikern und Touristen. Letztere eher weniger, weil das Restaurant doch ein wenig abseits der Touristenrouten liegt. Wie es sich gehört für eine Gaststätte, die Menschen mit nicht alltäglichen Arbeitszeiten verköstigt, gibt es von 9.00 bis 24.00 Uhr Frühstück. Und nicht nur schlichte Brötchen, sondern kleine, sättigende und köstliche Mahlzeiten, alle benannt nach einer ARD-Fernsehsendung. Einzelheiten bitte der Frühstückskarte entnehmen. Bei den Hauptgerichten sind für hungrige Touristen die beiden Schnitzel „Wiener Art“ mit Bratkartoffeln sehr zu empfehlen. Riesige, aber hauchdünne Schnitzel und knusprige Kartoffeln – saulecker.
Im Sommer sitzt man draußen, entweder gleich vor dem Restaurant, lieber aber auf der anderen Straßenseite, wo entlang der Spree zahlreiche Tische und gemütliche Korbsessel aufgestellt sind. Man lässt die Ausflugsschiffe an sich vorbeiziehen, schmaust in Ruhe, liest Zeitung, trinkt Kaffee, und mit etwas Glück nimmt irgendwann an einem der Nachbartische ein bekannter Politiker oder Journalist Platz.

Achtung, Update (Mai 2015)! Inzwischen hat in der „Eins“ der Besitzer gewechselt. Die gemütlichen Korbsessel draußen sind verschwunden, stattdessen Möbel-Einheits-Brei mit Klappstühlen und pflegeleichten Tischen. Das Essen ist noch genau so gut, aber die witzige Frühstückskarte gibt es nicht mehr, und Frühstück ohnehin nur noch bis 12 Uhr. Und überhaupt ist das jetzt eher so ein schnieker Laden wie viele andere auch. Ich kann es nicht mehr uneingeschränkt empfehlen, leider. :-(

Pergamonmuseum
Ich glaube, das ist mein Lieblingsmuseum. Ich schreibe deswegen „ich glaube“, weil ich noch längst nicht alle Museen in Berlin gesehen habe. Das Pergamonmuseum ist… nun, riesig. Wie alles in Berlin. Und auch hier ist Platz. Hat man doch um den Pergamonaltar, der zwischen 1876 und 1886 in der kleinasiatischen Stadt Pergamon ausgegraben und in Berlin wieder zusammengesetzt wurde, ein Museum einfach drum herum gebaut. Auf der Museumsinsel, die ja bekanntermaßen noch weitere bedeutende Bauten aufweist. Durch die gesammelten Altertümer des Pergamonmuseums zu streifen bedeutet, in eine andere Zeit einzutauchen, in Kulturen, die längst vergangen sind. Alleine das Ischtar-Tor und die Prozessionsstraße – ungeheuer eindrucksvoll, sowohl künstlerisch als auch wiederum in den Ausmaßen.

Sony-Center und Potsdamer Platz
Die neue Mitte von Berlin. Bis zur Wende eine riesige Brachfläche, die niemand betreten konnte und durfte, nach der Wende ruck-zuck zugebaut. Ich erinnere mich, dass ich mich an die Architektur erst gewöhnen musste, und noch heute, nach unzähligen Besuchen, verliere ich in den Häuserschluchten immer noch schnell die Orientierung. Dennoch ist das Gebäudeensemble auf jeden Fall einen Besuch wert. Ob man vor dem Hotel Ritz Carlton auf Promis lauert, die möglicherweise dort wohnen, das Zeltdach des Sony-Centers bewundert, das Filmmuseum besucht (lohnt sich übrigens auch!) oder sich einfach nur zum Aufwärmen an einem kalten Wintertag in eine der zahlreichen Gaststätten setzt – es ist immer etwas los, immer etwas zu sehen und auch immer etwas zu fotografieren. Das Zeltdach des Sony-Centers wird abends bunt beleuchtet und ist für Hobby-Fotografen eine Herausforderung. Die eine oder andere gute Aufnahme ist mir im Laufe der Zeit gelungen.

Damit bin ich (zunächst) mit meinen Highlights an einem vorläufigen Ende angekommen. Es gibt so unglaublich viel zu erzählen und zu beschreiben – und Erlebnisse, die man einfach nicht beschreiben kann. Man muss Berlin selbst sehen.

Hier noch ein paar Eindrücke in einer Bildergalerie. Viel Spaß!

 

Brügge, September 2013

Gesucht: ein Urlaubsziel für drei bis vier Tage, nicht allzuweit vom Rheinland entfernt, und für ältere Leute geeignet, die nicht mehr allzugut zu Fuß sind.

Mein Mann und ich kamen beide unabhängig voneinander auf den selben Gedanken: Brügge, Flandern, Belgien.

Wie das immer so ist, was vor der Haustür liegt, übersieht man. Oft viele Jahre lang. Man könnte ja jederzeit einmal hinfahren – und genau deshalb tut man es nicht. Aber jetzt. Endlich. Für drei Tage in der restlichen Woche meines Sommerurlaubs, Anfang September, ein Hotel in der Innenstadt und einen Mietwagen gebucht, einen Stadtführer besorgt und los ging’s!

Nach Brügge hineinzufinden war dank der sehr guten Anfahrtsbeschreibung auf der Internetseite des Hotels (Hotel Koffieboontje) ziemlich einfach, die Einfahrt in die Garagenebene im Untergrund des heillos verschachtelten Gebäudes schon etwas schwieriger, aber auch das ließ sich meistern – das Leih-Auto war ein winziger, aber wendiger Seat Mii. Unser gemeinsamer großer Koffer war nur mit Tricks im Kofferraum zu verstauen, aber es ging. Erst hochkant reinstellen, dann längs kippen und schließlich herunterklappen, fertig.

Dass Hotel Koffieboontje liegt in der Hallestraat, die eigentlich Fußgängerzone ist, aber von Hotelgästen kurzzeitig befahren werden darf. Und die Hallestraat mündet direkt auf den Markt mit dem berühmten Belfried, für Fußfaule und Hüftoperierte ideal.

Da wir alle beide seit Jahrzehnten nicht mehr in der Stadt gewesen waren, einigten wir uns darauf, uns in den drei zur Verfügung stehenden Tagen am gekauften Stadtführer zu orientieren (Literaturhinweis weiter unten), der zwei ausgedehnte Spaziergänge vorschlug. Einer führte in gemütlichen zwei Stunden an allen bekannten Sehenswürdigkeiten vorbei (und war damit natürlich von Touristen bevölkert). Der zweite führte durch das weniger bekannte Brügge, war ruhiger, beschaulicher und fast noch schöner als der erste.

Für Fotografen ist Brügge natürlich ein El Dorado. Am ersten Tag kamen wir kaum vorwärts, weil es in der Innenstadt so viel zu sehen und zu fotografieren gab. Mein armer Mann musste ständig warten, bis Frau sich sattgesehen und alles geknipst hatte.

Ich fühlte mich wie in eine andere Welt versetzt. In der Innenstadt sind die Häuser alt. Alle. Und richtig alt, nicht nachgebaut oder restauriert. Viele aus dem 15., 16. oder 17. Jahrhundert. Wie jeder Mitteleuropäer fragte ich mich unwillkürlich, ob Brügge vom Weltkrieg verschont geblieben ist, denn ein solches Ensemble an architektonischen Kleinoden ist selten. In vielen Städten wurde nach dem Krieg wieder originalgetreu aufgebaut, hier ist alles noch wie früher, die Zeit scheint stehengeblieben zu sein.

Ich liebe diese verschachtelten Häuser, die so typisch sind: hier ein paar Stufen, da ein Treppchen oder eine Biegung im Gang, unser Hotel war auch so gebaut, genau genommen sogar ein Zusammenschluss von zwei oder gar drei Stadthäuschen. An der Rezeption bekamen wir kopierte Pläne für jedes Stockwerk ausgehändigt, damit wir uns zurechtfanden, offenbar hatte das Personal einschlägige Erfahrungen mit verirrten Hotelgästen. Unser Zimmer hatte uralte Deckenbalken, das Frühstücksbüffett war in einem Gewölbekeller aufgebaut, und zwei Ecken herum von unserem Zimmer und eine Treppe runter befand sich die hauseigene Bar mit Restaurant. Hier war wenigstens das Essen halbwegs preiswert, zumindest das Tagesmenu. Für 12 Euro war man dabei, hat natürlich dann keine Auswahl, sondern muss nehmen, was es gibt. Alle anderen Restaurants brachten uns, was die Preise angeht, erst gehörig ins Staunen und dann ins Schwitzen. Für ein gulaschähnliches flandrisches Fleischgericht, ein Käse-Schinken-Omelette und drei Getränke über 50 Euro hinzublättern, passiert einem auch nicht alle Tage. Wir hatten angenommen, auf dem Marktplatz würden wir auch die Sicht auf den Belfried mitbezahlen, aber auch in weiter entfernt liegenden Nebenstraßen war das Essen so teuer. Ziemlich die günstigste Mahlzeit war ein halbes Hähnchen mit Pommes und Salat für 13 Euro. Aber immerhin: das Essen war überall sehr, sehr lecker.

Wir folgten an den drei Tagen Aufenthalt den beschriebenen Spaziergängen aus unserem Buch in Teilstrecken und nicht immer genau der eingezeichneten Linie nach, sondern häppchenweise, besonders am letzten Tag, an dem es unglaubliche 33 Grad im Schatten hatte. Zum Glück hatten wir unser Stammcafé (Café Venezia, hinter der Burg) bereits gefunden und konnten auf der schattigen Terrasse sitzen.

In Brügge wird einem die Zeit nicht lang, so klein der alte Stadtkern auch ist, es gibt so viel zu sehen und zu unternehmen. Empfehlenswert, um einen ersten Überblick zu bekommen, ist entweder eine Fahrt mit dem Boot über die zahlreichen Kanäle (ca. 8 Euro), oder eine Fahrt mit dem Fiaker, die 39 Euro kostet. Die Kutscher/innen erläutern während der Fahrt nur zu gerne die Sehenswürdigkeiten der Innenstadt und erwarten dafür zu Recht ein Trinkgeld.

Museumsbesuche haben wir uns weitestgehend gespart, das Wetter war einfach zu schön, um sich lange in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Zwei kleinere haben wir uns angesehen: Das eine war das Diamantenmuseum, in dem man die enge Verknüpfung der Diamantenschleiferei mit der Geschichte Flanderns anschaulich nachvollziehen kann. Und natürlich sind wunderbare Stücke ausgestellt! Leider (und verständlicherweise) durfte man nicht fotografieren… Das andere war das Brügger Zentrum für Spitzenklöppelei (neben der Jerusalemkirche, siehe unten), das letzte Zentrum dieser aussterbenden Kunst. Schön, dass sie immer noch gelehrt und ausgeübt wird. Im Museum waren wunderbare, zum Teil Jahrhunderte alte feinste geklöppelte Spitzen ausgestellt, absolut sehenswert!

Beide keine Kirchgänger, bewundern wir doch immer wieder Architektur und Kunstwerke der sakralen Gebäude. In der Liebfrauenkirche fand sich eine Skulptur von Michelangelo, die „Mutter mit dem Kinde“ (die Brügger Madonna), die einzige Skulptur übrigens, die Italien zu Michelangelos Lebzeiten verlassen hat.

Die Jerusalemkirche hat uns am meisten beeindruckt. Sie stammt aus dem 15. Jahrhundert, wurde von einer Familie erbaut und befindet sich bis heute im Privatbesitz, als einzige private Kirche in ganz Belgien. Das Innere ist beeindruckend schlicht, der steinerne Altar stammt aus dem Jahre 1435, die Glasfenster aus den Jahren um 1500 und sind die schönsten von ganz Brügge.

Unser Fazit: Brügge lohnt sich, lohnt auch für einen zweiten oder dritten Besuch. Allerdings besser nicht länger als drei Tage am Stück, sonst kann man die vielen Eindrücke gar nicht mehr verarbeiten.

LITERATUR:

Brügge
Stadtführer mit 196 Farbbildern
Verlag und Design: Simon Sauer
Text: Bob Warnier, Brügge

Borkum-Urlaubsimpressionen

 

 

 

 

 

 

 

Borkum gehört neben Juist, Norderney, Langeoog, Baltrum,  Spiekeroog und Wangerooge zu den Ostfriesischen Inseln, Borkum ist die am westlichsten gelegene und größte. Die Ostfriesischen Inseln liegen vor der Nordseeküste Niedersachsens und sind Teil des größten Wattenmeeres in der Nordsee.

Ein Wiedersehen nach langer Zeit
Ich war 1983 zuletzt auf Borkum, also vor genau 30 Jahren. Warum ich nicht schon viel eher wiedergekommen bin, kann ich im Nachhinein gar nicht mehr sagen – aber ich habe den Einheimischen versprochen, nicht mehr so lange mit dem nächsten Besuch zu warten, und dieses Versprechen gedenke ich zu halten. :-)

Was suche ich auf Borkum? Ruhe und Natur, vor allem diese beiden Dinge. Und man findet beides auch – zumindest abseits der Hauptstrände. Borkum hat sich gewandelt – von der Urlaubsinsel für vornehme Badegäste zur familienfreundlichen Ferieninsel und zugleich naturverbundenem Urlaubsziel für Individualisten. Borkum ist keine Insel der mondänen Strandbars. Wer das erwartet und seine Abendkleider ausführen möchte, möge nach Sylt ausweichen. Borkum ist handfest, praktisch, ungezwungen, ehrlich, offen und freundlich

Wer sich für einen Urlaub an der Nordsee entscheidet, weiß in der Regel, was ihn dort erwartet – oder hat zumindest eine Vorstellung davon. Die Nordsee hat ein raueres Klima als die Ostsee, die Gezeitenunterschiede sind größer, der Wind heftiger, Temperaturunterschiede können innerhalb von Sekunden gewaltig sein, je nach Sonne oder Regen und Wind. Genau das ist es aber, was den Aufenthalt an der Nordsee so gesund macht und noch lange nachwirkt: der Körper wird gefordert, abgehärtet, und wer sich Wind und Wetter stellt, hat am Ende des Tages das wohlige Gefühl, etwas geschafft zu haben. Abends dann mit einer Tasse Tee wohlig einmummeln – es gibt nichts Schöneres!

Hier die Zusammenfassung meiner eigenen Reise nach Borkum im August 2013. Ich werde versuchen, so viele Tipps wie möglich für Borkum-Interessierte zu geben, aber natürlich bleibt dieser Bericht trotzdem sehr persönlich gehalten und an meinen eigenen Vorlieben ausgerichtet. Links zu allen wichtigen Internetseiten, auf denen man die Themen vertiefen kann, füge ich am Schluss ein. Was einen auf Borkum erwartet, wie man sich vorbereitet und was man am besten mitnimmt (oder aber zu Hause lässt), was man unternehmen kann und was man sich unbedingt ansehen sollte, darum geht es in den nächsten Kapiteln.

Anreise

Die Anreise nach Borkum bedeutet, dass man entweder die Kombination Straße/Schiff, oder Bahn/Schiff oder aber eine Flugverbindung benutzt.
Auto: Bis Emden-Außenhafen (auf deutscher Seite) oder bis Eemshaven (niederländische Seite). Wenn man sein Auto nicht mit auf die Insel nehmen möchte, kann man es (kostenpflichtig) auf einem Parkplatz am Anleger abstellen.
Bahn: Mit der Bahn anzureisen, ist fast noch bequemer als mit dem Auto. Aus vielen deutschen Großstädten fahren im Zwei-Stunden-Takt Intercitys bis Emden-Außenhafen direkt zum Schiffsanleger, so dass man nur von der Bahn auf das Schiff umsteigen muss. Die Fahrkarte gilt meistens auch für das Schiff sowie die Inselbahn, die die Urlaubsgäste vom Anleger bis zum Bahnhof Borkum bringt. Die Rückreise geht in umgekehrter Reihenfolge, und wieder kann man vom Schiff direkt in die Bahn umsteigen.
Flug: Zwischen Borkum und Emden gibt es eine regelmäßige Flugverbindung, die von der Ostfriesischer-Flug-Dienst GmbH bedient wird. Eine Strecke dauert ca. 15 Minuten, Hin- und Rückflug kosten ungefähr 140 Euro (ohne Gewähr)

 

 

 

 

 

 

 

Einpacken

Auf jeden Fall von allem etwas, und möglichst Kleidung, die sich auf unterschiedlichste Weise kombinieren lässt. Am Strand sieht man kurze Hose mit Winterpullover. Oder lange Hose mit Bikinioberteil. Oder Anorak, lange Hose, aufgekrempelte Beine. Sie werden merken, dass die abenteuerlichsten Kreationen hier völlig normal aussehen! Jeder so, wie er mag.

Sehr praktisch, wenn man unterwegs ist, sind Outdoorhosen, deren Beine man mindestens ein Mal mit Reißverschluss verkürzen kann. Wer die nicht hat, sollte darauf achten, dass Hosenbeine sich gut aufkrempeln lassen. Bei einer Jeans geht das meist nicht so gut, lieber eine weite Baumwoll- oder Leinenhose ins Gepäck stecken.

Denn: Am Strand auf Borkum läuft man meistens barfuß. Zumindest im Sommer. Das ist hier nicht nur gut möglich, sondern sehr gesund und wohltuend. Abends hat man immer schöne warme Füße.

Trotzdem unbedingt mitnehmen: Outdoorschuhe, für den Sommer als Sandalen (gibt es regelmäßig sehr preiswert und gut im Discounter), Sportschuhe oder flache Leinenschuhe, für den Herbst oder Winter möglichst wasserfeste und warme Stiefel. Auf Borkum lässt sich gut wandern, es gibt sogar einen Waldlehrpfad. Für den Sommer und den Strand empfehle ich außerdem Schuhe, die auch mal nass werden dürfen, am besten Plastik-Clogs. Die sind zwar hässlich, aber praktisch. Man kann sich noch so sehr vornehmen, am Strand immer barfuß zu laufen – irgendwann kommt dann doch genau DAS Muschelfeld, in dem man sich verzweifelt eine dicke Sohle unter den nackten Füßen wünscht. Es lohnt sich kaum, schon zu Hause nach passenden Exemplaren Ausschau zu halten, man kauft sie am besten auf Borkum für ein paar Euro, denn die Auswahl ist riesig und die Preise günstiger.

Unbedingt notwendig, wenn man den ganzen Tag am Strand oder in der Natur zubringen will: Eine Umhängetasche oder Rucksack, jedenfalls etwas, das man sich so umhängen kann, dass man die Hände frei hat. Möglichst groß und strapazierfähig genug, dass mal ein Paar Schuhe hineinpasst, wenn man sie am Strand auszieht, evtl. auch noch mit Platz für eine Jacke oder einen Pullover. Oder für die Spielsachen der Kinder.

Nützlich und warm an Sommertagen, wenn plötzlich kühler Wind aufkommt: eine Jacke mit Kapuze, entweder Fleece oder Sweatjacke, für feuchte Witterung einen Anorak.
Als Sonnenschutz auf jeden Fall eine sehr gute Sonnenbrille, außerdem natürlich Sonnenmilch mit gutem Schutzfaktor. Lieber einen höheren als gewohnt mitnehmen, da die Sonnenstrahlung an der See durch Wasser und Sand verstärkt wird. Und bei dem ständigen Wind, der herrscht, merkt man die intensive Strahlung nicht so.

Wichtig, vor allem für Menschen, die am Kopf etwas windempfindlich sind: eine fest sitzende Mütze, an kühleren Tagen eine dichte Strick- oder Fleecemütze, für Sonnentage eine Schirmmütze.
Wer gerne und viel draußen ist, sollte für alle Fälle ein Taschenmesser mitnehmen (für Picknick, oder um Muscheln aufzuknacken). Wenn die Abende schön und warm genug sind, um draußen zu sitzen, empfiehlt sich ein Windlicht, außerdem ein gutes Mückenmittel, denn auch diese Plagegeister gibt es leider auf der Insel, wenn auch nicht viele.

Alles, was man an Kleidung braucht, kann man natürlich auch auf der Insel kaufen. Die Geschäfte sind auf die Bedürfnisse der Urlauber eingerichtet. Outdoorkleidung gibt es allerdings nur von den bekannten Marken und zu entsprechenden Preisen. Lieber in den Monaten vor der Reise schon bei Discountern gucken. Die Qualität ist meist sehr gut.

Wer die Natur beobachten will, sollte ein gutes Fernglas mitnehmen. An den Tüskendörsee zum Beispiel darf man nicht nahe heran, aber im Feldstecher lassen sich bei gutem Wetter hunderte zum Teil seltene Seevögel beobachten. Auch die Seehunde auf der Sandbank gegenüber des Weststrands sind mit dem Fernglas sehr gut zu sehen. Außerdem ist es natürlich immer wieder interessant, sich die vielen vorbeiziehenden Schiffe genauer anzusehen. Vom Krabbenkutter bis zum Öltanker zieht vor der Westküste Borkums alles vorbei.

Checkliste:

  • Outdoorhosen und -schuhe (Sandalen)
  • Plastiksandalen
  • Umhängetasche oder Rucksack
  • Jacke aus Fleece oder Sweat mit Kapuze oder winddichter Anorak
  • Sonnenbrille, Sonnenschutzmittel
  • Mütze
  • Windlicht
  • Taschenmesser
  • Mückenmittel
  • guter Feldstecher

 

 

 

 

 

 

 

Was macht man auf Borkum?

Man muss Sand mögen. Wirklich mögen. Denn nach wenigen Tagen hat man die winzigen Körnchen überall. Und wenn ich überall sage, meine ich das so. In den Schuhen sowieso, besonders in offenen Sandalen. In Hosentaschen. Im Rucksack. In der Duschwanne. Und schließlich auch auf dem Bettlaken. Das lässt sich gar nicht vermeiden. Der Nordseesand ist so fein, dass er einfach überall hineingerät, und wenn man sich noch so in Acht nimmt. Genau das, nämlich sich pausenlos in Acht nehmen, sollte man aber nicht tun, wenn man den Aufenthalt an der Nordsee und auf Borkum genießen will.
Für die Reise sollte man mindestens eine Woche planen, besser zehn Tage. Es dauert ein bisschen, sich an das Klima, die Gezeiten und den Lebensrhythmus der Insel anzupassen. Wer nur über das Wochenende kommt, verpasst den so wichtigen Erholungseffekt, der erst nach einigen Tagen einsetzt.

Kindern kann man getrost Freiraum lassen, zumindest am Strand. Und dort laufen sie natürlich meist barfuß. Am Strand liegen weder Scherben noch Hundehaufen herum, obwohl es viele Urlauber mit Hunden gibt. Statten Sie Ihre Kinder unbedingt mit Plastik-Clogs aus (zum Herumklettern zwischen den Steinen der alten Buhnen) mit einer Schaufel (Plastik für die ganz Kleinen und Metall für die Größeren), einem Eimer und einem Netz, die es überall für kleines Geld zu kaufen gibt, und die Kinder werden den ganzen Tag beschäftigt sein. Außer, wenn sie Hunger haben. Dann kann man in einer der Strandbuden viele, viele Kleinigkeiten essen, die Auswahl ist erstaunlich groß und nicht teuer. Nehmen Sie für Ihre Kinder IMMER Ersatzkleidung mit, eine Hose und ein T-Shirt oder einen Pulli, je nach Wetter. Irgendein Malheur passiert ständig. Es gibt tatsächlich Eltern, die ihre armen Kinder am Strand in Gummistiefel stecken (im Sommer!!). Kinder sollen im Sand, in Schlick, im Schlamm wühlen, bis sie buchstäblich schwarz sind. Was Besseres und Gesünderes gibt es nicht. Hinterher kann man alles abwaschen.

Auf die Einheimischen sollte man hören! Der Schutzzaun zwischen Strand und Seehundsandbank steht da nicht ohne Grund, auch wenn das ursprünglich vorhandene Hinweisschild (Stand August 2013) nicht mehr vorhanden ist. Der Zaun dient nicht nur der Sicherheit und Ungestörtheit der Tiere, sondern auch zum eigenen Schutz. Sich mit einer Seehundmutter anzulegen, die ihr Baby bedroht sieht, empfiehlt sich wirklich nicht. Auch Hinweisschilder auf den Wanderwegen, im Watt oder in den Dünen sind unbedingt zu beachten. Der Lebensraum Wattenmeer ist einmalig auf der ganzen Welt, es gibt ihn nur hier, bei uns an der Nordseeküste, und er verdient Schutz und Rücksichtnahme.

 

 

 

 

 

 

 

Sand, Wellen, Wind

Nordsee-Urlauber wissen, dass dies nicht etwa Eintönigkeit bedeutet, sondern jeden Tag anders ist. Je nach Wetter, Temperatur, Sonnenscheindauer und Wind. Ich habe meine persönlichen Highlights der Reise zusammengestellt. Die Tipps eignen sich für fast jedes Wetter.

Der neue Leuchtturm

Der Leuchtturm auf dem kreisrunden Platz zwischen Strandstraße, Goethestraße, Hindenburgstraße und Am Neuen Leuchtturm kann besichtigt werden. Ungefähr 315 Stufen führen ganz nach oben, aber es gibt immer wieder kleine Nischen und Absätze, wo man verschnaufen und sich sogar hinsetzen kann. Zusätzlich gibt es Informationstafeln mit wissenswerten Details über den Leuchtturm, der 1879 in der Rekordzeit von nur fünf Monaten gebaut wurde und seitdem in Betrieb ist. Die Aussichtsplattform ist mit Gittern gesichert, und man hat bei schönem Wetter einen fantastischen Blick über die ganze Insel.

 

 

 

 

 

 

 

Wattwanderung

Ob man mit Albertus Akkermann, dem singenden Wattführer, loszieht, oder mit einem seiner Kollegen, Heinrich Poppinga oder Peter de Buhr, ist egal. Das Wichtigste ist, unvoreingenommen und ohne Berührungsängste mitzugehen. Es geht darum, Natur zu erleben, und wo könnte man das unmittelbarer tun als praktisch auf dem Meeresboden, der für einige Stunden trocken liegt? Jeder Wattführer hat seine eigene Art und seine eigenen Geschichten zu erzählen, immer ist es interessant und lustig, manchmal sogar spannend, und sicher wird auch das eine oder andere Seemannsgarn gesponnen. Allen ist aber die Liebe zur Natur und ihrer Insel gemeinsam, und sie werden nicht müde, das reichhaltige Leben auf, um und im Watt zu erklären und besonders die Kinder für diesen einmaligen Lebensraum zu begeistern. Bei Wanderungen ins Watt wird aus gutem Grund vor Alleingängen dringend gewarnt. Das Wasser kann schneller kommen, als man denkt, und wenn man sich nicht auskennt, wird man eingeschlossen. Es lohnt sich, ins Watt zu gehen, aber bitte nur mit einem erfahrenen Wattführer.

Rundflug

Vom Flughafen Borkum aus kann man zu Rundflügen starten, da auf Sicht geflogen wird, und wegen der Aussicht aber nur bei gutem Wetter. Es ist nicht ganz billig, aber wer ohnehin überlegt, sich die Insel von oben anzusehen, sollte es (bei schönem Wetter) unbedingt tun! Es gibt Rundflüge um Borkum, die 15 Minuten dauern und 45 Euro kosten (pro Person, Stand: August 2013). Für 100 Euro (pro Person, Stand: August 2013) dauert der Flug eine halbe Stunde und führt nicht nur zweimal um Borkum, sondern auch nach Juist und Norderney. Auf dem Weg nach Juist überfliegt man die Vogelschutzinsel Memmert und eine ganz neue kleine Insel, die gerade vor Juist entstanden ist und noch keinen Namen hat. So hat s zumindest der Pilot erzählt.

 

 

 

 

 

 

 

Der schönste Wanderweg

Die schönste Wanderung, die ich auf Borkum gemacht habe, ist durch Zufall zustande gekommen und war eine Kombination aus Radtour und Salzwiesenwanderung. Mit dem Rad am Flughafen vorbei der Ostfriesenstraße Richtung Ostland folgen bis zum Aussichtspunkt „Steernklipp“. Dort kann man das Rad abstellen, über ein paar Treppen bis oben auf die Düne steigen und hat einen fantastischen Blick auf die Umgebung. Wieder unten, das Fahrrad stehen lassen und zu Fuß den Wanderweg Richtung „Hoge Hörn“ gehen. Dieser Weg führt mitten durch die Salzwiesen und mündet nach ungefähr 2,5 Kilometern am menschenleeren Oststrand. Man kann die ganze Zeit barfuß laufen, der Untergrund ist fest oder auch sandig, es gibt zwei kleine Brücken, die Priele überqueren, da sollte man evtl. die Schuhe noch einmal kurz anziehen. Laut Hinweisschild am Beginn des Weges stehen einige Teile gelegentlich unter Wasser, daher empfiehlt sich entsprechendes Schuhwerk.

Heimatmuseum „Dykhus“

Das Museum liegt ein bisschen versteckt in der Roelof-Gerritz-Meyer-Straße (östlich des Alten Leuchtturms), aber es gibt genügend Hinweisschilder. Der Besuch bietet sich nicht nur für Regentage an. In unzähligen, liebevoll zusammengestellten Exponaten erlebt man die wechselvolle Geschichte Borkums aus einer ungewohnten Perspektive: beeindruckend nah dran. In mühevoller Kleinarbeit hat der Heimatverein eine Auswahl interessanter Ausstellungsstücke so aufbereitet, das die Lebenswelt der alten Insulaner greifbar wird – und 300 Jahre maritime Geschichte ein Gesicht bekommt. Ein liebevoll zusammengestelltes Museum, das das Leben auf der Insel in früheren Zeiten und die Entwicklung der Insel vom Fischer- und Bauerndorf zum Seebad im Nordseeklima zeigt, eingerichtet mit unzähligen Gegenständen aus Privatbesitz. Highlight ist das Skelett eines Pottwals, der vor den Ostfriesischen Inseln gestrandet war.

Die Vogelhalle zeigt die Lebenswelt des Meeres sowie mit weit über 200 Vögeln die große Vielfalt der Vogelwelt der Insel. Hunderte von Sandproben aus allen Meeren lassen erkennen, dass der Borkumer Strandsand zum schönsten Sand der Welt gehört.

Die Akkermannhalle ist der Schifffahrt, Inselgeschichte zum Seenot-Rettungswerk, Wracks, Leuchtfeuer und Schifffahrtzeichen gewidmet. Hauptstück: das große Strandrettungsboot.
Beeindruckende Details: Fundstücke von der „Cimbria“, einem Dampfschiff, das 1883 auf dem Weg nach New York vor Borkum nach einer Kollision gesunken war. Taucher brachten hunderte historische Fundstücke nach oben: Porzellanpuppen, Weinflaschen, Hummerschalen, von denen etliche in der Ausstellung zu sehen sind und wie neu aussehen.

Ein Artikel über die „Titanic von Borkum“ ist im Jahre 2001 in der „Welt“ erschienen.

 

 

 

 

 

 

 

Feuerschiff „Borkumriff“

Ein Stück deutscher Seefahrtsgeschichte – zum Selbererkunden. Die Geschichte der sogenannten „Feuerschiffe“ reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Es wurde mit zunehmendem Schiffsverkehr immer wichtiger, sicheres Fahrwasser zu kennzeichnen. An der Küste geschieht dies seit alters her mit Leuchttürmen, auf dem Wasser wurden Feuerschiffe verankert. An deutschen Küsten gab es zeitweise bis zu 40 schwimmende Leuchttürme.
Als die „Borkumriff“ 1955 in Betrieb genommen wurde, war die Ära der Feuerschiffe schon fast vorbei. Die „Borkumriff“ übernahm jedoch nicht nur die bedeutsame Position im westlichen Bereich der Deutschen Bucht, sondern fungierte darüber hinaus als Station für Wetteraufzeichnungen, an Bord gab es eine Funkstation und schließlich war das Schiff sogar eine Seenot-Rettungsstation.
Im Jahre 1988 wurde die „Borkumriff“ außer Dienst gestellt und ist jetzt im Yachthafen zu besichtigen. Nach wie vor ist das Schiff aber voll einsatzbereit, wie zum Beispiel im Sommer 2007, als es drei Wochen lang auf offener See Hauptdrehort für die Neuverfilmung „Das Feuerschiff“ war.
Vorteil für die Besucher: man kann das Schiff ganz alleine erkunden. An der Kasse bekommt man eine Schiffskarte, auf der alle wesentlichen Bestandteile und Räume genau erläutert sind. Für Kinder ist es ein Riesenspaß, auf eigene Faust das Schiff zu entdecken, auch wenn es Jungs bestimmt schwer fällt, besonders auf der Brücke das Schild „Keine Schalter anfassen!!“ zu beachten. Zu verlockend scheint es, die Funktionen auszuprobieren. Eltern sollten daher ein Auge auf sie haben. Das Schiff ist inzwischen eine Informations- und Bildungseinrichtung im Nationalpark und Weltnaturerbe Wattenmeer, außerdem ist es ein anerkanntes technisches Kulturdenkmal.

Angebote an Bord:
Rundgänge durch die verschiedenen Räume an Bord, Mannschaftsmesse, Funkraum, Brücke, Maschinenraum, Kapitänskammer und Küche, um nur einige zu nennen. Außerdem gibt es eine Ausstellung in den ehemaligen Werkräumen über Borkum als Teil des Nationalparks niedersächsisches Wattenmeer.

 

 

 

 

 

 

 

Hafencafé

Das Hafencafé „Mackie Messer“ am Yachthafen (Am Neuen Hafen 22). Öffnungszeit von 12.00 bis 15.00 Uhr. Es gibt kleine Speisen und Getränke zu günstigen Preisen. Eigentümer ist Wattführer und Buchautor Peter de Buhr, der das Café mit allerhand Krimskrams und Sammelsurium ausgestattet hat, ein Muss für jeden Fan von Seemanns-Trödel, Strandgut und schrägem Humor. Sehr angenehm: man kann das Café bei jedem Wetter besuchen. Drinnen ist es urgemütlich, und draußen sind für die Sonnenscheinstunden einige Strandkörbe aufgestellt. Es gibt keinen Verzehrzwang. Wer einfach nur eine kleine Verschnaufpause einlegen will, kann das hier in aller Ruhe tun.

 

 Meine Bildergalerie

Links zu allen relevanten Adressen in und um Borkum.

Homepage der Insel Borkum mit vielen Informationen über Veranstaltungen, Sport, Wellness, Wattwanderungen, Wetter, Unterkünfte.

Homepage von Wattführer Peter de Buhr

Alle Infos über die Insel bei Wikipedia

Online-Unterkunftsverzeichnis

Fährverkehr Borkum

Flugverbindungen Emden-Borkum

Webcams auf Borkum

Literatur:
„Meuterei auf der Berganza“, eine wahre Seeräubergeschichte. Von Peter de Buhr und Frieder Gräwemeyer, erhältlich über diese Seite:
http://www.wattwandern-borkum.de/aktuelles.html#Inhalt

Das Watt: Tiere und Pflanzen im Weltnaturerbe. Von Klaus Janke und Bruno P. Kremer

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Hinweis: Meinen Artikel gibt es auch GRATIS als eBook im iTunes-Store zum Herunterladen!

 

Spanien 09.05.-19.05.2013

Die Planungen für diesen Trip liefen bereits seit Monaten. Zehn Tage Spanien: viel Spaß, viel Kultur, Museen, Theater, seltsames Essen und noch seltsamere Getränke, Fiestas, Prozessionen und Proteste, viele Gespräche über den Spanischen Bürgerkrieg, Stierkampf, außerdem Blasen an den Füßen und: wunderbare Begegnungen.

Die Planung für die zehn Tage: erster Standort Valencia, von dort Abstecher nach Xativa (1/2 Stunde mit dem Auto von Valencia) und Teruel (1 Stunde von Valencia mit dem Auto, Rückweg durch den Nationalpark Serra Calderona. Dann Cuenca, eine Übernachtung, und weiter nach Madrid. Abstecher von Madrid nach Toledo mit dem Zug, Fahrtzeit ungefähr 30 Minuten.

1. Tag. 09. Mai 2013: Anreise Madrid – Valencia

In aller Herrgottsfrühe (7.50 Uhr) ging der Flieger nach Madrid. Es war einfacher und wesentlich preiswerter, Hin- und Rückflug nach/von Madrid zu buchen und von Madrid aus mit dem Zug weiterzufahren. Das Ticket für den Zug hatte ich mir vorher im Internet bestellt und ausgedruckt, dann kostet es nicht einmal die Hälfte. Vorsichtshalber hatte ich zwischen Ankunft in Madrid und Weiterfahrt nach Valencia ein bisschen Zeit eingeplant (bei der Iberia weiß man ja nie). Als erstes habe ich meinen Koffer in der Gepäckaufbewahrung abgeliefert und die Halle vom Bahnhof Atocha bestaunt, in der man sich wie in einem Gewächshaus fühlt. Sogar einen Teich mit Wasserschildkröten gibt es:

Estacion Atocha
Estacion Atocha
Schildkrötenteich
Schildkrötenteich

Anschließend konnte ich noch einen ausgedehnten Bummel durch den Retiro-Park machen:

Madrid, Parque de Retiro
Madrid, Parque de Retiro

Von der Bahnfahrt nach Valencia weiß ich nicht mehr viel, weil ich die meiste Zeit geschlafen habe. :-) Diese neuen Schnellzüge fahren aber mit knapp 300 Stundenkilometern schnurgerade durch die Landschaft. In Valencia: Apartment in der Innenstadt. Und Innenstadt hieß hier wirklich: mittendrin. Aber dazu später. Als erstes stand ein Bummel durch das abendliche Valencia auf dem Programm. Und ja, es wurde (wieder einmal) protestiert, diesmal ging es um Einschnitte ins Bildungssystem:

Proteste in Valencia
Proteste in Valencia

Valencia ist auf den ersten – und zweiten – Blick – schön. :-)

Valencia, Kathedrale
Valencia, Miguelete
Valencia, Kathedrale (Rückseite)
Valencia, Kathedrale (Rückseite)
Valencia, Rathaus
Valencia, Rathaus
Valencia, Hauptpost
Valencia, Hauptpost

2. Tag, 10. Mai 2013: Valencia

Ein strahlender Morgen in Valencia! Als erstes an der Stierkampfarena Tickets gekauft, denn für den Samstag war Stierkampf angesetzt. Leichtes Bauchgrimmen. Aber gut, um etwas be- oder verurteilen zu können, muss man es zuerst einmal gesehen haben.

Valencia
Valencia
Stierkampfarena Valencia
Stierkampfarena Valencia

Also, Tickets für den Samstag gekauft und dann ein weiterer Bummel. Diesmal durch den Turia-Park. Und zum ersten Mal habe ich die berühmte „Orchata“ getrunken und Churros gegessen:

Der Park ist der ehemalige Flusslauf des Riu Turia. Nach einer katastrophalen Überschwemmung mit vielen Toten im Jahre 1957 beschloss die Stadt, den Fluss um die Stadt herumzuleiten und verwandelte das Flussbett in einen Park. An dessen Ende, zum Meer hin, entstand anlässlich des Admirals Cup 2007 die „Ciudad de las Artes y las Ciencias“, sehr futuristische Bauwerke im Konrast zum alten Valencia.

Ciudad de las Artes y las Ciencias
Ciudad de las Artes y las Ciencias
Ciudad de las Artes y las Ciencias
Ciudad de las Artes y las Ciencias
Valencia, Turia-Park: alte Flussbrücke
Valencia, Turia-Park: alte Flussbrücke

Nach dem Turia-Park noch ein Bummel durch Seitenstraßen, unter anderem zur alten Seidenbörse von Valencia (drin war ich aber erst einige Tage später):

Valencia: Lonja de la Seda
Valencia: Lonja de la Seda

Zum Abschluss bin ich dann noch auf den Miguelete, den Glockenturm, geklettert (207 Stufen), um den Blick auf die Stadt zu genießen. Man kann von dort oben bin zum Meer sehen.

Valencia, vom Miguelete aus gesehen
Valencia, vom Miguelete aus gesehen

Wieder auf der Erde, musste unbedingt noch ein Foto vom Brunnen auf dem Plaza de la Virgin machen… 😉

Turia-Brunnen auf dem Plaza de la Virgin
Turia-Brunnen auf dem Plaza de la Virgin

3. Tag, 11. Mai 2013: Ausflug nach Xativa

Über Xativa, oder Játiva auf katalanisch, hatte ich im Vorfeld viel gelesen. Eine schöne alte Stadt, aus der die Borgias stammen, deren Familie zwei Päpste stellte. Am bekanntesten ist wohl das Kastell, dessen älteste Teile in der Römerzeit gebaut wurden. Von dort oben hat man einen atemberaubenden Blick auf die ganze Umgebung.

Am Abend ging es dann zum Stierkampf! Ich muss sagen, nach wie vor mit sehr gemischten Gefühlen. Grundsätzlich bin ich (und auch jetzt noch) ein Gegner davon, Tiere als Gegenstand von Unterhaltung zu sehen und sie zum Vergnügen zu töten. Und ich war sehr unruhig, ob ich das Schauspiel denn überhaupt ertragen könnte.

Vorweg: als erstes fiel mir auf, dass das Publikum zu 90% aus Männern bestand, und alle deutlich über 60. Möglicherweise wird diese Art Spektakel früher oder später ohnehin einfach aussterben, wenn das Publikum fehlt. Die restlichen 10% waren gemischtes Publikum, größtenteils wohl Touristen, so wie ich. Die Arena war auch nur etwa zur Hälfte gefüllt. Die Kämpfe laufen nach einem bestimmten Ritual ab, und so konnte ich dann auch durchaus ein paar Unterschiede zwischen den verschiedenen Toreros sehen, und der, der im zweiten Kampf den meisten Applaus des ganzen Abends bekam, hatte den Beifall (und die Trophäe des Stierohrs) auch redlich verdient. Und zu langes Tändeln mit dem bereits angeschlagenen Stier ist streng verpönt, und Toreros, die es nicht schaffen, der Sache ein schnelles Ende zu bereiten, werden gnadenlos ausgebuht.

Valencia, Plaza de Toros
Valencia, Plaza de Toros

Die Stiere sind übrigens unglaubliche Tiere, die reinsten Kampfmaschinen, alle zwischen 500 und 600 Kilo schwer, aggressiv und auf furchtlosen Angriff gezüchtet. Sie haben meine tiefste Bewunderung. Mutig, stark, unbeirrt und kämpfen beherzt bis zum Schluss. Und, das sollte man nicht vergessen, sie haben tatsächlich eine faire Chance. Hey, ein knapp 600 Kilo schwerer Stier gegen einen Mann, der mit einem roten Tuch wedelt? Einen der sechs Toreros hatte es beinahe erwischt. Der Stier hatte ihn schon hochgeworfen, aber der Mann hat sich noch retten können und kam mit blauen Flecken davon.

Ich zeige hier nur ein Foto von den vielen, die ich gemacht habe. Ganz ehrlich, ich bin froh, dass ich da war. Ich habe mit Freunden darüber diskutiert, die alle „eigentlich“ Gegner des Stierkampfs sind, aber alle übereinstimmend zugeben mussten, dass dieses Spektakel eine Faszination hat, der man sich kaum entziehen kann. Es ist wie ein lebendes Überbleibsel aus der Römerzeit, eine Mischung aus antiker Theateraufführung und ‚Brot und Spiele‘, mit festen Abläufen, Regeln und Rollen. Die Faszination sieht und spürt man in Fernsehberichten oder auf Fotos einfach nicht. Fazit: einmal einen Stierkampf ansehen, um zu wissen, worüber man spricht, ist in Ordnung. Ab dem zweiten Mal unterstützt man die Stierkampftradition bereits mit seinem Eintrittsgeld, und spätestens dann sollte man sich entscheiden, ob man dafür oder dagegen ist. Ich persönlich sitze, um den britischen Autoren Jason Webster („La Muerte„) zu zitieren, nach wie vor „auf dem Zaun“.

Hier ein Beispiel, was passieren kann, wenn man sich mit einem besonders cleveren Stier anlegt. Dieses Video wurde bei einem Stierkampf in Nordspanien aufgenommen:

4. Tag, 12. Mai 2013: Valencia: Fiesta de la Virgin!

Auch davon hatte ich vorher keine Ahnung: in den Tagen unseres Aufenthalts fand die Fiesta de la Virgin statt und Valencia stand Kopf. Eigentlich steht die Stadt immer irgendwie Kopf, insbesondere bei den „Fallas“ im März. :-) Dieses Fest nun läuft so ab, dass um „medio mañana“, also in der Mitte des Morgens (was auf deutsch 10.30 Uhr bedeutete) eine Heiligenstatue aus der Kathedrale hinaus und um den Platz getragen wird. Es soll Glück und Segen bringen, ihren Mantel zu berühren, also versuchen viele, möglichst nahe an sie heranzukommen und am besten noch ihr Baby und Kleinkind hochzuhalten und der Statue praktisch entgegenzuwerfen, damit der Nachwuchs im wahrsten Wortsinne den „Segen abkriegt“. Das war sehr lustig anzusehen, aber irgendwie auch rührend. Meines Wissens ist auch kein Baby oder sonstwer in dem Gewühle zu Schaden gekommen.

Valencia, Fiesta de la Virgin
Valencia, Fiesta de la Virgin

Vor dem Betrieb in der Stadt wieder in den Turia-Park geflüchtet, diesmal weiter nördlich, und der Torres de Serranos, eines der alten Stadttore, musste natürlich ebenfalls erklommen werden. Überhaupt wurde in diesem Urlaub ziemlich viel herumgeklettert: Miguelete, das Kastell in Xativa, der Torres de Serrano… Und es ging noch weiter. :-) Aber dazu später.

Die Fiesta in der Stadt kam nicht zur Ruhe. Am Nachmittag rüsteten sich bereits die nächsten:

Abends gab es nämlich stundenlange Umzüge in der ganzen Innenstadt, in diesen, zugegeben, großartigen Kleidern, traditionelle valencianische, wie man mir sagte. Jedes Kleid hatte eine andere Farbe und Muster, jedes der vielen hundert, die wir gesehen haben:

Das Apartment war, wie bereits erwähnt, mitten in der Innenstadt. Irgendwann wurde der Trubel zuviel, denn die Umzüge fanden auch noch genau vor dem Fenster statt. In die Gegenrichtung geflüchtet – um gleich wieder in die nächsten Proteste hineinzulaufen… :-) Was bleibt einem anderes übrig, als den Abend mit einem ordentlichen Schluck Sangria ausklingen zu lassen!

5. Tag, 13. Mai 2013: Ausflug nach Teruel

Auf diesen Ausflug freute ich mich sehr, ist doch Teruel eine der Städte, in denen vom maurischen Baustil, dem sogenannten „Mudéjarstil“, noch viel erhalten ist. Die maurischen Grundelemente haben sich weiterentwickelt und mit Elementen der Gotik und Renaissance vermischt. Beim Hineinfahren in die Stadt war der erste Eindruck enttäuschend, denn die Straßen der äußeren Innenstadt sahen genauso aus wie neuzeitliche Städte eben so aussehen: Wohnblocks, Supermärkte, das übliche. Als ich aber dann am Rande der historischen Bauten endlich einen Parkplatz gefunden hatte, bot sich nach wenigen Schritten ein völlig anderes Bild:

Teruel ist auch die „Stadt der Liebenden“, und jeder in Spanien kennt die Geschichte der unglücklich Verliebten, Isabel und Diego, die erst nach dem Tod zueinander fanden und hier auch bestattet sind (sehr wahrscheinlich jedenfalls sind sie es). Im Museum in der Kirche wurde man fast handgreiflich gezwungen, sich einen Film über Teruel anzusehen, der zugegebenermaßen auch sehr interessant war und sowohl die Stadtgeschichte als auch die Geschichte von Isabel und Diego erzählte (auf Spanisch, mit englischen Untertiteln). Überhaupt gab man sich unglaublich viel Mühe. Dass Menschen aus Deutschland kommen, um ihre Kirche und das Museum zu sehen, muss für die Museumsangestellten schon einigermaßen unerhört gewesen sein. Sie waren fast beleidigt, als ich ablehnte, auch noch auf den Turm der Kirche zu klettern, weil das doch im Eintrittspreis mit drin war. Geklettert bin ich dann noch, aber später. :-). Die Geschichte der Liebenden „Los Amantes de Teruel“ findet sich sogar in der Kunst wieder, und die beiden Sarkophage, durch deren filigrane Seitenwände man die Mumien von Isabel und Diego sehen kann, sind schon ein Kunstwerk für sich. Es gibt auch ein berühmtes Gemälde von Antonio Muñoz Degrain von 1884, dessen Original im Prado in Madrid hängt.

Nach dem Besuch der Kirche und des Museums bin ich dann auf einen der Stadttürme geklettert, ebenfalls in maurischer Bauweise, viereckig. Was den Vorteil hatte, sich nicht auf einer engen Wendeltreppe 200 Stufen nach oben quetschen zu müssen, womöglich noch bei Gegenverkehr. Zwischendurch gab es immer wieder Haltepunkte, an denen Schautafeln die Bauweise und die Geschichte erklärten, und schließlich auch Glocken, die natürlich genau in dem Moment anfingen zu läuten, als ich oben war.

Ungefähr auf halber Höhe im Turm fand ich zwischen zwei Stockwerken einen verirrten Mauersegler, der nicht mehr hinausfand und ganz erschöpft am Boden saß. Geistesgegenwärtig warf ich meinen Hut über ihn, fischte ihn vorsichtig darunter heraus und trug ihn zur nächsten Maueröffnung. Er verschwand dankbar nach draußen ins warme Sonnenlicht. 😉

Für die Rückfahrt ging es nicht über die Autobahn, sondern die Straße durch die Serra Calderona, einen Nationalpark. Und wie schön war es hier, so ruhig, völlig allein auf dem Berg…

6. Tag, 14. Mai 2013: Abfahrt nach Cuenca

Vor der Abfahrt nach Cuenca noch Besichtigung der Markthalle von Valencia und der Seidenbörse Lonja de la Seda. Ich kannte bis dahin nur die Markthalle San Miguel in Madrid, aber die ist im Vergleich winzig und eher ein Gourmettempel als ein richtiger Markt. Das war hier in Valencia ein bisschen anders… 😉

Angeblich sehen gehäutete Kaninchen genauso aus wie gehäutete Katzen, fiel mir wieder ein. Daher stammt auch die Bezeichnung „Dachhase“, die in der Nachkriegszeit üblich war…

Tja, und was man damit macht, entzieht sich nun völlig meinen kulinarischen Kenntnissen:

Die Seidenbörse „Lonja de la Seda“ ist eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt und Weltkulturerbe sowie Sitz der Kulturakademie Valencias, und wurde um 1530 errichtet. Sie besteht aus vier Teilen: dem Turm, dem Saal Consulado del Mar, dem Orangenbaum-Innenhof und dem Säulensaal. Alles zusammen ist über 2.000 m² groß.

Und dann: Cuenca! Cuenca liegt fast genau in der Mitte zwischen Madrid und Valencia in der autonomen Region Castilla-La Mancha, geografisch auf dem Übergang zwischen der Cuenca-Gebirgsregion und der La-Mancha-Ebene. Das historische Zentrum der Stadt sitzt praktisch auf einem Felsplateau zwischen den Schluchten der beiden Flüsse Júcar und Huécar.

Der „Parador“, ein ehemaliges Kloster, war einfach nur atemberaubend, insbesondere der Blick aus dem Fenster des Hotelzimmers auf die berühmte Brücke über dem Fluss Huécar und die hängenden Häuser von Cuenca.

Der ehemalige Kreuzgang:

Wenn man in die alte Stadt hinüber will, muss man diese schwindelerregend hohe Brücke überqueren, die aber sehr stabil gebaut ist. Also keine Bedenken:

Die Kathedrale besteht, hm, zur Hälfte aus Fassade, ist aber ausgesprochen eindrucksvoll und beherrscht den kleinen Platz davor:

Natürlich gab es auch hier wieder einen Turm zum Hochklettern, aber nicht von der Kathedrale, die hat nämlich keinen, sondern von einer anderen Kirche. Oder war es einfach nur irgendein „Torre“? Egal. Der Aufstieg war kurz, aber extrem eng, und der Platz oben nur jeweils einen Fuß breit rundherum. Aber die Sicht natürlich großartig, hier der Parador von oben:

Das Wetter hatte sich geändert, und das kontinentale Klima war in Cuenca schon deutlich zu spüren, es war sehr viel kälter als in Valencia. Die Gegend ist rauher und unberührter. Ich hatte das Glück, einen der hier lebenden Geier fotografieren zu können:

Nach dem ausgiebigen Rundgang ließ ich den Abend in einer Bar ausklingen, die ich am Nachmittag schon für einen Kaffee aufgesucht hatte. Und jetzt konnte man merken, dass Cuenca, zumindest der alte Teil oben auf dem Berg, ein richtiges Dorf ist. Der Gastwirt war ein sehr ruhiger Typ, geradezu schüchtern. Und als ein paar Einheimische hereinkamen, kam eine alte Frau auf mich zu, sah auf mein blondes Haar, legte mir eine Hand auf die Schulter, schüttelte sie ein wenig und nickte mir freundlich zu. Begrüßung ohne Worte, aber ich fühlte mich willkommen. :-)

7. Tag, 15. Mai 2013: Endlich: Madrid!

Man liebt wohl diejenige spanische Stadt am meisten, die man als erstes kennenlernt – bei mir kommt an erster Stelle immer Madrid. Ich erinnere mich genau an den Moment im Juni 2011, als ich an der Calle Gran Via aus der Metro kam und mich umsah und mich sofort zu Hause fühlte. Dieses Gefühl hat sich in Valencia kein einziges Mal eingestellt.

In Madrid war der Himmel bewölkt und ein paar Regentropfen fielen. Ich ließ mich auch von der Kälte und dem zunehmenden Regen nicht von einem ersten Stadtbummel abhalten. Mein „Hostal“ lag direkt am Opernplatz, und von der Lage her war es ideal. Die Metrostation vor der Nase, ebenso alle Sehenswürdigkeiten der Innenstadt in Laufweite. Besser gings nicht. Ich merkte allerdings schnell, dass mein Rock zwar lang, aber viel zu dünn war, ebenso die Schuhe, und kaufte als erstes ein: eine dickere und vor allem wetterfeste Jacke und ein paar kurze Stiefel.

Das hier ist das Hostal Oriente. Die Fotos auf der Webseite sind ein bisschen geschönt. Mein Einzelzimmer im ersten Stock war winzig, einfach, aber sauber, und es lag zum Glück nach hinten raus, denn die Vorderseite schaut genau auf den Opernplatz, und da geht es – Leute, Madrid! – bis in die späte Nacht sehr laut zu:

Es gab so vieles zu entdecken und wiederzusehen, angefangen bei diesem Platz hier. Regelmäßige Leser meines Blogs zum Buch werden ihn kennen, Plaza de la Villa:

Und auch diesen Herrn hier, den verrückten Ziegenbock, kannte ich noch, der ist immer am Plaza Major und führt, wenn man ihm einen kleinen Obolus in seine Dose wirft, einen verrückten Tanz auf:

Die Kinder haben immer einen Mordsspaß mit ihm. :-) In Madrid gibt es vermutlich hunderte solcher Kleinkünstler in den Straßen, Pantomimen, Musiker, Komiker, die einfach zum Stadtbild gehören und größtenteils wirkliche Künstler und/oder höchst originell sind.

Im Laufe des Nachmittags ging ich im Viertel Lavapies verloren, ein Stadtteil von Madrid, der Kreuzberg in Berlin ähnelt, ein bisschen schmuddelig, aber mit einem lebendigen und kreativen Leben. Ich war auf der Suche nach einem ganz bestimmten Haus, und ich habe es gefunden, in der Calle Abades Nummer 24. Mehr dazu später.

Am Abend gab es eine „Madrid Food Tour“ mit James Blick. James ist Neuseeländer und freiberuflicher Autor, lebt seit Jahren in Spanien, kennt Madrid wie seine Westentasche und bietet Tapas-Touren durch die Bars und Restaurants an, die bei den Einheimischen beliebt sind und hervorragende Küche haben. Als erstes stand aber auch im abendlichen Madrid ein bisschen Sightseeing auf dem Programm, und James erzählte insbesondere vom Stadtpatron Madrids, dem heiligen Isidor, auf spanisch: San Isidro. In James‘ schneller Sprechweise hörte sich das wie „Sunny Sidro“ an, und es dauerte eine Weile, bis mir dämmerte, was er meinte. Mit „sonnig“ hat der gute Isidor nun so gar nichts zu tun, ganz im Gegenteil, er wurde insbesondere dann angefleht, wenn es an Regen fehlte, und hat auch immer geholfen. Und da genau in dieser Woche der Stadtpatron ausgiebig gefeiert wurde, war das Wetter eigentlich kein Wunder. 😉

James lotste kannte sich in den kleinen Gassen und Sträßchen im abendlichen, malerischen Madrid aufs beste aus und wusste über jedes Haus, jedes Restaurant, jede Speise eine Geschichte zu erzählen.

Von den meisten der Leckereien, die wir in den nächsten Stunden verzehrten, habe ich leider keine Aufnahmen gemacht. Ich war viel zu sehr mit Essen und Genießen beschäftigt. Diese hier waren lecker, Ochsenschwanz-Sandwiches:

Und in dieser Schale ist siedendes Knoblauch-Öl, in dem direkt über dem Feuer die Krabben gegart wurden. Das Öl tunkt man dann anschließend mit Weißbrot auf:

Diesem Abend verdanke ich übrigens das Nachfolgegetränk für den Sangria in Valencia: hier in Madrid hielt ich mich für die restlichen Abende an „Vermout“, ein mit Gewürzen versetzter Wein, den es in der „Taberna Real„, die meinem Hostal direkt gegenüber lag, wegen seiner Beliebtheit direkt aus dem Zapfhahn gibt. Mit Flaschen halten die sich gar nicht erst auf. Und es wurde spät auf dieser Tapas-Tour. Sehr spät. Und: „What happens in Spain, stays in Spain“. :-)

8. Tag, 16. Mai 2013: Wiedersehen und Neuentdeckungen

Als erstes fuhr ich mit der Metro zu „Las Ventas“, der Stierkampfarena von Madrid, mit 23.000 Plätzen wohl eine der, wenn nicht DIE größte in Spanien. Ich wollte mich einfach nur etwas umsehen, eventuell auch versuchen, noch eine Karte für den Abend zu bekommen. Keine Chance, Las Ventas war restlos ausverkauft. Es wurden aber Besichtigungstouren der Arena angeboten, und so machte ich wenigstens einen Rundgang.

Danach fuhr ich einige Metro-Stationen zurück, stieg am Retiro-Park aus und machte einen Bummel durch das vornehme Salamanca-Viertel, auf der Suche nach einem geeigneten Haus für den Schluss meines zweiten Romans, aber so richtig fündig bin ich nicht geworden. Ich fürchte, ich muss mir ein anderes Viertel suchen. 😉 Überhaupt war Salamanca nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Mag sein, dass da die Schönen und Reichen wohnen – aber dann wohnen sie in einer reichlich langweiligen Gegend. Das quirlige Zentrum oder die Gegend um die Calle Gran Via sind mir viel sympathischer.

Zurück aus Salamanca bummelte ich durch den Retiro-Park. Gestopft voll mit Schulklassen und japanischen Reisegruppen, und so ging ich weiter bis zum Prado und gönnte mir den Luxus, ihm hier lange Zeit einfach nur zuzuhören – er heißt Edgar Moffatt und ich hatte ihn zwei Jahre zuvor schon gesehen und gehört:

Hier eine kleine Kostprobe:

Nach meinem letzten Madrid-Besuch hatte ich mich geärgert, dass ich keine CD von ihm mitgenommen habe – diesmal hab ich eine gekauft! :-)

Ich überlegte kurz, in den Prado zu gehen, aber es war brechend voll, und so schlenderte ich weiter bis zum Caixa-Forum, um mir den vertikalen Garten anzusehen – wunderschön!

Wieder zurück in der Innenstadt, bin ich an der Puerta del Sol in einen weiteren Protestzug hineingeraten, der sich bei näherem Hinsehen aber als ein sehr trauriger entpuppte. Angehörige von Menschen, die während des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) spurlos verschwunden sind und vermutlich in Massengräbern verscharrt wurden, die jetzt überall gefunden werden, fordern Gerechtigkeit und Aufklärung. Unfassbar, dass nach so vielen Jahren immer noch nichts passiert ist. Die Fotos sprechen für sich, denke ich…

Diese Dame sprach dann zu den Demonstranten, ich habe nicht herausgefunden, wer sie ist. Vermutlich irgendeine Politikerin, die Aufklärung versprach – und dieses Versprechen wohl doch nicht halten wird… Deprimierend.

9. Tag, 17. Mai 2013: Regen

Stadtbummel im strömenden Regen! Nun ja – es gibt zum Glück den „El Corte Inglese“, das Kaufhaus, es gibt Cafés, in denen man stundenlang sitzen kann, und natürlich den Prado. Der Prado hat bis 20 Uhr geöffnet, und ich hatte auch noch Glück: statt für teure 14 Euro eine Eintrittskarte kaufen zu müssen, war der Eintritt an diesem Abend frei!

Mich zog es natürlich wieder zu meinen heißgeliebten spanischen Malern. Velazquez eher weniger, der hat ja nur Portraits von irgendwelchen langgesichtigen Habsburgern gemalt (klingt jetzt ziemlich ignorant :P), aber José de Ribera! Fotografieren ist verboten – aber das hat mich ja noch nie besonders gestört…

Und an sie hier hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht! Sie, die im letzten Jahr so viel Staub aufgewirbelt hat, weil sie die Schwester der Mona Lisa im Pariser Louvre ist. Zeitweise waren die beiden Gemälde dort sogar gemeinsam zu sehen. Auch die durfte man natürlich NICHT fotografieren…

Mit einem letzten Bummel durch das abendliche Madrid und einem Absacker-Vermout in der „Taberna Real“ endete ein langer Tag.

10. Tag, 18. Mai 2013: Toledo und Theater

Am Morgen konsultierte ich als erstes den Wetterbericht – dank WiFi im Hostal und iPhone kein Problem. Toledo stand durchaus auf meinem Programm – aber nicht im strömenden Regen, wenn möglich. Der Wetterbericht verhieß trockenes Wetter, und so startete ich zum Bahnhof, kaufte eine Fahrkarte (hin und zurück 20 Euro) und fuhr dann mit einem dieser Schnellzüge ca. 35 Minuten bis Toledo. Das hier ist der Bahnhof:

Ich hatte schon viele Fotos von Toledo gesehen, und so war der Anblick dieser großartigen alten Stadt schon fast vertraut, und dennoch war ich wie erschlagen von all den winzigen Gässchen, in denen man sich gehörig verlaufen konnte. Ich bin ziemlich sicher, dass ich einige der absolut sehenswerten Gebäude verpasst habe, es waren einfach zu viele. Und zu viele Touristen. Menschenmassen gehen mir immer auf den Geist, und so habe ich mich immer wieder mal in Seitengassen abseits der ausgetretenen Pfade verdrückt, und dabei immerhin ein Tempelritter-Museum entdeckt, von dem ich keine Ahnung hatte.

Hier noch ein paar Eindrücke:

Meine Rückfahrt war für den frühen Nachmittag gebucht, denn für den Abend hatte ich einen Theaterbesuch geplant und wollte mich natürlich vorher umziehen und ein bisschen fein machen. Über Twitter und Facebook bin ich mit einem spanischen Schauspieler befreundet, Germán Torres, und ich wusste, dass er im Mai wieder Vorstellungen von „IVAN-OFF“ (frei nach Tschechow) in Madrid spielen würde. Ich hatte mir schon vor Wochen per Mail ein Ticket gesichert, denn es gibt nur 24 Plätze im „Casa de la Portera“, es ist eine Art Zimmertheater. Und Germán wusste natürlich, dass ich kommen wollte. :-)

Und dann stand ich wieder vor dieser geheimnisvollen grünen Tür in der Calle Abades Nummer 24 (siehe oben, 7. Tag), die sich pünktlich um 20.30 Uhr für diejenigen öffnete, die Karten vorbestellt hatten und sie abholen wollten. Die Vorstellung begann um 21.00 Uhr. Hier ein Eindruck von der Dekoration im Flur, während der Vorstellung habe ich natürlich nicht fotografiert:

Dieses „Casa de la Portera“, die Hausmeisterwohnung, ist wirklich eine Wohnung. Die ehemalige Küche ist Kartenvorverkaufsstelle, Büro und Garderobe in einem, und in zwei weiteren Zimmern wird gespielt. Mit minimalem Aufwand an Dekoration natürlich, die Zuschauer sitzen ringsum an den Wänden und sind nur ca. einen halben Meter von den Schauspielern entfernt.

Wie verrückt muss man sein, sich ein Tschechow-Stück auf Spanisch anzusehen? Gar nicht so verrückt. Ich hatte es mir vorher als Reclam-Heft besorgt, aber war nicht dazu gekommen, es zu lesen. So wusste ich nur ganz grob, worum es ging, und vom Spanisch hab ich auch bestenfalls 10 Prozent verstanden. Mehr war aber gar nicht nötig. Die Schauspieler waren so gut, dass ich mit ein paar Worten, die ich verstanden hatte, der Geschichte mühelos folgen konnte, und es war einfach atemberaubend, so dicht an den Darstellern zu sein. Germán machte sich den Spaß, sich in einer Szene dicht vor mir aufzubauen und mir in die Augen zu starren. :-) Er hatte mich mit meinen blonden Haaren unter all den Spaniern natürlich sofort erkannt.

Hinterher habe ich draußen gewartet, kam noch mit dem Hauptdarsteller ins Gespräch, der als erster herauskam und der mir richtig gut gefallen hatte. Zum Glück sprach er sehr gut englisch. Germán leider nicht, und so holperten wir ein bisschen zwischen den Sprachen herum, hatten aber viel Spaß, waren froh, dass wir uns endlich kennenlernten, und ich wurde natürlich mit Küsschen begrüßt und später verabschiedet. What happens in Spain, stays in Spain. :-)

11. und letzter Tag, 19. Mai 2013: Adios, Madrid

Mein Flieger ging erst abends, ich konnte noch den ganzen letzten Tag in Madrid verbringen. Und da es ein Sonntag war, konnte das Vormittagsprogramm natürlich nur wie lauten? Richtig: El Rastro! Madrids beliebter Flohmarkt, der sich über ein ganzes Stadtviertel erstreckt, der jeden Sonntagvormittag stattfindet und auf dem es einfach ALLES zu kaufen gibt. Und der Mann mit den unglaublich schönen Fächern war auch wieder da:

Nach dem Rastro taten mir eigentlich schon die Füße weh, trotzdem steuerte ich den Casa de Campo an, den riesigen Park jenseits des Flusses Manzanares, den ich bisher auch noch nicht gesehen hatte. Um es kurz zu machen: sehr weit bin ich in dem Park nicht gekommen. :-) Erstens ist er unübersehbar riesig, und zweitens hatte ich eine Brutkolonie dieser Mönchssittiche entdeckt, die es auch in Valencia gab, und hatte alle Hände voll zu tun, Fotos von ihnen zu machen, einen hab ich schließlich am Boden mit dem Teleobjektiv erwischt:

Langsam bummelte ich ins Zentrum zurück, nicht ohne einen weiteren Park zu durchstreifen, den Campo del Moro, hinter dem Königspalast:

Wieder am Königspalast angekommen, setzte ich mich auf eine der Bänke davor, denn die Sonne kam heraus, mir war warm, ich wollte meine Jacke ausziehen und ein paar Kekse essen. Dabei bekam ich allerdings ziemlich schnell Gesellschaft:

Diese Taube kam ganz von selbst auf meine Hand geflogen und hat so viele Kekse gefressen, dass ihr todsicher hinterher furchtbar schlecht war… 😉

Letzte Station meiner Spanien-Reise: der Flughafen Madrid-Barajas. Ich kenne ja inzwischen den Spaß, dass man selber am Automaten einchecken muss, bevor man sein Gepäck abgeben darf, und so war ich zeitig genug da, um keinen Stress aufkommen zu lassen. Ich hatte dann noch fast eine Stunde Zeit bis zum Boarding und streifte auf der Suche nach ein paar letzten Fotos von Madrid draußen herum. Die vier mittlerweile berühmten Türme „Cuatro Torres“ kennt bestimmt jeder Madrid-Reisende:

Die Berge im Norden sind wohl eher weniger bekannt:

Fazit

Da war sie wieder, die Wärme, die Freundlichkeit, die Gelassenheit, die mir in Deutschland immer so fehlt. Ein paar Punkte drängen sich einfach auf:

  • Lieblingsessen: die Tapas in der „Huerta Santa Catalina“, unweit der Kathedrale von Valencia. Die waren einfach gigantisch gut.
  • Lieblingsgetränk: Vermouth, der mal mit, mal ohne „h“ am Ende geschrieben wurde, aber immer gleich lecker war.
  • Minus: das Wetter im zweiten Teil der Reise, in Madrid. Ich lasse mich auch von Kälte und Regen nicht abhalten, herumzustreifen, aber… nun ja… es war Spanien, ein bisschen Sonne und Wärme, so wie an den ersten Tagen in Valencia, wäre halt einfach ein Sahnehäubchen gewesen. Trotzdem: te amo, Madrid!
  • Totale Entspannung: am Prado sitzen und Edgar Moffatt zuhören.
  • Traurige Erlebnisse: die Demonstration der Angehörigen von Opfern des Spanischen Bürgerkriegs. Und die Obdachlosen: nach Einbruch der Dunkelheit bauen sie sich aus Kartons in den Wandelgängen rund um die Plaza Mayor Schlafstätten für die Nacht, während nur ein paar Meter weiter die Touristen in den teuren Restaurants an fein gedeckten Tischen sitzen und mit Silberbesteck völlig überteuertes schlechtes Essen verzehren.
  • Aufregendstes Erlebnis: ohne Zweifel der Stierkampf.
  • Schönstes Erlebnis: Casa de la Portera.
  • Hier nicht erwähnt, aber auf Nachfrage gerne mündlich: Keramik in Valencia, Café Valiente, Englisch sprechende Spanier, Stierkampf – hinter den Kulissen, Cricket-Spiel im Turia-Park, Souvenirläden, winzige Kirchen, Iberia, Bücher über den Spanischen Bürgerkrieg und Franco.

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Reisen: Madrid, Madrid!

Die langjährige Geschichte zwischen mir und Spanien ist schnell erzählt. Ich war nämlich nie da. Nicht bis zum 23.06.2011. Auch nicht auf Mallorca oder in Lloret de Mar oder in Barcelona, als vermutlich einzige Einwohnerin Deutschlands. Die spanische Geschichte und Kultur waren mir fremd – höchste Zeit, das zu ändern.

Tatsache ist, ich bin genau 52, als ich zum ersten Mal ein Flugzeug der Iberia besteige, um auf die iberische Halbinsel zu fliegen. Anlass ist ein iberischer Sänger, genauer: ein Bariton, noch genauer: Carlos Marín von der Gruppe „Il Divo“, der vom 23.06. bis 26.06.2011 einige Solo-Konzerte in seiner Heimatstadt Madrid gibt.

Meine Eindrücke von Madrid und den Konzerten habe ich per iPhone und Internetcafé jeweils brühwarm der Heimat mitgeteilt, immer zeitnah und unter dem unmittelbaren Eindruck der jeweiligen Erlebnisse.

Mit nachträglichen Kommentaren und Fotos und behutsamer Korrektur der entgleisten Rechtschreibung ist daraus eine Art Madrid-Tagebuch entstanden.

Beginn der Reise: Donnerstag, 23.06.2011

Flugzeug Iberia
Flugzeug Iberia

Es ging alles Hals über Kopf am ersten Abend. Geplante Ankunft am Flughafen Madrid-Barajas: 14.40 Uhr. Um 18.00 Uhr mit meinen holländischen Freunden Anny und Gerd auf der Calle Gran Via verabredet zum Essen, 21.00 Uhr das Konzert. Ich hatte mir ausgerechnet, dass ich zwischen 15.30 Uhr und 16.00 Uhr im Hotel ankommen müsste, wenn… Ja, wenn das Flugzeug pünktlich gelandet wäre. Wenn ich das Gepäck schnell bekommen hätte… Um 17.30 Uhr war ich dann endlich auf meinem Zimmer. Schnell Anny eine SMS schicken, dass ich es nicht bis 18.00 Uhr schaffe, auspacken, umziehen, Eintrittskarte einstecken und los.

Calle Gran Via
Calle Gran Via

Mein Zimmer im Hostal Gran Via 63 (schräg gegenüber vom Teatro Compac Gran Via) ist winzig, gerade dass mal das Bett und ein Nachttisch darin Platz haben. Auch das Bad ist eng, aber für einen alleine ist es groß genug, alles ist sauber und ordentlich, und ich werde ohnehin nur zum Schlafen hier sein. Von Campingplatz bis Steigenberger habe ich schon alles mögliche erlebt und beschließe nach einem Rundblick: reicht voll und ganz. Stutzig macht mich nur der riesige Ventilator in der Ecke, aber den werde ich im Laufe der nächsten Tage noch zu schätzen lernen.

Das Essen war prima, wenn ich auch im ersten Moment etwas verwirrt war von der Speisenfolge. „Primeros Platos“, „Segundos Platos“, „Pan“, „Bebida“, „Postre“ o „Café“ – und das alles für 8 Euro?

Speisekarte
Speisekarte

Anny und Gerd klären mich auf: man sucht sich von den oberen und unteren Gerichten jeweils eins aus. Dazu Entweder Brot, Getränk, Nachtisch oder Kaffee. Alles weitere wird dann extra berechnet.

Ungefähr eine Stunde vor dem ersten Konzert treffen wir am „Teatro Compac Gran Via“ ein. Es gibt noch ein wenig Verwirrung um die Tickets und vor allem hapert es bei der Verständigung mit der Dame an der Kasse, aber am Schluss kommen alle hinein, die hinein wollen. Viele Il Divo-Fans sind da, viele spanische Freunde, Carmen, Irene, Heather – die meisten Namen habe ich, so fürchte ich, schon wieder vergessen… :-)

Tina ist auch da und spielt Manager und Übersetzer in einer Person, macht alle miteinander bekannt, stellt uns Carlos‘ Familie vor und sorgt dafür, dass alle ins Gespräch kommen.

Nachricht nach Hause am nächsten Morgen:

„Es war ein fantastischer Abend! Dass Carlos ein grossartiger Saenger ist, wusste ich ja schon vorher, aber hier, bei seinem „Heimspiel“, kann er sich von Il Divo loesen umd sich ganz anders geben. Als Persoenlichkeit ist er sehr viel komplexer als nur als „Latin Lover“. Er war wohl gestern abend sehr nervoes, und da gab tatsaechlich auch mal ein paar kleine Fehlerchen, die aber kaum jemand bemerkt hat. Im uebrigen ist hier alles total entspannt und unaufgeregt, Carlos‘ Familie ist supernett. Dies als ganz kurzer Zwischenbericht, ist am iPhone ziemlich muehsam. Ich versuche spaeter ein Internetcafe zu finden.“

Carlos Marín im Konzert
Carlos Marín im Konzert

Es war wirklich eine fantastische Show, die er da im Alleingang auf die Beine gestellt hat. Fast zwei Stunden Soloprogramm auf der Bühne, stimmlich fast ständig am Anschlag mit lauter anspruchsvollen Nummern, nur unterbrochen von drei Songs, die Geraldine alias Innocence gesungen hat – großartig. Monatelang haben sie daran gearbeitet, hat er später erzählt, und dass es ein langgehegter Wunsch und Traum war, einen solchen Abend auf die Bühne zu bringen.

Original-Programmheft
Original-Programmheft

Und Orchester und Band und Tänzerinnen und Tänzer, Bühnendeko, Videoshow… Die Auswahl der Songs haargenau nach meinem Geschmack, aber einiges wusste ich ja vorher schon. Einen Bogen von Las Vegas über Musical-Highlights bis hin zur Zugabe „Granada“ – ich behaupte, dass im Laufe des Abend alle, wirklich alle im Saal nur so dahingeschmolzen sind. Und nicht wegen der Temperaturen draußen… 😉

Ach ja, ein Gang ins Publikum war auch dabei… 😉

El Reloj...
El Reloj…

Freitag, 24.06.2011

Für den zweiten Tag in Madrid (den ersten „richtigen“), hatte ich mir einen gemütlichen Stadtrundgang vorgenommen und bin am Morgen einfach losmarschiert, nur ganz grob am Stadtplan orientiert. Und eigentlich stolpert man dann schon fast über die wichtigsten Sehenswürdigkeiten:

Puerta del Sol
Puerta del Sol
Catedral
Catedral
Plaza Mayor
Plaza Mayor

Stationen: Calle Gran Via, Fuente de Cibeles, Paseo del Prado, Fuenet de Neptuno, Meseo Nacional Prado, Iglesia de los Jerónimos, Parque de el Retiro, Calle Claudio Moyano, Calle Atocha, Plaza Mayor, Calle Mayor, Catedral de la Almudena, Palacio Real, Teatro Real, Plaza de España, Calle Gran Via.

Stadtrundgang
Stadtrundgang

Auf dem Stadtplan kann man sehen, dass ich einen großen Kreis gewandert bin, links oben, wo das Kreuzchen ist (Hostel Gran Via 63) ging es los. Und nach dem Stadtrundgang war wieder eine Meldung nach Hause fällig:

„Freitag, 24. Juni 2011, 15:52
Nachdem ich jetzt stundenlang bei 33 Grad durch Madrid getigert bin, brauche ich dringend eine Siesta und Dusche – weiss nur nicht, in welcher Reihenfolge. Madrid ist eine tolle Stadt, ich bin so froh, dass ich hierher geflogen bin! Ehrlich mal, Klamotten an, bei der Hitze, und dann noch Haare foenen geht GAR nicht!“

Samstag, 25. Juni 2011

Ich war zunächst unschlüssig, was ich am Samstag unternehmen sollte. Ein Programmpunkt, den ich in Madrid auf jeden Fall abhaken wollte, war der Prado. Nur, wann? Herrlichster Sonnenschein, und ich soll ins Museum? Schließlich habe ich mir überlegt, dass ich mich wahrscheinlich jahrelang ärgern würde, zwar in Madrid, aber NICHT im Prado gewesen zu sein, also bin ich losgezogen. Wo der Prado ist, wusste ich ja vom Stadtrundgang am Tag vorher, diesmal habe ich aber ein Stückchen Laufweg mit der U-Bahn abgekürzt.

Museo de Prado
Museo de Prado

Man hatte mich gewarnt, vor dem Eingang müsste man stundenlang anstehen, das kann ich nicht bestätigen. Vielleicht war ich aber auch früh genug unterwegs, ich habe allenfalls ein paar Minuten am Kartenverkauf warten müssen. Der Eingang zum Prado ist dann die Ecke herum, und hier bewährte sich mein in Jahren antrainiertes Museumsbesuch-Verhaltensmuster:

Erstens: Tasche abgeben. Bestenfalls Handy (stumm geschaltet) und Geldbörse in die Hosentasche stecken. Unbeschwert Bilder gucken.

Zweitens: einen Museumsplan besorgen.

Drittens: Mit Plan erst mal hinsetzen. Um Plan zu studieren. Ich weiß aus Erfahrung, dass es überhaupt keinen Sinn macht, in Museen der Größenordnung Prado, National Gallery oder Louvre einfach drauflos zu marschieren. Also erst mal auf dem Plan nachsehen, wo was ausgestellt ist und sich die wichtigsten Kunstwerke oder Künstler aussuchen, die man auf jeden Fall sehen will. Alles andere dann nur noch, wenn noch Zeit ist.

Mit Blick auf den Plan und leisem Bedauern, dass ich wieder einmal nicht alles würde sehen können, beschloss ich, mich auf die spanischen Maler zu konzentrieren, über die ich viel zu wenig weiß. Die wichtigsten – Velázquez mit seinen Herrscherportraits, Goya, El Greco – kennt man, aber was gibt es noch zu entdecken?

Um es kurz zu machen: die spanische Malerei hat mich auf Anhieb begeistert! Die Motive (vor allem biblische Themen, wie in anderen europäischen Ländern zu gleicher Zeit auch) sind natürlich immer recht ähnlich, aber die Art zu malen über die Jahrhunderte eine andere als bei uns und bestimmt durch die Umgebung. Eine sehr naturgetreue Darstellung, anders als diese verklärten und geschönten flämischen Maler, starke Farb- und Hell/Dunkel-Kontraste, mit einem überaus scharfen Blick für die menschliche Natur und den Mut, sie schonungslos darzustellen.

Aus dem 17. Jahrhundet hat mich vor allem Francisco de Zurbarán sehr angesprochen. Das ist so ein ganz typisches Beispiel für diese düsteren, kontrastreichen Bilder:

Francisco de Zurbarán: Franz von Assisi
Francisco de Zurbarán: Franz von Assisi

Den Namen Francisco Pradilla Ortiz hatte ich vorher auch noch nie gehört, war aber ungeheuer beeindruckt von der Schärfe und Tiefe besonders dieses Bildes „Johanna die Wahnsinnige begleitet den Sarg ihres Mannes“:

Francisco Pradilla Ortiz: Johanna die Wahnsinnige am Sarg ihres Mannes
Francisco Pradilla Ortiz: Johanna die Wahnsinnige am Sarg ihres Mannes

Leider, leider ist es hier viel zu klein. Im Original von einer ungeheuren Wucht, und nachdem es 340 x 500 cm groß ist, kommt man sich vor, als würde man mitten in dieser trostlosen Winterlandschaft irgendwo in Spanien stehen. Es mag mir keiner glauben, aber mir wirklich kalt geworden, als ich vor dem Bild stand.

Hier haben wir Johanna die Wahnsinnige übrigens noch einmal auf einem Gemälde von Lorenzo Vallés (ich hab sie im Museum mehrere Male gesehen, auf Bildern verschiedenster Epochen, sie muss zu ihrer Zeit eine sehr eindrucksvolle Persönlichkeit gewesen sein). Hier hat sie ihren heißgeliebten verstorbenen Mann wieder ausbuddeln lassen und glaubt, dass das Leben in ihn zurückkehren wird:

Lorenzo Vallés: Demencia de doña Juana de Castilla
Lorenzo Vallés: Demencia de doña Juana de Castilla

Nicht alle Bilder in der spanischen Malerei sind so düster und trostlos, viele strahlen eine ungeheure Lebensfreude aus, sind witzig bis zum Sarkasmus, aber immer schonungslos. Und das scheint mir auch ein wenig die spanische Mentalität widerzuspiegeln, von Kontrasten bestimmt: schwarz-weiß, hell-dunkel, bunt-farblos, Kontraste ohne Schattierungen dazwischen, und die Lebensfreude wird durch das Bewusstsein bestimmt, dass es auch die andere, die düstere Seite im Menschen gibt. Nur, hier wird sie nicht verdrängt, sondern als Teil des Lebens akzeptiert. Vielleicht ist man hier gerade deswegen viel entspannter als bei uns.

Und als wäre der Prado noch nicht Kulturschock genug gewesen, bin ich noch ins Museo Reina Sophia weitergewandert, und zwar aus einem einzigen Grund:

Pablo Picasso: Guernica
Pablo Picasso: Guernica

Dieses Schreckensbild des spanischen Bürgerkrieges (dessen Entstehung außerdem ausführlich mit Fotos dokumentiert ist) sollte, nein, MUSS man gesehen haben. Und wenn man dann noch in den Medien im Museum und auch in Filmausschnitten sieht, wie man sich nach Jahren des gewollten und kollektiven Vergessens jetzt auch in Spanien mit dem Bürgerkrieg und seinen Folgen auseinandersetzt, bekommt man plötzlich zu Spanien und zur europäischen Geschichte wieder einen ganz anderen Bezug. Und wenn man dann noch überlegt, dass vielleicht auch Carlos‘ Eltern vor der Franco-Diktatur, die bis zu Francos Tod 1975 andauerte, nach Deutschland geflüchtet sind, so schließt sich der Kreis auf ganz seltsame Art wieder.

Auch im Stadtbild dieser scharfe Kontrast der Farben und Helligkeit und Schatten:

Madrid Innenstadt
Madrid Innenstadt

Am späten Nachmittag wieder im Hotel habe ich gleich wieder eine Nachricht nach Hause geschickt:

„Samstag, 25. Juni 2011, 17:27 Ich bin platt. Heiss ist es hier… Habe heut Museen abgeklappert und jetzt einen ausgewachsenen Kulturschock. Einfach grossartig, was hier geboten wird. Hab mich im Prado auf die spanischen Maler konzentriert und so manche Entdeckung gemacht. Bei uns kennt man ja mal gerade die beruehmtesten… Und jedes zweite Bild war das Portrait von irgendeinem Carlos, der I., der II., der III. usw. Da guck ich mir lieber den richtigen an… DEN Carlos!Entschuldigt uebrigens, dass ich hier lauter Monologe von mir gebe, aber das Surfen und Seiten schauen ist mit dem iPhone ziemlich muehselig, daher beschraenke ich mich auf kurze Berichte.“

Und für den Abend war noch Konzert mit Carlos Marín geplant – mit einem anschließenden Umtrunk, und einem enthusiastischen nächtlichen Bericht nach Hause:

„Sonntag, 26. Juni 2011, 01:23 Nochmal eben einen naechtlichen Zwischenbericht. Perfekter haette es kaum laufen koennen, bin TOTAL happy. Hab wieder viele tolle Fotos gemacht, viele großartige Menschen kennengelernt, werde ganz stolz von Carlos‘ Mama herumgereicht, weil ich extra wegen ihrem Sohn aus Deutschland angereist bin, es gab hugs und kisses, viele Fotos, und und und… Hach! Gute Nacht!!“

Sonntag, 26.06.2011

El Rastro
El Rastro

Für den Sonntag hatte ich mir vorgenommen, den berühmten Flohmarkt „El Rastro“ zu besuchen, der jeden Sonntag rund um den Plaza de Cascorro stattfindet. Hier bekommt man alles, was man sich nur vorstellen kann. Es gehört in Madrid zum Sonntagsritual, den Rastro zu besuchen, denn schon am Vormittag waren die Straßen rund um den Plaza de Cascorro dicht gefüllt. In den Altstadtgassen gibt es auch viele kleine Geschäfte, Antiquitätenläden, Haushaltswaren, Kleidung, Möbel, Second-Hand-Läden, und alle haben geöffnet. Auf dem Flohmarkt selber wird vor allem Kleidung angeboten, aber auch Schmuck, Sportbekleidung, Lederwaren und Tischwäsche, und man kann echte Schnäppchen machen. Zwei Hosen hab ich mir gekauft, zusammen für 16 Euro – da kann man nicht meckern.

Die Straßen sind auch hier, wie fast überall in der Innenstadt, etwas hügelig, und wenn man den Fehler macht, in der Mittagshitze erst einmal bergab zu gehen – muss man sehen, wie man hinterher wieder heraufkommt. :-) Ich habe mir aber viel Zeit genommen, immer wieder Mineralwasser nachgeschüttet und mich manchmal einfach nur eine Weile hingesetzt, um das bunte Treiben zu beobachten.

Vom Rastro aus bummelte ich noch ein wenig weiter, wieder in Richtung Kathedrale und Königspalast, es war inzwischen Nachmittag.

Königspalast
Königspalast

Touristen fotografieren sich immer gegenseitig, hab ich festgestellt, und hatte mich diesem Brauch nicht angeschlossen. Das hier ist die einzige Ausnahme. Meine Foto-Partnerin mit gegenseitigem Ablichten kam in diesem Falle aus Japan.

Gleich hinter dem Königspalast liegen die Sabatini-Gärten, eine sehr gepflegte und sehenswerte Grünanlage, die hab ich mir auf dem Weg zum Hotel dann auch noch angesehen:

Jardines de Sabatini
Jardines de Sabatini

Den Rest des Abends habe ich in bewährter Weise als Botschaft nach Hause festgehalten:

„Sonntag, 26. Juni 2011, 22:41 Mein iPhone hat den Hitzschlag und ich sitze im Internetcafe an der Calle Gran Via. Habe mich eben noch von Carlos verabschiedet, denn morgen geht es ja für mich wieder nach Hause… :-(  Bussi an alle, vielleicht kriege ich mein iPhone noch ans Laufen, ansonsten melde ich mich morgen wieder! Buenas noches y besos para todas!“

Als ich aus dem Internetcafé kam, bummelte ich langsam die Calle Gran Via wieder Richtung Hotel hinunter, und warf zufällig einen Blick auf die andere Straßenseite. Dort standen nicht nur einige Leitern vor dem Teatro Compac Gran Via, sondern ein ganzer Kran und daneben ein Pritschenwagen. Ich sah auf die Uhr, es war knapp nach Mitternacht. Ein Mann auf einer Leiter riss gerade das Plakat vom Carlos-Konzert auf der rechten Seite des Eingangs ab. „Oh nein!“ sagte ich unwillkürlich, als er es einfach auf den Boden warf.

Ich stürzte zur nächsten Ampel ein Stückchen hinter dem Teatro (nebenbei bemerkt, sind Fußgängerampeln wirklich die sicherste Art und Weise, die Straßen von Madrid zu überqueren) und rannte auf der anderen Seite wieder zurück. Inzwischen lag das erste Plakat auf der Ladefläche des Pritschenwagens, ein weiteres Plakat auf dem Boden, und ein Arbeiter auf dem Kran schickte sich gerade an, das riesige Plakat über dem Eingang (geschätzte sechs, sieben Meter breit) zu entfernen.

Eingang Teatro Compac Gran Via Juni 2011
Eingang Teatro Compac Gran Via Juni 2011

Ich sprach einen der Arbeiter an, und seinem Gesicht nach zu urteilen, muss ich ziemlich viel unverständliches Zeug geredet haben. Er sah mich ratlos an und kratzte sich am Kopf. Ich zeigte auf das Plakat, das am Boden lag, dann auf die Wand, die jetzt kahl war, dann auf mich, dann auf das Plakat auf dem Wagen, und hab das Ganze noch ein paarmal wiederholt. Dann hellte sich seine Miene auf, er hatte begriffen. Er ging zum Lieferwagen, nahm eine große Rolle herunter, ließ sie aufrollen, und das war das erste Plakat, genau das, was ich haben wollte. Ich machte ein fragendes Gesicht, und deutete auf das Plakat und wieder auf mich, ob ich es haben dürfte. „Si“, lächelte er, drückte mir ein Ende des Plakats in die Hand und gemeinsam rollten wir es schön fest wieder auf, dann gab er es mir mit einem Kopfnicken. Ich hatte einen Kloß im Hals. Was für ein Souvenir! Ein Originalplakat der Carlos-Konzerte. Nicht nur aus Papier, sondern aus schwerer Leinwand. Und wie nett von diesem Menschen, mir zu helfen. „Muchas gracias“, kriegte ich noch zustande, küsste diesen göttlichsten aller Madrider Arbeiter auf die Wange und verschwand blitzschnell mit meinem Raub, bevor er es sich womöglich anders überlegte.

Und diese Rolle stand nun in der Zimmerecke im Hostal Gran Via 63: ein großes Plakat, sorgfältig zusammengerollt, und ich wollte es unbedingt mit nach Hause nehmen. Ich würde es irgendwie verpacken und als zusätzliches Gepäckstück deklarieren müssen. Gab es hier im Kaufhaus vielleicht große Papprollen? Groß genug für dieses Riesenteil? An der schmalen Seite aufgerollt maß es schon 1,50 Meter. Und wie dieses Ding ins Flugzeug bekommen? Es würde Übergepäck kosten, vielleicht zehn, fünfzehn Euro. Egal, das sollte es mir wert sein.

Montag, 27.06.2011 – Abreisetag

Als ich aufwachte, war mein erster Gedanke: Heute muss ich nach Hause. MUSS. Oh nein. Ich hatte mich seit Jahren nirgends mehr so wohl gefühlt wie in Madrid, ich vertrug die Hitze gut, hatte nicht ein einziges meiner üblichen Wehwehchen – nein, ich wollte nicht heim. Ob mit oder ohne Carlos: ich hatte Madrid ins Herz geschlossen, unwiderruflich. Immerhin ging der Flieger erst abends um viertel vor acht, ich konnte den Tag also noch nutzen.

Es hielt mich nicht mehr im Bett, ich zog mich schnell an und ging los. Das Zimmer musste bis um 12 Uhr geräumt werden, ich durfte das Gepäck aber noch bis nachmittags im Hostal lassen. Zeit genug, noch ein passendes Behältnis für mein Monster-Poster zu besorgen.

Erste Station: Internetcafé: „Montag, 27. Juni 2011, 09:58 
Hola! Ich sitze wieder im Internetcafe, mein iPhone ist dem Hitzschlag erlegen. Die Ueberdosis Madrid ist uebrigens noch steigerungsfaehig. Ich bin gestern abend hier aus dem Café raus und noch ein bisschen herumgebummelt. Und auf dem Rueckweg zum Hotel (das schraeg gegenueber vom Teatro Compac Gran Via ist) hab ich gesehen, dass sie dabei waren, die Plakate am Teatro auszuwechseln, Carlos abmontieren und die Plakate fuer die nachste Show aufhaengen. Und die wollten Carlos WEGWERFEN!!!! Sowas kann ich natuerlich nicht zulassen.
Ich komme also (hoffentlich) mit einem Originalplakat von der Show nach Hause, d.h., falls es mir gelingt, das Ding irgendwie zu verpacken und mit ins Flugzeug zu kriegen. Es ist naemlich ungefahr 1,50 x 2,00 Meter gross und aus schwerem Textil… Ansonsten gehe ich heute noch in den Retiro Park, den hab ich bislang nur gestreift, dann am Nachmittag zum Flughafen und um 22.15 Uhr soll der Flieger in Duesseldorf landen. Bis ich dann zu Hause bin… Bussi an alle und bis nachher! Morgen hab ich noch Urlaub, gut, dass ich mir den Tag auch noch freigenommen habe… „

Und damit zog ich los, immer die Uhr im Auge, denn ich musste ja mein Zimmer rechtzeitig räumen. Zusammengepackt war schon alles. Meine Suche nach einer passenden Verpackung für mein Souvenir hatte ich später in einer Nachricht nach Hause wie folgt beschrieben:

Montag, 27. Juni 2011, 16:23
 Hahaha, das war total lustig. Ich war im Kaufhaus und hab versucht, eine grosse Papprolle fuer das Plakat zu bekommen. Nun versucht mal, einer spanischen Kaufhausangestellten, die kein Wort englisch kann, zu erklaeren „ich-brauche-bitte-eine-grosse-Papprolle-in-der-das-Plakat-von-Carlos-Platz-hat“. Ich habs dann mit Zeichensprache versucht, hab mir einen Briefumschlag aus dem Regal genommen und eine Rolle Geschenkpapier, hab auf den Umschlag gezeigt, das Wort „parqueta“ fiel mir zum Glueck noch ein, und dann auf die Rolle und hab dann mit Zeichensprache klargemacht, dass ich so etwas in GANZ GROSS suche. Hat geklappt! Tubo heisst das! Ganz einfach! Ich hab zwar das Plakat noch einmal laengs knicken muessen, aber es ist verstaut. Ich bin nur gespannt, was die gleich am Flughafen dazu sagen werden…“

Plakat verstaut, Reisetasche und Papprolle an der Rezeption des Hostal abgegeben und dann: Retiro Park!

Parque de el Retiro
Parque de el Retiro

Mit der Metro konnte ich gleich durchfahren, und wenn man aus der Metro-Station „Retiro“ kommt, steht man praktisch schon mitten im Park.

Der Reiseführer verriet, dass man am besten erst einmal die Hauptachse des Parks entlangwandert und dann nach Gusto rechts und links abschweift. Bis ich gegenüber dem Monumento Alfonso XII und dem wunderschönen See angekommen war, verging schon mindestens eine halbe Stunde, es gab so viel zu sehen und zu fotografieren. Außerdem, nicht vergessen, es hatte ja inzwischen schon wieder weit über 30 Grad. Ich setzte mich auf eine Bank gegenüber dem See und sah den Ruderbooten zu. Schräg vor mir saß ein Gitarrenspieler, und der war auch wieder typisch für etwas, das ich in Madrid liebgewonnen hatte: an jeder Ecke gibt es Musik, und die meisten Straßenmusiker sind wirklich richtig gut. Vor allem diese leichten spanischen Gitarrenklänge begleiteten mich überall:

Überall rund um den See sind kleine Cafés und Restaurationsbetriebe, und viele nutzen die Chance, bei herrlichem Ausblick im Schatten unter Bäumen zu sitzen. Die Stimmung ist absolut relaxed. Der Park, der ehemalige königliche Park, ist der große Garten der Madrilenen, ein riesiges Areal, wo jeder ein ruhiges Plätzchen im Schatten, oder im Winter auch in der wärmenden Sonne finden kann. Der Baumbestand ist uralt, an jeder Wegkreuzung gibt es etwas anderes zu sehen, Brunnen, Denkmäler, kleine Kunstwerke. Menschen flanieren, führen Hunde aus, fotografieren, joggen, liegen einfach nur im Gras unter einem der uralten Bäume – Entspannung pur.

Im Inneren des Parks gibt es gleich zwei sehr ungewöhnliche Gebäude, die man schon aufgrund der Architektur genauer ansehen sollte. Das eine ist der Palacio de Velázquez:

Palacio de Velázquez
Palacio de Velázquez

und das andere der Palacio de Cristal.

 Palacio de Cristal
Palacio de Cristal
Palacio de Cristal (innen)
Palacio de Cristal (innen)

In beiden Gebäuden finden Kunstausstellungen und Kunstprojekte statt, im Kristallpalast gab es zum Beispiel, als ich drin war, eine akustische Installation mit künstlich erzeugten Tönen, was im Gesamteindruck mit der Durchsichtigkeit ringsum ein ganz seltsames, fremdes Gefühl auslöste. So, als sei man auf einem anderen Planeten gelandet.

Es nützte nichts, am Nachmittag musste ich mich wieder in Richtung Hostal auf den Weg machen, um mein Gepäck abzuholen und zum Flughafen zu fahren. Wieder brauchte ich Hilfe, weil ich an der Metro-Sation auf dem falschen Bahnsteig war, und diesmal waren es zwei freundliche Arbeiter, denen ich den Metro-Plan zeigte und sagte, dass ich mit der „linea ocho“ zum „aeroporto“ müsste, die es sich nicht nehmen ließen, mir tatkräftig zu helfen. Einer trug mir sogar meine Tasche über die zahlreichen kleine Treppchen von einem Bahnsteig zum anderen und gab nicht eher Ruhe, bis ich am richtigen Gleis stand und genau wusste, in welche Linie ich einsteigen müsste. Ach, dieser Charme, diese Hilfsbereitschaft, die menschliche Wärme und Herzlichkeit – das vermisse ich am meisten.

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Ich musste ja mein XXL-Souvenir noch sicher ins Flugzeug bringen. Am Flughafen Madrid wollte man mir nämlich für das zweite „Gepäckstück“ (die Papprolle) 60 Euro abknöpfen! Ich hab dem Mann beim Einchecken klargemacht, dass der Preis ja wohl eine Unverschämtheit sei und bin zum Security-Check gegangen, hab denen erklärt, das sei ein Plakat und Andenken, und so schönes Konzert und hach! mir fehlt Madrid jetzt schon *heulheul* – und ich durfte es als Handgepäck mit ins Flugzeug nehmen. Kostenlos, versteht sich. 😆

Und so endete mein Fünf-Tage-Trip nach Madrid, man erinnere sich, meine erste Reise nach Spanien überhaupt. Und auch davon möchte ich mehr, mehr, mehr. Wer weiß, vielleicht im nächsten Jahr?

XXL-Souvenir
XXL-Souvenir

ENDE

 

Reise in eine andere Welt

La Gomera im September 2012

Am Anfang war die Recherche. Nein, nicht nach dem nächsten Reiseziel, sondern es ging einfach nur um eine Google-Suche nach einem Schauplatz für mein Buch. Einer von mehreren Schauplätzen, um genau zu sein. Wie ich dann an die Kanarischen Inseln geraten bin, weiß ich nicht mehr genau, aber es sollte eine der kleineren sein, auf der mein Protagonist sich vor der Welt versteckt. El Hierro war zu klein, also: La Gomera.

Und wie man es als gewissenhafter Autor so macht, wenn man etwas beschreiben will, dort aber noch nicht war – man klickt sich durchs Internet. Reiseseiten, Fotos, Wikipedia, Google, Google Maps, alles was geht. Was für ein schönes Fleckchen Erde – und gar nicht so weit weg. Eigentlich. Um die Wahrheit zu sagen, waren meine bisher entferntesten Reiseziele innereuropäisch. Ich war noch nie jenseits unseres Kontinents, und obwohl die Kanaren politisch zu Spanien gehören, liegen sie geografisch auf einer Höhe mit Nordafrika.

Diese Insel hat mich fasziniert. Immer tiefer bin ich in Beschreibungen eingetaucht, habe schließlich meine Kapitel geschrieben, die dort spielen – und dann war der Wunsch übermächtig, diese Insel endlich auch zu sehen. Vor Ort weiter an meinem Buch zu schreiben, damit die Eindrücke unmittelbarer sind. Und vielleicht dort meinen „Helden“ Ramón zu finden.

Und Bilder wie dieses sind natürlich magisch:

Los Gemelos, die Zwillingsfelsen
Los Gemelos, die Zwillingsfelsen

Die Suche nach Ramón

Hauptzweck meine Reise: abschalten und zur Ruhe kommen. Und das kann ich am besten in freier Natur, mit möglichst wenig Menschen, und viel Bewegung. Allerdings war ich auch fest davon überzeugt, dass mein Protagonist wirklich irgendwo in den Lorbeerwäldern auf La Gomera wohnt, und so habe ich die Reise vor allem als zweiwöchigen Wanderurlaub geplant, über den ich auch ein Tagebuch schreiben wollte, um meine Eindrücke unmittelbar festzuhalten. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

Mittwoch, 5. September 2012

Die Hinreise begann gegen zehn Uhr morgens und hatte folgende Stationen: Flughafen Düsseldorf, Air Berlin-Flug nach Teneriffa-Süd, Taxi zur Hafenstadt Los Christianos, Fähre nach San Sebastian auf La Gomera, Mietwagen nach Hermigua, Quartier in der ersten Urlaubswoche in der Apartment-Anlage „Jardin La Punta“.

Hafen von Los Christianos, Teneriffa
Hafen von Los Christianos, Teneriffa

Die Fähre von Teneriffa/Los Christianos nach San Sebastian/La Gomera hatte so ihre Tücken. Ich wusste aus meinen Reiseführern und Beschreibungen, dass die Schifffahrtsgesellschaft am Hafen Gepäckwagen stehen hat, bei denen man seinen Koffer abgeben kann.

Nun nahm ich in meiner Unbedarftheit an, das sei nur zur Aufbewahrung (abgeben = zur Aufbewahrung, aufgeben = zur Beförderung, der Germanist in mir sieht darin einen kleinen, aber deutlichen Unterschied), und behielt meinen Koffer bei mir, da ich ohnehin nirgendwo anders hin wollte und er mir daher nicht lästig war.

Der zweite Irrtum: wenn eine Fähre mit dem Ziel „La Palma“ angekündigt steht, fährt sie auch nach La Palma. Dass sie dabei aber Zwischenstation auf La Gomera macht, und dass dies MEINE Fähre war – und außerdem die letzte an diesem Tag – stand nirgendwo und ich habe es erst begriffen, als es schon beinahe zu spät war. Jedenfalls sprach mich einer der Mitarbeiter an, ob ich nach La Gomera wolle, und als ich das bestätigte, schnappte er sich meinen Koffer, verlud ihn in den Lieferwagen, stieg ein und fuhr damit weg. Hallo?

Ein Ehepaar aus England, das ebenfalls die Fähre nahm und das Procedere schon kannten, beruhigte mich: der Lieferwagen fährt aufs Schiff, fährt in San Sebastian wieder vom Schiff herunter und lädt die Koffer wieder aus. Aha. Gut zu wissen. :-)

Und tatsächlich lief es genau so ab, wie diese beiden reizenden Menschen es mir gesagt hatten. Überglücklich nahm ich sowohl meinen Koffer als auch den Schlüssel für den Mietwagen in Empfang, der am Hafen von San Sebastian auf mich wartete, hielt mich an die Empfehlung, gleich am Hafen die Tankstelle anzufahren und sowohl zu tanken als auch einen Kanister Wasser und etwas zu Essen mitzunehmen, und fuhr in der Abenddämmerung Richtung Hermigua.

Als ich dort ankam, war es bereits dunkel und ich so müde, dass ich der Umgebung kaum Beachtung schenkte, und ohnehin kaum etwas hätte sehen können. Eines fiel mir aber sofort auf: eine wunderbare Luft, gleichermaßen nach Meer wir nach irgendwelchen Kräutern duftend, gemischt mit Holz. Wunderbar.

Donnerstag, 6. September 2012

Als ich am nächsten Morgen mit dem Tageslicht erwachte und zum ersten Mal vom Balkon herunterschaute, verschlug es mir die Sprache: was für ein einzigartiger Ausblick aufs Meer, auf die Bucht, auf Teneriffa mit dem Berg Teide in der Mitte, der mich immer wieder an eine Pyramide erinnerte.

Apartmentanlage "Jardin La Punta" in Hermigua
Apartmentanlage „Jardin La Punta“ in Hermigua
Ausblick von meinem Balkon
Ausblick von meinem Balkon

Als Erstes nahm ich mir vor, die nähere Umgebung, sprich: Hermigua selbst zu erkunden und stiefelte nach dem Frühstück auf dem Balkon tatendurstig los. Mein Ziel war, am anderen Ende der Bucht das Meerwasserschwimmbecken zu erreichen. Nicht, um zu schwimmen, ich wollte es erst einmal nur sehen. Ich lief Hänge hinunter, durch Bananenpflanzungen, Schilf, und überall wurde ich von lautem Rascheln begleitet: Eidechsen, die wie verrückt flüchten, wenn sie Schritte hören. Ich musste mich erst daran gewöhnen, glaubte ich doch ständig, dass jemand hinter mir ist. Aber nein, ich war ganz alleine, und das mehr oder weniger mitten im Ort. Viel Bevölkerung oder Touristen gibt es halt hier nicht, doch dazu später.

Ich merkte schnell, dass man sich diese Insel erobern muss, sich umgewöhnen, die Natur akzeptieren, Vertrauen zu haben. Die Straße zum Meerwasserschwimmbecken war gesperrt, und ein großes Schild klärte über die Gefahren von Steinschlag auf. Trotzdem habe ich mich hingetraut (und ich war nach wie vor völlig allein), und duckte mich förmlich vor der Felsenwand, die rechts von mir steil aufstieg. Fast schon bedrohlich. Aber vielleicht lag das auch an dem Schild, dass ich mich unwohl fühlte… 😉

Meerwasserschwimmbecken
Meerwasserschwimmbecken

Später am Tag bin ich dann noch ein wenig durch den eigentlichen Ort gestreift. Hermigua hat laut Wikipedia 433 Einwohner, die sich auf sechs Gemeinden verteilen, die entlang einer Straße liegen, die aus den Bergen kommt und durch ein breites Tal über sechs oder sieben Kilometer gestreckt bis ans Meer führt. Also ein Dorf im Grunde. Trotzdem gibt es alles: mehrere kleine Supermärkte, Tankstelle, Stadtpark, Banken, Kulturzentrum, Touristeninformation, sogar ein Museum, das „Museo Etnologico“, das ich später auch noch besucht habe. Man muss das alles nur erst einmal finden. Wenn man mit dem Auto durch den Ort fährt, ist man ganz schnell vorbeigerast und muss umdrehen und neu suchen. Stadtpläne in Reiseführern sind auch nur bedingt hilfreich. Erstaunlich viele Menschen sprechen hier übrigens Deutsch – das ist nicht gerade förderlich, um seine Spanischkenntnisse zu erweitern. :-)

Übrigens, hier sind sie, die Zwillingsfelsen. Gleich oberhalb der „Molino de Gofio“, einer sehr hübschen kleinen Anlage (mit angegliedertem Andenkenladen natürlich), in der man etwas über den Anbau von Bananen und die Lebensweise der Bevölkerung lernen kann.

Zwillingsfelsen
Zwillingsfelsen

Freitag, 7. September 2012

Heute sollte es endlich mit dem Wandern losgehen. Ich hatte mir am Vorabend verschiedene Wanderrouten angesehen und mich für eine „Einsteigerroute“ von etwa zweieinhalb Stunden Dauer entschieden. Unter anderem führt sie durch einen Tunnel unter dem Berg hindurch.

Erster Haken: Laut Beschreibung ist der Start des Wanderwegs auf der Verbindungsstraße zwischen der GM1 und der GM2, das sind zwei der drei Hauptstraßen auf La Gomera. Parkplatz an der unteren Haarnadelkurve. Leute, ich bin vom Niederrhein – für mich sind das alles Haarnadelkurven!! Berg rauf, Berg runter, Kurve rechts, Kurve links, und das alles mit einer Höchstgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern. Nach einigen Wendemanövern, weil ich natürlich schon wieder daran vorbeigerast war, hab ich den fraglichen Parkplatz dann gefunden.

Zweiter Haken: Den Tunnel konnte man leider nicht benutzen, es stand Wasser drin. Und mit meiner schwächlichen Taschenlampe durch einen stockdunklen Tunnel, in dem Wasser wadenhoch steht, alleine – lieber nicht. Also blieb nur der Weg über den Berg. Und auf der anderen Seite logischerweise wieder herunter.

Wo ich eigentlich an diesem Tage gewandert bin, wusste ich hinterher nicht mehr so genau, denn die Karten und Wegbeschreibungen sind nicht immer sehr treffend. Jedenfalls war ich irgendwo in der Gegend um El Cedro und Los Aceviños unterwegs, da, wo ich eigentlich auch Ramón vermutet hatte. Ich habe einen kleinen Weiler gefunden, dessen Häuschen alle verlassen und teilweise überwuchert und eingestürzt waren, aber leider nicht seine Holzhütte.

Verlassener Weiler bei El Cedro
Verlassener Weiler bei El Cedro

Dafür gab es aber Menschen, die auf Wanderwegen – die teilweise stark bergauf gehen – auf Flip-Flops unterwegs sind. Manche lernen es eben nie. Mein Mitleid dafür, dass sie über den anstrengenden Weg klagten, hielt sich demzufolge sehr in Grenzen, und ich stiefelte in meinen Wanderschuhen fröhlich weiter.

Von diesen Figuren mal abgesehen sah ich stundenlang im Wald niemand. Keinen Menschen. Stille. Sehr ungewohnt für jemanden, der zwar halbwegs ländlich wohnt, aber tagsüber in einer Millionenstadt arbeitet, die nie schläft. Die Stille war geradezu ohrenbetäubend, und ich scharrte mit den Schuhen, um mich zu vergewissern, dass ich nicht plötzlich taub war. Beeindruckend, aber in keiner Weise beängstigend, im Gegenteil. Wenn einem jemand Böses zufügt, dann der Mensch, nicht die Natur.

Lorbeerwald
Lorbeerwald

Manchmal gab es aber doch Geräusche, ganz leise. Eidechsen, die an sonnigen Stellen unter Geraschel davonrennen, einzelne Vögel, ab und zu auch eine Taube oder weit oben am Himmel Greifvögel. Einmal habe ich in der Ferne auch eine Ziege meckern hören.

Wieder zurück in Hermigua war ich verschwitzt und verklebt. Was wäre passender, als den Swimmingpool zu testen?

Swimmingpool in "Jardin La Punta"
Swimmingpool in „Jardin La Punta“

Samstag, 8. September 2012

Plan für heute: in Laguna Grande das Informationszentrum des Naturparks besuchen und von dort aus eine Wanderung zum Garajonay, La Gomeras höchstem Gipfel. Das Wetter war morgens ein bisschen bewölkt, aber der Wind kam von Norden, und ich hoffte, er würde die Wolken, bis ich dort angekommen wäre, vertreiben.

Nächster Haken: ab der Straßenkreuzung von Pajarito war wegen der Waldbrände in den Wochen zuvor die Straße gesperrt, kein Durchkommen nach La Laguna. Auch der Direktaufstieg von Pajarito aus auf den Garajonay war verboten.

Aufstieg auf den Garajonay
Aufstieg auf den Garajonay

Also fuhr ich der ausgeschilderten Umleitung nach, um vielleicht aus der anderen Richtung nach La Laguna zu kommen, und kam dabei unter anderem duch Chipude und El Cercado, zwei wunderschönen Dörfern, die sehr hoch gelegen sind und in denen ich zum ersten Mal mitten in den Wolken stand. Buchstäblich. Ich konnte es nicht fassen: 30 Grad, Sonne, und plötzlich wabert eine Wolke um mich herum.

In den Wolken
In den Wolken

In El Cercado sagte mir dann ein Dorfbewohner, dass nicht nur die Straße nach La Laguna gesperrt ist, sondern auch das Informationszentrum, ich hatte also keine Möglichkeit, dort hin zu kommen. Ich kaufte noch je ein Glas des berühmten „Miel de Palma“ (Palmenhonig) und „Miel de Abeja“ (Honig aus dem Lorbeerwald) und fuhr wieder nach Pajarito zurück.

Ich hatte nämlich gesehen, dass es links vom gesperrten Aufstieg zum Gipfel einen weiteren Weg gab, der nicht abgesperrt war – den wollte ich ausprobieren. Vielleicht klappte es mit einem Umweg, zum Gipfel des Garajonay zu kommen. Also, Auto abgestellt und Wanderschuhe an! Andere Wanderer, die ich dort traf, konnten sich nicht vorstellen, dass man irgendwie zum Gipfel kommt, und fuhren weiter.

Nach ein paar hundert Metern schon war ich allerdings auch kurz vor dem Aufgeben. Der Weg führte mitten durch das vom Waldbrand betroffene Gebiet. Alles war verbrannt und verkohlt, Bäume, Sträucher, die Erde rot, kein einziges grünes Blatt, und ich war völlig allein. Ein mulmiges Gefühl, bis ich mir klarmachte, dass ich, selbst wenn wieder Brände aufflackern sollten, dort am sichersten bin. Hier konnte kein Feuer mehr Nahrung finden. Überall lag noch Brandgeruch in der Luft.

Verbrannter Lorbeerwald um den Garajonay
Verbrannter Lorbeerwald um den Garajonay
Verbrannter Baumstamm
Verbrannter Baumstamm

Bei näherer Betrachtung allerdings sah ich, dass der Wald sich bereits ins Leben zurückkämpft. Die ersten Pflanzen sprossen schon wieder aus dem Boden, und wie ich später lernte, ist nicht nur der verbrannte Boden außerordentlich fruchtbar, sondern es gibt sogar Pflanzen, die ausdrücklich ihre Samen erst nach einem Waldbrand abwerfen und in der verbrannten Erde keimen lassen. Ein Trick der Evolution!

Erste Pflanzen nach dem Brand
Erste Pflanzen nach dem Brand

Während ich trotz allem dem Wanderweg weiter folgte, sah ich irgendwann ein Hinweisschild auf den Garajonay. Ich hatte also richtig geschätzt, dass ich auf einem Weg war, der außen um den Garajonay herumführte und mich schließlich doch zum Gipfel bringen würde.

Ich war stolz wie bei einer 8.000er-Besteigung im Himalaya, als ich – als einziger Mensch weit und breit – schließlich tatsächlich den Gipfel erreichte. Das Feuer war während der Brände von allen Seiten bis an die Aussichtsplattform herangekommen, hatte aber auf deren Steinen keine Nahrung mehr gefunden. Inzwischen hatten sich auch die Wolken verzogen und ich hatte einen weiten Blick auf die Nachbarinseln El Hierro, La Palma und Teneriffa.

Alto de Garajonay
Alto de Garajonay

Zurück ging es den selben Weg, es gab keinen anderen. Sonne, kein Fitzelchen Schatten, der Brandgeriuch – ich war froh über die kühle Dusche, als ich wieder in Hermigua angekommen war.

Abends starteten vom Berg gegenüber meines Balkons mindestens 20 Paraglider und umschwirrten für zwei, fast drei Stunden die Bucht, teilweise nahe an den Felsen vorbei. Die Sicht von da oben muss unglaublich sein.

Paraglider
Paraglider

Sonntag, 9. September 2012

Weil Sonntag war, plante ich nur einen kurzen, bequemen Wanderweg, der vom Mirador de Hermigua durch ein Stück Lorbeerwald bis zu einer Aussichtsplattform führte. Ich konnte mich an diesen moosbewachsenen Baumstämmen kaum sattsehen, es war wie im Märchen.

Lorbeerwald
Lorbeerwald

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich eigentlich auf die Idee kam, jedenfalls beschloss ich, diesmal nicht zu Fuß, sondern mit dem Auto von El Cedro bis Aceviños zu fahren, um dort ein bisschen herumzulaufen – ich suchte ja immer noch Ramóns Hütte. Auf meiner Karte war eine schmale Straße eingezeichnet, die wollte ich ausprobieren.

Straße war allerdings eine stark geschmeichelte Bezeichnung. Ich hatte das, als verwöhnter Mitteleuropäer, völlig falsch eingeschätzt. Die „Straße“ war eine gelungene Mischung aus Steinen, Resten von Felsabbrüchen, Sand, Schotter, Schlaglöchern und das Ganze rauf und runter in Serpentinen. Ich hatte seltsamerweise überhaupt keine Angst, in den nächsten Barranco (Schlucht) zu stürzen, wahrscheinlich war ich viel zu sehr darauf konzentriert, meinen armen kleinen Nissan Micra irgendwie heil da durchzubringen. Wenden war unmöglich. Eigentlich dürfte diese Piste wirklich nur für Geländewagen freigegeben werden, oder zumindest müsste eine Warntafel dort stehen. Das Foto gibt den Zustand der „Straße“ leider kaum wieder…

Schotterpiste
Schotterpiste

Nachdem wir verschwitzt (ich) und verschmutzt (Micra) wieder in Hermigua eingetroffen waren, waren wir schon wieder tatendurstig. Ziel für den Nachmittag: Playa de Caleta, der „Hausstrand“ von Hermigua. Allerdings hinter dem Berg und nur über enge Schlängelpiste durch das Dörfchen Las Nuevitas zu erreichen.

Der Strand mit dem schwarzen Sand und den glatten, glänzenden Steinen war fest in der Hand der Einheimischen. Es gibt eine kleine Strandbar und einen Grillplatz mit Tischen und Bänken für gefühlte 100 Leute, und so voll war es dann auch beinahe.

Playa de la Caleta
Playa de la Caleta

Montag, 10. September 2012

In der Nacht hatte ich einen Überraschungsgast – einen Gecko! Ich war aufgestanden, weil es stark windig war, und mein Fenster klapperte. Ich wollte es nicht schließen, weil es im Apartment immer noch ziemlich warm war und tapste ins Wohnzimmer, um etwas zu suchen, womit ich es festklemmen könnte – da huschte plötzlich etwas über den Küchentresen. Zum Glück konnte ich schnell nach der Kamera greifen, bevor der Gecko hinter einem Bild verschwand.

Gecko
Gecko

Plan für heute: San Sebastian, Inselhauptstadt, 7.000 Einwohner. Ich wollte aber nicht nur das Städtchen besichtigen, sondern sicherheitshalber auch nach einem Fahrplan für die Fähren fragen. Denn wenn ich die Rückfahrt verpasste, wäre der Flieger weg, und die Ausdrucke, die ich aus dem Internet gemacht hatte, waren leicht widersprüchlich.

Man sollte San Sebastian wirklich gesehen haben. (Ironiemodus an) Von hier aus ist Kolumbus gestartet mit der Absicht, Amerika zu entdecken. Hier gibt es das Haus, in dem er die letzte Nacht verbracht hat, den Brunnen, an dem er seine Wasservorräte aufgefüllt hat, die Kirche, in der er zuletzt gebetet hat, und so weiter. (Ironiemodus aus) Ob das nun alles so stimmt oder nicht: San Sebastian ist sehenswert, viele Häuser in diesem typischen kolonialistischen Stil, die Bewohner sind freundlich, die Souvenirs sehr hübsch, kein Tinnef, und das Essen preiswert.

San Sebastian
San Sebastian

Ich muss allerdings zugeben, dass mir nach einer knappen Woche Einsamkeit Menschen, Autos, Benzingeruch und sonstige zivilisatorischen Kennzeichen einfach unangenehm waren. Mich zog es wieder in meine geliebten Wälder und Berge.

Von San Sebastian aus bin ich die GM2 bis Pajarito gefahren und dort nach Süden abgebogen. Ich wollte den ältesten und zugleich einzigen wildwachsenen Drachenbaum der Insel besuchen, den „Drago de Agalan“. Ziemlich schnell befand ich mich wiederum in einem Gebiet, das von Bränden verwüstet war, wenn es auch nicht ganz so schlimm verkokelt war wie oben am Garajonay.

Der steingepflasterte Weg, der in ein Tal zum Drachenbaum hinunterführte, war nicht gesperrt, und als ich während des Wanderns die ganzen verkohlten Palmen und Kakteen sah, fragte ich mich, ob der Drachenbaum wohl überhaupt noch vorhanden und nicht auch ein Opfer der Flammen geworden wäre. Jeder Schritt auf dem ziemlich unebenen Weg ging abwärts und ich dachte mit Schaudern an den Rückweg, der praktisch nur aufwärts führen würde.

Wanderweg zum Drago de Agalan
Wanderweg zum Drago de Agalan

Wiederum war ich ganz alleine unterwegs, und außer dem schon vertrauten Rascheln von flüchtenden Eidechsen hörte ich keinen Laut außer meinen eigenen Schritten. Endlich war ich unten. Der Zugang zum Drachenbaum ist durch einen weitläufigen Zaun versperrt, es heißt, man will verhindern, dass Touristen ihren Namen in die Rinde ritzen.

Die Feuer hatten sich durch das ganze Tal gewälzt, ringsum war alles verbrannt, verkohlt – nur der Drachenbaum hatte nichts abbekommen, wenn man von ein paar vergilbten Blattspitzen absieht, die vielleicht die Hitze nicht vertragen haben. Aber die Krone war grün, der Stamm unversehrt.

Drago de Agalan
Drago de Agalan

Ich machte eine kurze Rast und begann dann der Aufstieg, mittags, die Sonne stand hoch, und es war heiß. Nirgendwo Schatten. Irgendwann driftete mein Hirn ab, ich konzentrierte mich nicht mehr auf den Weg, sondern ich spürte zu meinem Erstaunen, wie Augen und Füße sich von selbst koordinierten. Ich musste nur immer auf den Boden vor mir starren, ohne zu denken, und meine Füße fanden auf den unebenen Steinen wie von selbst den richtigen Tritt.

Dienstag, 11. September 2012

An diesem Tag war ich endlich einmal früh genug auf, um den Sonnenaufgang hinter Teneriffa und dem Teide zu erleben. Es dämmerte schon, aber die Sonne selbst war noch nicht zu sehen. Also bewaffnete ich mich mit beiden Kameras, machte mir einen Tee, setzte mich auf den Balkon und wartete.

Es wurde heller und heller. Die Spitze des Teide begann zu glühen, die Strahlen der Sonne krochen langsam den ganzen Berg entlang und ragten hinter der Insel in den Himmel. Die Wolken verfärbten sich rot und dann, innerhalb von Sekundenbruchteilen, blitzte die Sonne hinter dem Berg hervor – gigantisch!

Sonnenaufgang über dem Teide
Sonnenaufgang über dem Teide

Nachdem ich plante, Hermigua am Mittwoch Richtung Valle Gran Rey zu verlassen, trieb ich mich einfach noch ein bisschen im Ort herum. Im „Casa de la cultura“, hatte ich gelesen, konnte man umsonst ins Internet, und ich staunte nicht schlecht, dass in dem kleinen Raum dort zehn ziemlich neue Rechner herumstanden. Einer von ihnen hatte einen Aufkleber, wo irgendwas von „EU“ draufstand – also offensichtlich aus Fördergeldern finanziert. Und nicht nur Touristen nutzen dieses Angebot, ich war mehrfach dort und immer waren Einheimische da, auch Ältere. Insofern also auf dieser abgelegenen Insel ein sinnvolle Investition für die Bewohner, um sie auf dem laufenden zu halten.

Den Rest des Tages verbrachte ich mit Tanken, Geld abheben, einkaufen, am Pool liegen (ist das langweilig) und damit, das Meer zu beobachten. Es hieß, dass das Meer um die Kanarischen Inseln von Walen und Delfinen nur so wimmelt, aber in all den Stunden, die ich – auch mit dem Fernglas – hinausstarrte, hab ich nicht einen gesehen. Später habe ich erfahren, dass auf der Nordseite von La Gomera auch kaum welche zu finden sind. Aus klimatischen Gründen ist das Nahrungsangebot für die Meeressäuger im Süden sehr viel reichhaltiger, und da hab ich dann auch welche zu sehen bekommen.

Mittwoch, 12. September 2012

Heute stand der Umzug ins Valle Gran Rey im Südwesten von La Gomera an. Ich war schon sehr gespannt, denn die Gegend ist legendär. „Als ob die Zeit stehen geblieben ist“, hatte man mir vorher gesagt, und „Hippiekultur“ las ich im Reiseführer. Für die Fahrt dorthin veranschlagte ich ungefähr eine Stunde. Die GM2 war immer noch gesperrt, und so nahm ich die GM1 über Agulo und Vallehermoso.

Vallehermoso
Vallehermoso

Die Anfahrtsbeschreibung zum Apartment in Casa de la Seda, die man mir vorher zugeschickt hatte, stimmte ganz genau: am Ende einer langen Geradeausstrecke ist auf der linken Seite ein grüner Zaun mit dem Schild eines rauchenden Fisches, da befindet sich der Eingang. Den Schlüssel musste ich einem Kästchen neben der Tür mit einer Zahlenkombination entnehmen, die ich vorher per Mail bekommen hatte.

Ich war noch keine fünf Minuten im Apartment, als jemand kräftig gegen mein Fenster trommelte. Ein ziemlich wild aussehender Mensch überreichte mir ein ganzes Bündel frisch abgeschnittener Bananen. Es handelte sich um Gregorio, meinen Vermieter. :-)

Das Apartment war ganz entzückend, liebevoll und ein bisschen exotisch eingerichtet, mit Küche, Bad, Schlafzimmer und einer großen Dachterrasse.

Apartment Casa de la Seda
Apartment Casa de la Seda

Ziemlich schnell offenbarten sich allerdings ein paar Haken des Quartiers: Obwohl ich mich vorher erkundigt und die Auskunft bekommen hatte, dass diese Gegend von den Bränden verschont geblieben sei, war das Gegenteil der Fall. Von der Dachterrasse aus sah ich auf ausgebrannte Häuser und verkohlte Palmen, und vor allem roch es entsprechend. Brandgeruch ist ekelhaft, vor allem, wenn man so geruchsempfindlich ist wie ich.

El Guro
El Guro

Außerdem herrschte ein Höllenlärm. Denn in einem Tal erzeugt jedes Geräusch ein Echo, und nachdem die Bewohner verständlicherweise dabei waren, ihre Behausungen mit Hilfe von Baumaschinen wieder herzurichten, gab es natürlich Krach ohne Ende. Außerdem lagen die Apartments direkt an der Durchgangsstraße. Nach der Ruhe in Hermigua war das alles zusammen schon eine gewaltige Umstellung.

Aber ich wollte mich nicht unterkriegen lassen und mir selber ein, zwei Tage Zeit geben, mich umzustellen. Am Nachmittag besuchte ich ein Stück talabwärts den Ort La Calera, bei dem es praktisch nur oben und unten gibt und bei dem die Straßen aus Treppen bestehen. Wunderschön hergerichtete Häuser, ein Labyrinth aus Treppen, Zugängen, Ausgängen, Dachterrassen, und ein Haus hübscher als das andere.

La Calera
La Calera

Anschließend bin ich dann zum Hafenort Vueltas gefahren, um mich nach Whalewatching-Touren zu erkundigen und mir den Sonnenuntergang anzusehen. Es stimmt, dass dort die Zeit beinahe stehengeblieben ist und vor allem, dass die Bevölkerung zu 35% aus Deutschen besteht. Fast alle Ladenschilder und Beschreibungen und auch die gesprochene Sprache auf der Straße ist ein Gemisch aus Deutsch und Spanisch. Und Hippies gab es auch zuhauf. Ich fragte mich in den meisten Fällen aber, ob das Gehabe und die Kleidung nicht mehr eine Attitüde ist als alles andere. Ich fand es einfach nur unecht und aufgesetzt. Auf der Hippie-Welle schwimmen dann auch abgewrackte Figuren mit, die man hierzulande einfach als Penner bezeichnen würde…

Der Sonnenuntergang und die Paella auf der Terrasse eines strandnahen Lokals versöhnten mich dann wieder ein bisschen mit der Welt.

Sonnenuntergang in Vueltas
Sonnenuntergang in Vueltas
Paella
Paella

Donnerstag, 13. September 2012

Ich hatte mir extra einen großen Zettel gemacht, was ich für die Whalewatching-Tour einpacken wollte, hatte auch von Sonnenmilch über Kameras bis hin zu Kaugummis gegen Seekrankheit alles dabei – und dann fand die Tour gar nicht statt! Ich war nämlich leider der einzige Interessent. Die anderen Touristen wollten alle nach Los Organos, einer Felsformation, die man nur vom Wasser aus sehen kann, aber das war nicht so meins. Delfine und Wale standen auf meiner Agenda, die wollte ich unbedingt sehen. Davon abgesehen, sind diese Touren nicht ganz billig – um die 40 Euro pro Fahrt, allerdings inklusive Badestopp und Essen.

Ich disponierte also um und machte stattdessen einen Wandertag. Ich hatte eine Route gefunden, die vom Valle Gran Rey aus gut anzusteuern war und wanderte von Las Hayas nach Los Creces, eine wunderschöne, ruhige Strecke ohne allzuviel Kletterei, mitten durch den Lorbeerwald. Endlich wieder in meinem geliebten Wald, ohne deutsche Touristen und ohne Brandgeruch!

Lorbeerwald bei Los Creces
Lorbeerwald bei Los Creces

Ich glaube, das gab letztendlich den Ausschlag. Wieder zurück im Valle Gran Rey beschloss ich, mir die verbrannte Gegend nicht länger anzutun als unbedingt notwendig und rief im „Jardin La Punta“ in Hermigua an, ob denn für die restlichen fünf Tage meines Urlaubs noch ein Apartment frei wäre. Und tatsächlich, es gab eines! Ich sagte sofort zu und legte meine Sachen zusammen. Bezeichnenderweise hatte ich meinen Koffer überhaupt noch nicht ausgepackt…

Man hatte mir den Tipp gegeben, den Wanderweg durch El Guro zum Wasserfall zu nehmen, der sei sehr hübsch. Ah, endlich ein Wasserfall, nachdem ich schon zu dumm war, den bei El Cedro zu finden. Ich folgte also dem Schild „Wasserfall“, das gleich unten an der Hauptstraße angebracht war und stieg durch El Guro hinauf.

El Guro
El Guro
El Guro
El Guro

Der Weg führte im unteren Teil mitten zwischen den ausgebrannten Häusern hindurch. Es war teilweise ein schauerlicher Anblick. Die Menschen, die hier lebten, haben buchstäblich alles verloren. Auf dem Wanderweg selbst war eine provisorische Wasserleitung verlegt, denn auch die hatte es bei den Bränden offenbar zerstört.

Später wurde aus dem Wanderweg eine richtige Klettertour. Ich musste die Hände zu Hilfe nehmen und stand schließlich mitten in meterhohem Schilf und kam nicht weiter. Die Schilfhalme hatten stellenweise einen Durchmesser von zehn, fünfzehn Zentimetern. Ich muss ganz in der Nähe des Wasserfalls gewesen sein, denn ich hörte etwas gluckern, aber konnte ihn in dem Dickicht nicht finden. Ich traute mich auch nicht weiter hinein, denn ich war – natürlich – wieder mal alleine unterwegs, und es würde bald dunkel werden, ich hatte keine Lust, mich hier zu verirren.

Freitag, 14. September 2012

Ich bin aus dem Valle Gran Rey mehr oder weniger geflüchtet. Ich fühlte mich einfach unwohl, und ich hatte keinen Bedarf, dieses Gefühl länger als unbedingt notwendig auszudehnen. Ich zahlte anstandshalber für drei statt zwei Nächte, wegen der vorzeitigen Abreise, packte meine Habseligkeiten ins Auto und fuhr nach Vueltas hinunter, um nun endlich an der Whalewatching-Tour teilzunehmen.

Wir waren etwa mit 20 Passagieren, und trotz des Geschaukels des doch recht kleinen Schiffes wurde ich dank meiner Kaugummis nicht seekrank und konnte die Fahrt genießen.

Womit niemand rechnen konnte: hier, auf dem Schiff, habe ich dann tatsächlich Ramón gefunden, und so sieht er aus:

Ramón
Ramón

Auf dem Meer gab es aber auch einiges zu sehen. Ramón saß während der Fahrt lange mit seinem Feldstecher auf Ausguck und hatte sie schließlich erspäht: Pilotwale und Delfine!

Whalewatching
Whalewatching

Es war einfach bezaubernd, diese Geschöpfe zu beobachten. Der Kapitän hatte den Motor abgestellt und wir dümpelten mitten in einer großen Gruppe Pilotwale. Die Delfine waren weiter weg, und dazwischen war sogar irgendwo ein Delfinbaby, aber ich habe es nicht fotografieren können, es war immer nur ganz kurz an der Oberfläche.

Wir ankerten in einer stillen Bucht, wo es Gelegenheit zum Schwimmen gab – und ein superleckeres Mittagessen: gebratene Thunfischfilets mit Koriandersauce, in der Schale gekochten Kartoffeln und Salat.

Ankerplatz
Ankerplatz
Mittagessen auf dem Schiff
Mittagessen auf dem Schiff

Am frühen Nachmittag fuhr ich dann gleich vom Hafen aus los, zurück nach Hermigua. Ich hatte diesmal ein anderes Apartment bekommen, aber auch mit Balkon und sogar noch besser ausgestattet als das erste. Ich war so glücklich! Endlich wieder das Meer sehen, endlich wieder frische Luft, ich habe fast geheult vor Freude, dass ich wieder da war.

Den Abend verbrachte ich auf dem Balkon, suchte mir für den nächsten Tag einen Wanderweg heraus, dachte über mein Buch nach und machte mir Notizen zu den letzten Kapiteln. Ich hatte bisher nicht so viel geschrieben, wie ich mir das eigentlich für den Urlaub vorgenommen hatte, aber im Hinterkopf sortierte sich, wie immer, vieles ganz von selbst.

Samstag, 15. September 2012

Erste Amtshandlung: den Sonnenaufgang über Teneriffa ansehen und fotografieren. Ich konnte mich daran einfach nicht satt sehen:

Sonnenaufgang
Sonnenaufgang

Mein Wanderweg sollte mich heute von Hermigua nach Agulo führen, das sind ungefähr vier oder fünf Kilometer, wenn man den Straßenschildern glauben kann. Der Weg geht allerdings nicht an der Straße entlang, sondern ein Stück an der Küste vorbei und durch ein winziges Dorf, bis man schließlich nach reichlich Gekraxel oberhalb von Agulo an der Landstraße auskommt und die ein Stück an der Steilwand entlang laufen muss. Bloß nicht hinaufschauen… 😉

Wanderweg von Hermigua nach Agulo
Wanderweg von Hermigua nach Agulo

Auf dem Weg durch Agulo entdeckte ich eine Schautafel, die den Ursprung des Wanderwegs erklärte, den ich durch den Ort und bis hinter dem Friedhof folgen wollte. Fast alle Caminos, so heißen die Wege hier, haben diesen historischen Ursprung, und dieser hier war sogar nicht nur ein einfacher Wanderpfad, sondern ein Prozessionsweg gewesen. Er führte mich bis zum Friedhof von Agulo, aber weiter wollte ich dann nicht, denn ab da ging es nur noch steil bergauf.

Friedhof Agulo
Friedhof Agulo

Es ist nicht etwa irgendein fehlgeleitetes morbides Interesse, dass ich möglichst versuche, in fremden Städten auch einen Friedhof zu besuchen, sondern es verrät mir meistens sehr viel über die Kultur des jeweiligen Landes. Wie so oft im Süden sind die Grabstätten hier mit Fotos und meist frischen Blumen geschmückt. Jeder Verstorbene ist ein einem „Fach“ bestattet, und ich bin nicht ganz dahintergekommen, ob dort vielleicht nur Urnen untergebracht werden.

Friedhof Agulo
Friedhof Agulo

Eine grobe Messung verriet mir, dass diese Bauten mit den Fächern im Außenmaß nur ca. 1,60 Meter tief sind. Wie soll da ein Sarg hineinpassen? Und dass man die Toten nicht in der Erde bestatten kann, ist auf La Gomera sowieso klar: auf einer Insel, die fast ausschließlich aus Bergen oder Schluchten besteht, braucht man jedes kleine Stück Land, um etwas anzupflanzen, und tut das in geschickter Art und Weise im Terrassenbau:

Terrassenbau bei Agulo
Terrassenbau bei Agulo

Sonntag, 16. September 2012

Für den Sonntagvormittag hatte ich mir einen Besuch in Hermiguas „Museo Etnologico“ vorgenommen, denn die Geschichte der Insel und der Bevölkerung interessierte mich nun doch sehr viel mehr, als ich zuerst gedacht hatte. Laut Reiseführer sollte das Museum um 10.00 Uhr öffnen, und als ich um kurz nach zehn dort war, war es tatsächlich offen! Einer dieser seltenen Fälle, wo mal etwas stimmte, das im Reiseführer angegeben war.

Ich war – natürlich – der einzige Besucher, und die Museumsangestellte schien sich richtig zu freuen, dass sie jemandem zum Plaudern hatte. Sie händigte mir einen Museumsführer auf Deutsch aus (zusammengeheftete Fotokopien) und bat mich, ihn ihr hinterher wiederzugeben. Das habe ich auch gemacht, hatte aber vorher die interessanten Seiten einfach fotografiert.

Museo Etnologico
Museo Etnologico

Eigentlich ist es gar nicht so verblüffend, wenn man erst einmal darüber nachdenkt, aber ich war im ersten Moment erstaunt, wieviel Ähnlichkeit Werkzeuge und Ausstattung mit Gegenständen haben, die ich aus Österreich kenne. Offenbar kommt man, unabhängig von Klima und Lage, unter ähnlichen geologischen Umständen zu vergleichbaren Ergebnissen, sich Hilfsmittel herzustellen. Kurz gesagt: auch auf La Gomera kennt man zum Beispiel „Fleckerlteppiche“, auch wenn sie dort nicht so heißen, und auch die Herstellung ist gleich:

Webstuhl
Webstuhl

Nach dem Museumsbesuch zog es mich aber wieder hinaus, und ich hatte mir einen kurzen, aber steilen Wanderweg ganz in der Nähe von Hermigua ausgesucht, der auf einen Pass, den sogenannten „Köhlerpass“ (Degollada de la Cambre) führen sollte. Auch dieser Wanderweg war wieder einer dieser alten „Caminos“ und ich war schon sehr gespannt, ob mir die Kraxelei auf den Pass gut gelingen würde. Immerhin war ich inzwischen gut im „Training“.

Der Weg ging steil bergauf, immer bergauf. Weiter oben durchkletterte ich wieder Lorbeerwald, dichtes Grün mit mannshohen Farnen und überall Moos an den Bäumen.

Lorbeerwald am Köhlerpass
Lorbeerwald am Köhlerpass

Ich wusste, dass auf La Gomera Nordwind vorherrscht, und dass die Wolken sich auf der Nordseite der Insel abregnen, während der Süden sonniger und trocken ist. Aber so krass wie hier, als ich die Passhöhe endlich erreicht hatte, hatte ich das zuvor noch nicht gesehen. Kaum war ich auf der Passhöhe und trat aus dem tiefgrünen Lorbeerwald heraus, sah ich zu meinen Füßen so etwas wie die Wüste Atacama, Geröll, Sand, Stein und Kakteen. Drei Schritte zurück – wieder Lorbeerwald. Das war absolut faszinierend. Auf diesem Foto kann man es gut sehen: rechts ist Norden (von rechts unten bin ich aus dem Wald gekommen), und links ist Süden.

Auf dem Köhlerpass, links Süden, rechts Norden
Auf dem Köhlerpass, links Süden, rechts Norden

Ich hatte mir angewöhnt, mich in „Jardin La Punta“ in den Swimmingpool zu werfen, wenn ich von einer Wanderung zurückkam. Ich hatte festgestellt, dass sich auf diese Weise meist Muskelkater vom Wandern verhindern ließ. Und so auch an diesem Sonntag. Den Rest des Abends verbrachte ich mit Lesen.

Monat, 17. September 2012

Ich bin noch einmal nach El Cedro gefahren, um dort zu wandern und endlich diesen Wasserfall zu finden, der angeblich ganzjährig Wasser führt und auf jeder Karte eingezeichnet ist. Ich bin stundenlang gewandert, habe viele neue Wege gefunden und ausprobiert, aber um den Wasserfall zu finden, bin ich offenbar zu blöd. Dabei muss ich wirklich in unmittelbarer Nähe gewesen sein, ich hätte ihn eigentlich gluckern oder rauschen hören müssen. Ich tröstete mich schließlich damit, dass er aufgrund der langen Trockenheit vielleicht doch nur ein Rinnsal ist. Hinweisschilder gab es jedenfalls auch keine.

Am Nachmittag war ich in der Apartmentanlage auf Fotosafari. Ich hatte nämlich inzwischen festgestellt, dass die vielen Eidechsen zwar immer flüchten, wenn man näherkommt, aber ziemlich schnell ganz neugierig wieder aus ihren Schlupfwinkeln kommen, wenn man sich nicht rührt.

Eidechse 1
Eidechse 1
Eidechse 2
Eidechse 2
Eidechse 3
Eidechse 3

Dienstag, 18. September 2012

Letzter Tag in Hermigua. Ich hatte keine Wanderpläne mehr gemacht, sondern vertrödelte den Tag im Ort, im Internetraum des Kulturzentrums, am Pool und mit Spaziergängen und einer letzten Fotosafari. Ich hatte nicht das Gefühl, am letzten Tag unbedingt noch das Eine oder Andere sehen zu müssen, denn ich hatte La Gomera für meine Begriffe gut kennengelernt, vieles gesehen und erlebt, ausreichend Ruhe gehabt und freute mich wieder auf zu Hause.

Bucht von Hermigua
Bucht von Hermigua
Angler
Angler
Blick über die Bucht auf die andere Seite des Tales
Blick über die Bucht auf die andere Seite des Tales

Mittwoch, 19. September 2012

Der Tag der Abreise. Ich hatte keine Ruhe und fuhr schon so gegen neun Uhr los, die Fähre nach Teneriffa/Los Christianos sollte um 11.30 Uhr ablegen. Zeit genug also, nach San Sebastian zu fahren, bei einer Fahrtzeit von einer halben Stunde, und noch in aller Ruhe nach Mitbringseln zu suchen. Auf der Calle Real fand ich endlich ein T-Shirt für den Sohn, und gleich am Hafen entdeckte ich ein wunderhübsches Geschäft und kaufte eine stattliche Anzahl handgenähter Geckos.

Ich stellte das Auto am Hafen ab, so wie man es mir gesagt hatte, mit unverschlossener Tür und dem Schlüssel unter der Fußmatte. Ich kann nur hoffen, dass das alles auch so richtig war. Ist ein seltsames Gefühl, ein Auto unverschlossen stehenzulassen.

Das Einchecken auf dem Schiff lief genauso vonstatten, wie ich es schon kannte. Ich gab meinen Koffer am „Gepäckwagen“ ab, hoffte im Stillen, ihn auch wirklich in Teneriffa wiederzusehen und enterte die Fähre, als der Zugang gegen 11 Uhr freigegeben wurde. Ich suchte mir einen Platz oben an Deck und als wir ablegten, wurde La Gomera ganz schnell kleiner…

Fähre von San Sebastian nach Los Christianos
Fähre von San Sebastian nach Los Christianos

Ich fuhr wieder mit dem Taxi zum Flughafen und hatte noch zwei Stunden Zeit bis zu meiner Verabredung. Ich hatte mich nämlich vor der Reise bereit erklärt, als Flugpate auf meinem Ticket zwei Hunde vom Tierschutz La Palma  nach Deutschland mitzunehmen. Ich war sehr gespannt, wie das ablaufen würde.

Um 15 Uhr kam Tierschützerin Marisa superpünktlich mit meinen Schützlingen an – es waren drei! In einer Box die Mischlings-Welpen Laila und Laika, und in der anderen ein wunderschöner Podenco namens Boby. Marisa übernahm alle Formalitäten und kümmerte sich wirklich um die Hunde bis zum Schluss, als ich zum Sicherheitscheck musste.

Laila und Laika
Laila und Laika
Boby
Boby

Aus rechtlichen Gründen waren die Pässe der Hunde auf meinen Namen ausgestellt und somit – vorübergehend – meine. :-)

Hundepass
Hundepass

Alles klappte völlig reibungslos. Meine einzige Aufgabe war dann nur noch, die Hunde am Düsseldorfer Flughafen am Sondergepäckschalter in Empfang zu nehmen und den neuen Besitzern auszuhändigen, die bereits ungeduldig warteten.

Und damit war meine zweiwöchige Reise beendet. Kaum zu glauben, wie schnell die zwei Wochen herum waren, und die Umstellung von hochsommerlichen 33 Grad auf gefühlte 10 Grad in Düsseldorf war gewaltig. Ich möchte keine Minute auf La Gomera missen, ich habe viel gesehen, viel erlebt, bin in eine völlig neue Welt eingetaucht und fühlte mich wohl, obwohl es beinahe eine Art Kulturschock für mich war.

Ich war auf den Wanderungen und auch sonst fast immer allein unterwegs. Ich habe das nicht als Nachteil empfunden, im Gegenteil. Alle Entscheidungen nur für sich selbst und in jeder Minute frei treffen zu können – wann hat man das schon? Wenn ich alleine im Wald unterwegs war, habe ich immer darauf geachtet, dass ich das Handy dabei hatte, genug zu trinken und zu essen, und möglichst eine auffällige T-Shirt-Farbe wie orange oder rot. Vorsichtsmaßnahmen, für den Fall, dass ich mir einen Haxen breche und irgendwo hilflos herumliege. Der Handyempfang ist auf dem größten Teil der Insel sehr gut. Ich habe immer achtgegeben, wo ich gehe, und war insgesamt sehr vorsichtig. Insofern fand ich dieses allein-irgendwo-in-der-Pampa-herumwandern nicht weiter riskant.

Vielleicht werde ich wieder hinreisen. Ich habe La Gomera ins Herz geschlossen, obwohl die Insel es mir nicht leicht gemacht hat. Es ist einfach, etwas zu lieben, dass sich freundlich und offen zeigt. La Gomera war verschlossen, die schroffen Felsen und die karge Landschaft beinahe abweisend. Ich musste mir die Insel Stück für Stück erobern, und ich möchte diese Erfahrungen um nichts in der Welt missen. Wenn ich die Augen schließe und zurückdenke, rieche ich wieder den typischen Duft aus Meeresluft und Kräutern, und fühle den Wolkennebel oben in den Bergen auf der Haut. Das gibt es – vielleicht – auch anderswo, aber selbst wenn mir diese Phänomene noch einmal irgendwo begegnen, werden sie mich immer an La Gomera erinnern.