Tee am Heiligabend

Foto: Ulrich Bäumer
Foto: Ulrich Bäumer
Es hatte sich nichts verändert. Das kleine Kaufhaus in der Bismarckstraße gab es immer noch, den Pavillon an der Promenade, und auch das Nordsee-Hotel, eines der wenigen noch erhaltenen alten Bäderhotels, deren klassizistische Fassaden ihn immer fasziniert hatten.
Franz fasste den Griff seines kleinen Koffers fester, ging langsam die Bubertstraße hinunter und bog nach links zum Neuen Leuchtturm ab. Die Häuser rund um den Platz duckten sich förmlich neben dem hoch aufragenden Bauwerk, die rötlichen Backsteine glänzten feucht im Licht der Straßenlaternen, und drüben sah er in der Strandstraße kleine, geschmückte Tannenbäumchen neben den Ladeneingängen. Genau wie früher, wenn er im Winter abends noch Besorgungen gemacht hatte und nach Hause gegangen war. Der Nieselregen hatte aufgehört, aber die Luft wurde mit jeder Minute kälter. Wenn erst Schneefall einsetzte, wäre es wieder wie früher, ganz genau wie früher.

Franz hatte noch ein wenig Zeit. Für sechs Uhr abends hatte er seine Ankunft in der kleinen, billigen Pension angekündigt, obwohl die Fähre schon viel früher angelegt hatte. Aber so konnte er noch ein wenig herumlaufen und sich umsehen. Später würde er wohl alleine in einem schmucklosen Zimmer sitzen und Fernsehen schauen und sich nicht mehr aufraffen, einen Fuß vor die Tür zu setzen.

Das Straßenpflaster war feucht, er ging vorsichtig, um nicht auszurutschen. Seine Schuhe waren für dieses Wetter nicht geeignet, aber er besaß keine anderen. Er wechselte den kleinen Koffer in die linke Hand und steckte die rechte tief in die Manteltasche, um sie aufzuwärmen.

Der Weg zu seinem Haus, oder besser, dem Haus, das vor vielen Jahren sein Zuhause gewesen war, kam ihm kürzer vor als vor Jahren, auch schien die Insel wie geschrumpft. Seltsam. Er hatte immer geglaubt, es ginge einem so, wenn man Orte seiner Kindheit wiedersieht. Weil man inzwischen gewachsen ist und einem alles viel kleiner erscheint, als es in der Erinnerung abgespeichert ist. Aber offenbar war der Zeitfaktor, nicht die Körpergröße das eigentlich Entscheidende. Die Häuser in den Straßen um den Bahnhof erschienen ihm jedenfalls klein und gemütlich, fast wie Puppenstuben.

Sein Haus lag in der Strandstraße, kurz bevor sie eine Biegung nach links zur Wilhelm-Bakker-Straße machte. Er verlangsamte die Schritte. Er konnte in Ruhe stehenbleiben und sich umsehen, hier in der Fußgängerzone fuhren keine Autos. Der Eingang der Polizeiwache auf der rechten Seite war schwach beleuchtet, sicher musste dort irgendjemand Dienst schieben – aber wer sollte hier, auf Borkum, am Heiligabend schon Unfug anstellen?

Es zog ihn magnetisch an, den Ort und sein früheres Wohnhaus wiederzusehen, und gleichzeitig fürchtete er sich beinahe davor, entdeckt zu werden, jemanden zu treffen, der ihn kannte. Jemanden, der ihn fragte, wie es ihm ergangen sei, und warum er jetzt, am Heiligen Abend, in Sommerschuhen und mit einem Koffer in der Hand auf den rutschigen Steinen spazieren ginge. Und Franz stellte sich vor, wie sich der Gesichtsausdruck des Gegenübers verändern würde, wenn er seine Geschichte erzählte. Wie die Augen einen misstrauischen Ausdruck annehmen, das freundliche Lächeln des Willkommens oder des Wiedererkennens vom Gesicht tropfen und die Lippen Worte der Entschuldigung murmelten, damit derjenige sich eilig verabschieden konnte. So, wie man sich immer eilig und bestenfalls mit einer höflich formulierten Ausrede verabschiedet, wenn man entdeckt, dass ein Mensch außerhalb der gesellschaftlich akzeptierten Regeln gelebt hatte und man nicht damit umgehen kann.

Franz war stehengeblieben. Dort drüben, der zweite Hauseingang auf der linken Seite, von der Straßenecke aus gezählt, das war seiner. Oder vielmehr, es war einmal seiner gewesen. Er sah sich um, außer ihm war niemand auf der Straße unterwegs, und so traute er sich näher. Er lehnte sich mit dem Rücken an die gegenüberliegende Hauswand und sah an der Fassade hoch. In einem der Fenster oben brannte ein kleines Licht. Dort, wo einmal das Zimmer seines Sohnes gewesen war. Ob dort jetzt wieder ein Kind wohnte und schon mit neuen Spielsachen spielte, die es zu Weihnachten bekommen hatte? Nichts bleibt deutlicher im Herzen als die Erinnerung an Weihnachtsabende mit der Familie. Diesen Zauber, diese Vorfreude, die Kerzen, den geschmückten Baum, das vergaß man nie mehr.

Sein Blick glitt nach unten. Auch im Erdgeschoss war Licht, aber nicht im vorderen Raum, es schien vielmehr aus einem der hinteren Zimmer bis nach vorne zu leuchten. Vielleicht brannte aber auch nur eine einzelne Kerze. Er ging vorsichtig auf das Haus zu, stellte seinen Koffer ab, reckte sich und versuchte hineinzuspähen. Es gab keine Vorhänge, die Bewohner schien es nicht zu stören, dass man hineinsehen konnte. Ja, das war die Küche, immer noch. Tatsächlich stand eine Kerze stand auf dem Tisch, der Rest des Raums war nur schemenhaft zu erkennen. Die Möbel schienen anders als früher. Aber natürlich, hier wohnten seit dreißig Jahren andere Menschen. Er zog den Kopf ein wenig zurück und sah nach rechts und links. Die hübschen alten Fensterläden waren auch noch da, aber sie sahen gepflegter aus, wie neu gestrichen. Plötzlich nahm Franz in der Küche eine Bewegung wahr und trat hastig einen Schritt zurück. Als er sich bückte und nach seinem Koffer griff, öffnete sich neben ihm die Haustür und eine Frau trat heraus. Sie schlang ihre Strickjacke fester um sich und musterte ihn böse von oben bis unten. „Was stehen Sie da herum?“, herrschte sie ihn an, „warum gaffen Sie in mein Fenster? Gibt‘s da irgendwas zu sehen?“

Franz zog erschrocken den Kopf ein. „Nein, nein. Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich war nur neugierig …“ Seine Stimme verlor sich in einem Windstoß, der um die Ecke fegte und Schnee mitbrachte. Kleine, zu Schnee gewordene Regentropfen. ‚Griselig‘ hatte seine Frau das früher genannt, nicht diese dicken, schweren Schneeflocken, die man so gut zu Schneebällen formen konnte, weil der Schnee nass war und zusammenpappte. Nein, es war dieser feine Schnee, ja, Pulverschnee nannte man ihn, jetzt fiel es ihm wieder ein. Er erinnerte sich noch gut an den Abend, als er und seine Ute hier auf die Insel gezogen waren, mitten im Winter. Alle Kartons waren endlich ausgepackt, und weit nach Mitternacht hatten sie noch einen Spaziergang gemacht. Genau an derselben Ecke wie er vorhin hatten sie gestanden, und Schneegrisel hatte eingesetzt, genau wie jetzt. Sie hatten Arm in Arm verwundert zum Leuchtturm empor geschaut, dessen Strahlen den Schiffen weit draußen Signal gaben und im regelmäßigen Drehen auch die Schneeflocken berührten und aufblitzen ließen. Der Schnee wirbelte, glänzte im Scheinwerferlicht wie goldene und silberne Fünkchen, die nach allen Seiten stoben und sich schließlich auf die raue Backsteinfassade der Christus-Kirchengemeinde und die Treppe vom Haus Rote Erde setzten, auf die Dächer, auf ihre Mützen, überall hin, und die Häuser der Insel in ein Märchendorf verwandelten.

Die Frau stand immer noch in der Haustüre. Sie war blond, ein rötliches Blond, ungefähr Ende zwanzig, und hatte die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie presste die vollen Lippen unwillig aufeinander, und die hellen Augen funkelten ihn an. „Neugierig sind Sie? Auf mein Fenster? Oder wie ich lebe? Das geht Sie gar nichts an. Machen Sie, dass Sie Land gewinnen!“
Franz nickte. „Es tut mir leid, wirklich. Ich wollte nur mal schauen. Ich habe hier einmal gewohnt, wissen Sie? Das ist lange her. Aber ich gehe natürlich. Entschuldigen Sie. Auf Wiedersehen.“

Er trat einen Schritt zurück, zog seine Mütze tiefer ins Gesicht, als ob sie ihn vor dem Schnee schützen könnte, bückte sich und griff nach seinem Koffer.
„Warten Sie mal“, sagte die Frau. Franz drehte den Kopf und sah, dass sie ihn neugierig musterte, beinahe ungläubig. „Wie heißen Sie?“, fragte sie.
„Franz“, stotterte er, „Franz Hoffmann. Ich habe bis vor dreißig Jahren in diesem Haus gewohnt, mit meiner …“ Er stockte, es fiel ihm schwer, aber er sah, dass die junge Frau auf das Ende des Satzes wartete, „… mit meiner Frau und meinem Sohn.“ Er konnte es aussprechen. Er konnte es dieser fremden Frau sagen, was er sonst niemandem sagen konnte. Dass er einmal eine Familie hatte, dass er einmal glücklich gewesen war und es in seinem Leben wunderbare Weihnachtsfeste gegeben hatte.

Die blonde Frau schwieg und musterte ihn immer noch von oben bis unten. „Sie sind Architekt, nicht wahr?“, fragte sie schließlich. Es klang eher wie eine Feststellung.
Franz sah sie verwundert an. „Woher wissen Sie das?“
Die Frau schien einen Moment zu überlegen, dann deutete sie mit dem Kopf auf die Haustüre, die hinter ihr immer noch halb offen stand. „Kommen Sie rein.“
Franz zwinkerte überrascht. „Herein? Ich meine, zu Ihnen herein? Aber …“
„Zu wem sonst?“, sagte die Frau und um ihre Mundwinkel zuckte es, als sei sie amüsiert, aber ihre Augen hatten nach wie vor einen strengen Ausdruck. Ihr Blick huschte über seine Gestalt. „Ihre Schuhe sind abgelaufen und nicht für Winterwetter geeignet, der Mantel ist zu dünn für diese Jahreszeit, und Sie sehen nicht so aus, als wären Sie heute Abend noch irgendwo eingeladen. In das Köfferchen passt bestenfalls etwas Wäsche zum Wechseln. Also erzählen Sie mir nicht, dass Sie schon etwas Besseres vorhaben. Kommen Sie rein und wärmen Sie sich auf.“ Franz nickte verwundert, und als die Frau sich umdrehte und zur Haustür hineinging, folgte er ihr.

Das Erste, was er im Inneren sah, war der Boden in dem langen Flur. Er war immer noch mit diesen schwarz-weißen kleinen Fliesen ausgelegt, die er so liebte. Viele alte Häuser hatten solche Fliesen besessen, und oft hatte er mit Bauherren gestritten, die ihre Häuser zu Ferienunterkünften umbauten, und die den ‚alten Kram‘ aus dem Haus haben und von Grund auf modernisieren wollten. Viel zu viele von diesen schönen alten Bodenfliesen waren achtlos auf den Müll geworfen worden. Aber hier gab es sie noch. Und auch die alte Holztreppe war noch da. Sie stammte aus der Zeit des Kapitäns, der dieses Haus vor über hundert Jahren gebaut hatte. Die mit einem neu aussehenden roten Teppich ausgelegten Stufen und das Geländer mit den Jugendstil-Schnitzereien waren sorgfältig restauriert.

Die Frau nahm ihm seinen Mantel ab und hängte ihn an der Garderobe auf einen Bügel. Vom Flur führte links die Tür in die Küche, ja, er erinnerte sich gut. Die Möbel waren aus hellem Holz, zeitlos, schlicht, fast skandinavisch, alles aufeinander abgestimmt, die Küchenzeile, der Esstisch, Wandregale, nicht so zusammengestoppelt, wie er und Ute sie damals hatten, weil sie sich keine neue Küche leisten konnten. Franz wäre furchtbar gerne im ganzen Haus herumgelaufen und hätte sich umgesehen, aber die Frau deutete auf einen Stuhl und er setzte sich folgsam.

„Ich habe eben eine Kanne Tee zubereitet, aber Sie können auch ein Glas Wein haben.“ Franz nickte verwirrt. Die Frau schmunzelte. „Was denn nun?“
„Eine Tasse Tee wäre schön“, sagte Franz zaghaft, „zum Aufwärmen.“
Sie nickte und stellte ein Stövchen auf den Tisch, nahm eine Schachtel Streichhölzer und zündete das Teelicht an. Franz sah, dass ihre Hand ein wenig zitterte. Fürchtete sie sich vor ihm? Aber warum hatte sie ihn dann hereingebeten? Sie stellte eine Teekanne auf das Stövchen, und aus der Tülle stieg feiner Dampf auf. Sie schob zwei große, bauchige Tassen auf den Tisch und eine Zuckerdose, in der Kandiszuckerstückchen waren. „Haben Sie Hunger?“

Franz wusste nicht mehr, was er denken sollte. Erst hatte sie ihn verscheuchen wollen, das war ihr gutes Recht, und jetzt saß er plötzlich in ihrer Küche und sie bewirtete ihn. Es war angenehm warm im Raum, Tannenzweige in einer Vase verbreiteten würzigen Duft, und das Teelicht roch nach Zimt. Franz schüttelte den Kopf. Er hatte Hunger, er hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, nur hätte er sich eher auf die Zunge gebissen, als es zuzugeben. Sein Magenknurren verriet ihn, und die Frau nickte nur. Sie ging wieder an die Küchenzeile, griff hierhin und dorthin, nahm ein Holzbrett, Messer, öffnete den Kühlschrank, nahm Sachen heraus, räumte sie wieder hinein, werkelte ein paar Minuten schweigend und ehe Franz sich versah, hatte er eine Platte mit Butterbroten vor sich stehen, mit Wurst und Käse dick belegt, auch eine Papierserviette legte sie dazu. „Greifen Sie zu“, forderte sie ihn auf, „bei mir muss niemand hungrig bleiben.“ Sie setzte sich ebenfalls an den Tisch, goss Tee in beide Tassen und nickte ihm aufmunternd zu. Franz zögerte, aber der Hunger siegte und so aß er schnell ein Brot, ein zweites, und schließlich war die ganze Platte leer. Die Frau sagte während der ganzen Zeit nichts, trank ab und zu einen Schluck Tee und beobachtete ihn. Aber es war kein unbehagliches Schweigen zwischen ihnen beiden, auch sah sie nicht misstrauisch aus, wie auf dem Sprung, oder ungeduldig, dass er endlich wieder gehen möge, es war ein Betrachten, wie um ihn kennenzulernen. Sie sah ihm beim Essen zu, eher beiläufig, wie man jemandem zusieht, den man schon lange kennt, so, als sei dies ein ganz normales Abendessen.

Franz tupfte sich den Mund ab, legte die Serviette auf die Platte und schob sie auf die Seite. „Vielen Dank“, sagte er, „das war sehr gut.“
„Möchten Sie noch was?“, fragte die Frau.
Franz schüttelte den Kopf. Er war satt, er war sogar sehr satt. Er hätte kein einziges Brot mehr verdrücken können. Solche Mengen Essen war er nicht mehr gewohnt. „Danke“, sagte er, „das ist sehr nett von Ihnen, aber es war mehr als genug.“
Die Frau trank weiterhin ihren Tee, sagte aber nichts, so als ob sie darauf wartete, dass er Fragen stellte oder das Gespräch begann.

„Wohnen Sie schon lange hier?“, fragte Franz. Sie kam ihm bekannt vor, aber sie war zu jung, um sie noch von früher zu kennen. Vielleicht aber kannte sie noch Nachbarn von früher, konnte ihm sagen, was aus dem einen oder anderen geworden war, ob es die kleinen Geschäfte in der Nachbarschaft noch gab, ob der Bäcker an der nächsten Ecke immer noch diese köstlichen Törtchen verkaufte, und ob die Kirche immer noch am Sonntagmorgen um sieben Uhr alle Glocken läutete. Als er und Ute anfangs in dieser Wohnung lebten, waren sie vor Schreck beinahe aus dem Bett gefallen, später hatten sie sich daran gewöhnt und wachten nicht einmal mehr davon auf.

„Ich wohne hier schon mein ganzes Leben“, sagte die Frau und beobachtete ihn wieder.
„Hier?“, fragte Franz ungläubig, „dann müsste ich Sie doch … Moment …“ Er rechnete nach. Vermutlich war sie kurz nach seinem Auszug hierhin gekommen, als kleines Kind, ja, das könnte stimmen. Vielleicht war damals eine neue Familie hier eingezogen, als er und Ute und Michael, ihr kleiner Sohn, ausgezogen waren.

„Nein, Sie kennen mich nicht“, sagte die Frau. Sie sah ihn lange an. „Erzählen Sie mir von der Zeit, als Sie hier gewohnt haben. Und was danach aus Ihnen geworden ist.“ Franz wandte den Blick ab. Sie beobachtete ihn immer noch, forschend, aber nicht unfreundlich. Sie schien ehrlich interessiert zu sein, seine Geschichte zu hören. Und so erzählte er, wie er und Ute und dann das Kind hier gelebt hatten.

Er war ein junger Architekt gewesen, der sich, nach einigen Jahren in verschiedenen Architekturbüros, selbständig gemacht hatte. Seine Frau liebte die Nordsee und hatte die Insel schon vorher gekannt. Franz hatte sich auf eine Stellenanzeige beworben und das Büro von einem älteren Kollegen übernommen, der sich zur Ruhe gesetzt hatte. Es hatte damals viel zu tun gegeben auf der Insel, weil viele Hausbesitzer anbauen, umbauen, Ferienwohnungen errichten wollten, und Franz war vollauf beschäftigt, und er war gut in seinem Beruf, manchmal waren sogar Aufträge vom Festland, aus Emden oder Leer, gekommen. Ute hatte nebenbei, als zweites Standbein, eine kleine Zimmervermittlung betrieben.

Die Frau nickte ab und zu, während er erzählte. Hier im Erdgeschoss, im hinteren Teil des Hauses, war sein Büro gewesen. Bestimmt würde sie ihm die Räume zeigen, wenn er danach fragte, aber sie machte keine Anstalten, aufzustehen. Und Franz redete weiter, es sprudelte alles aus ihm heraus. Eine tolle Nachbarschaft hatten sie gehabt, eine Stammkneipe gleich an der nächsten Ecke, wo sich abends oft alle trafen, zwischen achtzehn und achtzig waren sie gewesen, eine große Gruppe, die auch gemeinsam Ausflüge ins Ostland und Strandfeste plante, meist im Herbst, wenn weniger Touristen auf der Insel waren und alle mehr Zeit hatten. Ute und er hatten sich so unglaublich wohl gefühlt, obwohl sie beide nicht von Borkum stammten. Ihre Vermieterin war Mittelpunkt dieser Aktivitäten gewesen, ein Organisationstalent, großzügig, handfest und fürsorglich, ihr hatte außer den zwei benachbarten Häusern ein kleines Café an der Ecke gehört, aber sie hatte vor allem von den Mieteinnahmen gelebt und war eine amüsante, lebenslustige Frau gewesen.

Dann waren Franz und Ute in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Gleich zwei Kunden hatten die Honorare nicht gezahlt, ein dritter mit großer Verspätung, es gab gerichtliche Auseinandersetzungen, und obwohl Ute sparsam gewirtschaftet hatte, blieb kaum genug Geld zum Leben. Es hatte sich herumgesprochen, dass er prozessierte, das Warum hatte niemanden interessiert, aber es waren kaum noch neue Aufträge hereingekommen. Zu groß war das Misstrauen möglicher Kunden gewesen, ebenfalls in einen Rechtsstreit verwickelt zu werden.

Und er hatte eine große Dummheit begangen. Der kleine Michael war gerade ein Jahr alt gewesen, zu der Zeit immer kränklich, und die Sorgen und das quengelnde Kleinkind hatten an seinen Nerven gezerrt. Oft war Franz allein in die Kneipe gegangen, während Ute zu Hause auf den Jungen aufpasste. Eines Abends war es dann passiert – er hatte eine Nachbarin nach Hause gebracht, nämlich besagte Vermieterin, aber anstatt sich an der Haustür zu verabschieden, hatte er sich von ihr noch zu einem Kaffee überreden lassen und schließlich waren sie in ihrem Bett gelandet. Erst im Morgengrauen war er nach Hause geschlichen.

„Es war ein Ausrutscher“, sagte Franz und hielt den Kopf gesenkt, „ich mochte sie gern, aber mehr war da nicht. Ich hatte getrunken und sie auch. Ich hatte nicht vor, mit ihr etwas anzufangen oder Ute zu betrügen, es war mir einfach alles über den Kopf gewachsen.“

Ute war dahintergekommen, irgendwie, Franz hatte nie erfahren, woher sie von der Nacht wusste, aber sie hatte darauf bestanden, wegzuziehen, und Franz hatte es verstehen können. So waren sie umgezogen, aufs Festland, Franz hatte Arbeit gesucht, einen Job in einem Architekturbüro in Hannover gefunden, aber es hatte ihm keinen Spaß gemacht. Statt Eigenheimen hatte er nun Büros planen müssen, eintönige Aufgaben, und schlechter bezahlt. Der Schuldenberg wurde größer, weil Franz einen Prozess verloren hatte, der Junge war in den Kindergarten gekommen, dann in die Schule, es musste Kleidung angeschafft werden, Schulsachen, Ute hatte immer nur das Beste für ihn gewollt, die Miete stieg, und Franz hatte kaum gewusst, wie er alles bezahlen sollte.

Franz redete und redete, und die Frau hörte einfach nur zu. Franz wunderte sich, warum er von diesen Dingen sprach, es war doch so lange her, und es konnte sie doch kaum interessieren, aber sie unterbrach ihn kein einziges Mal. „Schließlich wuchsen uns die Schulden über den Kopf“, sagte Franz, „und dann machte ich den nächsten großen Fehler, den größten überhaupt – ich blieb eines Abends länger im Büro und gab vor, noch zu arbeiten. Ich wartete, bis alle weg waren, und ging dann im Büro des Chefs an den Tresor. Ich wusste, dass immer Geld darin lag. Ich habe nicht darüber nachgedacht, dass man mir ziemlich schnell auf die Schliche kommen würde. Ich wollte mich nur von diesen drückenden Schulden befreien, ein für allemal. Als ich das Geld gerade herausgenommen hatte und in eine Tasche packen wollte, kam der Chef zurück. Er hatte wohl etwas vergessen. Er war ein ziemlich jähzorniger Mann und bärenstark dazu. Er ging gleich auf mich los, wir prügelten uns, und irgendwie gelang es mir, ihn von mir wegzuschubsen, er rutschte auf dem Teppich aus, schlug mit dem Kopf hart gegen die Schreibtischkante und blieb bewusstlos liegen. Ich wollte zuerst abhauen, jeder hätte einen Raubüberfall vermutet, aber als er sich nicht mehr rührte, habe ich es mit der Angst zu tun bekommen und einen Krankenwagen gerufen. Er hatte einen Schädelbasisbruch und Hirnblutungen, lag noch etwa zehn Tage im Koma und ist dann gestorben. Ich bin zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden, die ich voll abgesessen habe. Vor ein paar Tagen hat man mich entlassen. In meinem Koffer ist alles, was ich noch besitze.“

Die Frau sagte nichts, sondern starrte nur nachdenklich in die Flammen der Kerze des Stövchens. „Und warum sind Sie jetzt hierhin gekommen?“
Franz dachte einen Augenblick nach, er war selber nicht ganz sicher. Dann nickte er. „Ich wollte Borkum wiedersehen. Ich wollte nie hier weg, hier war ich glücklich. Die einzige Zeit in meinem Leben, in der ich wirklich glücklich war.“

Es war still in der Küche, nur das Flämmchen unter der Teekanne britzelte ganz leise, und an den Fensterscheiben rieselten kleine Eiskristalle entlang. Das Schneegestöber draußen war dichter geworden, der Wind hatte zugenommen, und die Flocken wurden allmählich dicker und trieben fast waagerecht am Fenster vorbei. Franz musste weiter, zu seiner Pension, er hatte sich hinreißen lassen, hatte geredet und geredet. Er verstand nicht, warum er dieser fremden Frau das alles erzählt hatte. Wahrscheinlich, weil er überhaupt noch nie jemandem seine Geschichte erzählt hatte. Weil keiner sie hatte hören wollen. Er hatte im Gefängnis gesessen, er war ein Verbrecher, er hatte einen Menschen getötet. Nicht mit Absicht, es war ein Unfall gewesen, aber er war schuld, er hätte diesen Diebstahl gar nicht erst begehen dürfen. Ja, er hatte seine Strafe verdient, er war dumm gewesen, sehr dumm, und er hatte dafür bezahlt. Ute hatte sich von ihm scheiden lassen, als er ins Gefängnis musste, war irgendwo nach Süddeutschland gezogen und hatte den Jungen natürlich mitgenommen. Der kleine Michael hatte ihm noch einige Briefe geschrieben, in krakeliger Kinderschrift, aber eines Tages hörte auch das auf. Er wusste weder, wo sie jetzt lebten, noch, wie es Ute und seinem Sohn seitdem ergangen war.

Franz starrte auf seine Teetasse, die er in beiden Händen hielt. Sie war fast ausgetrunken, und seine Finger waren wieder warm. Es wäre besser, er ginge möglichst schnell. Wie kam er überhaupt dazu, dieser Frau sein ganzes Leben zu erzählen? Franz lugte vorsichtig zu ihr hinüber. Sie starrte auf den Tisch und rührte sich nicht. „Jetzt kennen Sie meine Geschichte. Sie fing in diesem Haus an, tja, und irgendwie endet sie auch hier.“

Die Frau hob den Kopf und sah ihn lange an. „Was haben Sie jetzt vor?“, fragte sie. Franz zuckte mit den Achseln. Darüber hatte er sich keine Gedanken gemacht. Er würde sich einige Tage auf der Insel aufhalten, sich umsehen, Erinnerungen auffrischen und dann wieder aufs Festland zurückfahren, irgendwohin, und dann seine Rente beantragen. Viel würde er ohnehin nicht bekommen. Am liebsten wollte er wieder arbeiten, als Architekt, seine Augen waren noch gut genug, um am Zeichentisch zu sitzen, aber wer würde ihm schon Arbeit geben, in seinem Alter und mit seinem Lebenslauf. Niemand. Franz wollte und konnte nicht weiter denken als bis zum nächsten Morgen, bis zum Ende der Woche vielleicht, eins musste zum anderen kommen, es würde sich schon irgendetwas ergeben, aber der Gedanke, dass sich wahrscheinlich nichts ergeben würde, dass er irgendwo in einem billigen Zimmer die restlichen Jahre seines Lebens verbringen würde, diesen Gedanken ließ er möglichst nicht an sich heran.

Das Schneegestöber draußen wurde immer dichter, und Franz schauderte innerlich bei dem Gedanken, in seinen dünnen Sachen wieder hinaus zu müssen.
„Wie wäre es, wenn Ihre Geschichte nicht in diesem Haus endet, sondern weitergeht?“, fragte jetzt die Frau.
„Wie meinen Sie das?“, fragte Franz verblüfft.
„Sie haben die ganze Zeit geredet, und es war berührend, was Sie über Ihr Leben berichtet hast. Sie brauchen Arbeit und eine Wohnung, das stimmt doch, oder? Platz ist hier genug, die obere Etage nutze ich praktisch nicht. Ich bin ebenfalls Architektin, wir könnten zusammenarbeiten.“
„Aber …“
„Ich verstehe, dass das jetzt ein bisschen plötzlich kommt. Aber Sie sind mir sympathisch, sehr sogar. Arbeit gibt es mehr als genug, an der Reede wird in den nächsten Jahren ein ganz neues Stadtviertel entstehen, ich werde eine Menge Aufträge bekommen. Und ich habe gute Gründe, warum ich Ihnen das anbiete. Haben Sie sich nicht gefragt, wie ich heiße, oder wer ich bin?“

Franz hatte nicht auf das Klingelschild gesehen, als er am Haus angekommen war, und sich nicht nach ihrem Namen erkundigt. „Oh“, sagte er, „es tut mir leid. Wissen Sie, ich hatte lange niemanden zum Reden, und Sie haben die ganze Zeit so aufmerksam zugehört, dass ich dachte … es interessiert Sie … Entschuldigen Sie.“ Er stand auf. „Ich gehe besser, Frau … wie heißen Sie denn?“
„Wynands“, sagte die Frau, „Katrin Wynands.“ Sie sah ihn abwartend an.
Franz dachte nach. „Anita Wynands hieß damals unsere Vermieterin. Ihr gehörte dieses Haus und das Haus nebenan. Und das Café an der Ecke. Sie ist … Moment …“ Franz setzte sich wieder und schloss die Augen. In seinem Kopf rasten die Gedanken.
Katrin nickte. „Sie war meine Mutter. Ich bin im Haus nebenan geboren und aufgewachsen und hier eingezogen, als sie vor ein paar Jahren gestorben ist. Ich wollte nicht drüben in der kleinen Wohnung bleiben, und hier ist auch mehr Platz für ein Büro.“ Katrin hatte schon immer hier gelebt, hatte sie gesagt. In dieser Straße, im Haus nebenan und jetzt hier, in seiner ehemaligen Wohnung. Ihre Mutter war die Nachbarin, mit der Franz sich auf die einmalige Liaison eingelassen hatte. Katrin war ungefähr dreißig Jahre alt. Das rötlichblonde Haar hatte sie von ihrer Mutter geerbt, aber den schlanken Körperbau und die klaren, offenen Gesichtszüge vom Vater. Von ihm.

Es war ganz still in der Küche, bis auf ein leises Knistern der Kerzenflamme. Franz‘ Herz schlug so fest, dass er glaubte, Katrin müsste es hören können.
„Nein“, sagte Franz und schüttelte den Kopf, „nein, nein, nein, das ist nicht wahr. Das kann nicht wahr sein.“ Katrin lächelte. Ein warmherziges, freundliches, verzeihendes Lächeln, gemischt mit Vorsicht und ein wenig Belustigung. „Meine Mutter hat mir gesagt, wer mein Vater ist, sobald ich alt genug war, es zu verstehen. Ich habe nachgeforscht, aber dich nicht finden können. Du warst wie vom Erdboden verschluckt. Jetzt weiß ich auch, warum. Dass du allerdings eines Tages hier wieder auftauchen würdest, und ausgerechnet am Heiligabend, damit habe ich nicht gerechnet.“ Sie stand langsam auf, so, als ob sie Angst hätte, ihn zu verscheuchen, und streckte ihm eine Hand entgegen. „Ich habe mir so gewünscht, dass wir uns eines Tages kennenlernen, Vater. Frohe Weihnachten.“

HURDAL, oder: Warum ich Schleifpapier auf den Einkaufszettel schrieb

Es begab sich an einem Tag Anfang Oktober, dass ich morgens schlaftrunken in meinen Wäscheschrank langte – und in diesem Moment dort drin ein Brett abbrach. Genauer gesagt, nicht das Brett, dem es nach wie vor gut geht, sondern diese kleinen Halterungen, die man rechts und links, vorne und hinten von innen in die Schrankwände steckt, damit das Brett aufliegt. Die waren abgebrochen, und zwar alle vier.

Ich fühlte mich (bitte, morgens um sieben!) weder in der Lage, den Schaden genauer zu begutachten, noch, eine Entscheidung zu treffen, wie es mit besagtem Brett bzw. den kleinen Halterungen weitergehen sollte. Ich zog also unter dem zusammengebrochenen Brett irgendein T-Shirt heraus, schloss die Türe und fuhr zur Arbeit.

Erste Inaugenscheinnahme des Schadens am Abend verriet mir: Materialermüdung. Die Halterungen waren glatt abgebrochen, der Pin steckte jeweils noch drin in der Schrankwand, und nur einen gelang es mir, herauszufummeln. Ersatzpins, die von anderen Schränken hier noch herumfliegen, passten allesamt nicht.

Nun ist dieser Wäscheschrank alt. Sehr alt. Mein Mann bekam ihn als junger Schauspieler im Jahre 1969 (aus Mitleid vermutlich) von einem Nachbarn geschenkt. Damals kam mein Mann mit buchstäblich nichts – außer einem großen Korbkoffer – aus Salzburg, um in Kleve ein Engagement anzutreten. Damals schon war der Schrank also nicht neu.

Inzwischen hat er (der Schrank) (der Mann glaub ich auch) sechs oder sieben Umzüge hinter sich, beherbergte nach der Wäsche auch mal Akten, Zeitschriften, Foto- und Heimtierzubehör, Kinderspielzeug, und dann wieder Wäsche, weil er nach dem Umzug in die jetzige Wohnung haargenau in mein Zimmer passte.

Aber alles hat mal ein Ende, so dachte ich. Normalerweise benutze ich Kleidungsstücke und vor allem Möbel, die ich mag, und die mir nützen, wirklich, bis sie auseinanderfallen. Auch Dinge haben eine Geschichte, die man respektieren soll. Und dieser Wäscheschrank besonders (siehe oben). Aber genug ist genug. Den Gedanken, dem Schätzchen mit Leim, Schrauben und evtl. sogar mit Schleifpapier und frischer Farbe zuleibe zu rücken, verwarf ich wieder: haben wir doch ein Ikea in der Nähe. Ikea Kaarst, sogar mit eigener S-Bahn-Haltestelle.

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Und siehe da: online fand ich HURDAL. In den Abmessungen fast identisch mit dem anderen, ein schwedischer Traum in sattgrün. Selbstverständlich zum Selberzusammenbau. Die Pakete von Größe und Gewicht her sowohl für mich händelbar als auch in meinen Opel Corsi passend (bei umgeklappter Rückbank). Ich studierte die Bauanleitung im Internet: ja, schon eine Herausforderung, aber machbar. Ist ja nicht der erste Schrank, den ich zusammenbaue, manche davon sogar ohne Anleitung.

Problem: Ikea hatte gerade in Kaarst neu gebaut, der Umzug von der alten in die neue Filiale stand bevor, das alte Möbelhaus kurz vor der Schließung schon fast leergeräumt, die neue noch nicht eröffnet, und das großartige Möbelstück war vorübergehend nicht erhältlich.

Ich fixierte also das abgebrochene Brett mit ein paar Schrauben (jawohl, Frau hat sowohl Spax-Schrauben als auch Akkuschrauber im Haus!) und übte mich in Geduld. Nach der Eröffnung der neuen Filiale, die wenige Tage später bevorstand,  würde der neue Schrank ja wohl wieder zu kriegen sein und der alte könnte endlich auf den wohlverdienten Sperrmüll wandern.

Das war vor vier Wochen.

Die Schrauben unterm Brett halten immer noch, allein… der neue Schrank war auch weiterhin nicht erhältlich, weder bei Eröffnung der neuen Filiale, noch danach. Schließlich fasste ich mir ein Herz und stellte online unter dem HURDAL (hach, dieses Grün!!) die Mailbenachrichtigung ein. Und zum voraussichtlich angegebenen Zeitpunkt (gestern, ein Mittwoch) kam dann auch tatsächlich eine Mail: der Schrank ist wieder in Kaarst verfügbar. Zwar nur wenige Exemplare, aber immerhin.

Sehr gut. Ich plante also umgehend das Wochenende: am Freitagabend den Schrank holen (kauft ja nicht jeder genau diesen Schrank, bis dahin sind sicher noch welche da), am Samstag zusammenbauen, vielleicht den Sonntag noch. Hach, herrlich! Lego für Erwachsene! Ich liebe es!

Das war, wie gesagt, gestern. Mittwoch. Heute Nachmittag (Donnerstag) warf ich noch einen Blick in die Webseite: nur noch ein Schrank da in Kaarst. Huch. Also flink den Feierabend umgeplant. Dann muss ich heute noch hinfahren. Dieser letzte Schrank ist meiner!

Nun stand diesem Vorhaben lediglich die Bahnfahrt von Köln nach Hause im Weg. Und es kam, wie es kommen musste: übers Handy von unterwegs wiederum den Bestand abgefragt:

„Dieser Artikel ist in deinem Einrichtungshaus zurzeit nicht erhältlich. Vorausichtliches Lieferdatum: Fr 24 Nov – Fr 1 Dez. Bitte schau während dieser Zeit noch einmal vorbei.“

Der letzte Schrank war also inzwischen auch weg. Ich mich also schweren Herzens wieder für den Mailalarm angemeldet. Beziehungsweise, ich wollte es, denn es passierte das hier:

Ups. Da ist etwas schiefgelaufen! Du hast schon eine Benachrichtigung für dieses Produkt angefordert.

Ab da sprach ich in rot.

Ja, hab ich, verdammt! Nur habt Ihr diesen blöden Schrank schon wieder nicht da!! Und nein, ich will nicht nach Düsseldorf zum Ikea fahren, ich hasse Düsseldorf! Außerdem kaufe ich aus Prinzip nur vor Ort und regional!

Nun bin ich ein Mensch, der durchaus Geduld hat, und auf ein vorübergehend nicht erhältliches Teil auch mal warten kann. So habe ich es noch gelernt im Zeitalter der drei Fernsehprogramme – Geduld haben. Aber außerdem glaube ich an so etwas wie Zeichen. Wenn es wieder und wieder und wieder nicht klappt mit einem Vorhaben, dann soll es vielleicht einfach nicht sein. Meistens stellt sich hinterher heraus, wofür es gut war, wenn etwas nicht so läuft wie gedacht. Vielleicht würde mir genau in dem Moment, wo ich den neuen Schrank im Ikea-Lager abholen will, die Decke auf den Kopf fallen. Oder sich ein Erdloch auftun. Oder Hobbits meinen Corsi entführen, weil sie auch so einen tollen Schrank haben wollen. Man weiß ja nicht.

Morgen kaufe ich Schleifpapier und sattgrüne Farbe.

 

Zeitungsbericht über „Spätsommer auf Borkum“

Was liegt näher, als der Zeitung im Ort (bzw. auf der Insel), wo der Roman spielt, ein Interview zu geben? Ich habe mich über diese Gelegenheit sehr gefreut und bedanke mich herzlich bei Martina Scheperjans von der Borkumer Zeitung für das nette Gespräch und den überaus freundlichen Artikel!

Borkum_2017_09-1a

Borkum_2017_09-2

#autorenwahnsinn, Tag 10 – #tbt August 2016

cropped-cropped-cropped-cropped-cropped-Borkum_Webseite371111.jpgZeit für Throwback Thursday #tbt: Woran hast du August 2016 geschrieben?

Tatsächlich habe ich schon mit der Geschichte angefangen, die in diesem Jahr Ende Juli erschienen ist: „Spätsommer auf Borkum“. Im August 2016 war ich auf der Nordseeinsel Borkum in Urlaub, habe viel gesehen, viel erlebt, und noch mehr beobachtet, und in meinem Kopf formte sich langsam aber sicher die Geschichte; erste Notizen und Szenen sind damals entstanden.

Behind the scenes –
Borkum, Örtlichkeiten

IMG_6324Spätsommer auf Borkum – so ist es wirklich

Natürlich gibt es die Schauplätze im Roman. Es gibt die Westerstraße, das Schmuckgeschäft mit den Ringen und Kettenanhängern, es gibt die Fußgängerzone mit den vielen Restaurants und Kneipen, sogar das „Lord Nelson“ und die Pizzeria. Das Lebensmittelgeschäft am oberen Ende der Fußgängerzone heißt tatsächlich „Inselwolf“, die Milchbuden gibt es, die kleinen Holzhäuschen der Strandzeltvermieter, das Atelier der Inselmalerin – all das wird der Borkum-Urlauber, der mein Buch gelesen hat, wiedererkennen.

Es gibt auch das Wattwanderbüro mit den Gummistiefeln davor am Busbahnhof, genau wie beschrieben. Drinnen steht sogar eine ausgestopfte Möwe auf dem Tresen – zumindest stand sie dort, als ich das letzte Mal drin war.

Was es nicht gibt, ist das Haus der Bakker-Brüder in der Westerstraße. Es gibt Häuser, die ganz ähnlich aussehen, aber nicht dort, und so, wie es beschrieben wird, ist es komplett meiner Phantasie entsprungen. Also bitte nicht danach suchen oder irgendwo klingeln…

Annes Ferienwohnung gibt es auch – allerdings nicht auf Borkum. Beschrieben habe ich eine Wohnung, die ich vor einigen Jahren in Greetsiel bewohnt habe.

Die Charaktere sind erfunden. Alle bis auf, ich sag mal, ein bis zwei. Susanne gibt es tatsächlich, sie hält Schafe, strickt und schreibt Krimis, und Vorbilder für Marten waren ein bis zwei Wattführer auf Borkum, mein Tankwart und ein Kollege.

Alles, was sonst realistisch ist oder erscheint, wurde gründlich recherchiert. Den Offshore-Windpark Tahkoluoto in Finnland, dessen Schreibweise ich immer wieder nachsehen muss, den gibt es auch, wenn ich auch stark bezweifle, dass jemand namens Tammo Bakker bei den Vorbereitungen mitgemischt hat. :-)

Spätfolgen

Es ist nicht nur eine Tradition und guter Brauch in vielen Familien, sondern wissenschaftlich erwiesen: abendliches Vorlesen ist gut für die Kinder. Es fördert das Sprachverständnis, die Bindung an die Bezugsperson, die Phantasie – kurz, es ist durch nichts zu ersetzen. Und wer jemals gesehen hat, wie sich der leseunkundige Nachwuchs abends in seinem Bettchen in die Kissen kuschelt, während man mit leiser Stimme zum gefühlt vierundachtzigsten Mal die Geschichte von der Henne und dem Brot („… und ich erst recht nicht!“, mit Betonung auf dem ‚erst recht‘) vorliest, der weiß, dass dies alles stimmt.

In meiner Kindheit (bevor ich Lesen gelernt hatte und selber zur Leseratte wurde) gab es außer draußen spielen und dem abendlichen Vorlesen noch nicht viel kindliche Unterhaltung. Selbst Fernsehen war in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhundert, in denen ich aufwuchs, noch spärlich in Gebrauch und unmittelbar nach der Tageschau war bereits Sendeschluss. Oder so. Vorlesen gehörte auch in unserer Familie dazu, wenn ich mich auch nicht mehr genau erinnern kann, wer von der Familie eigentlich vorgelesen hat. Ich glaube, in den meisten Fällen war es mein großer Bruder, was die Auswahl der Lektüre erheblich beeinflusste: neben den bekannten Märchenbüchern waren es vor allem die frühen Pixi-Bücher und Micky-Maus-Hefte. Beides hatte erheblichen Einfluss auf mein Leben. Ich behaupte sogar, dass die Geschichten aus dem Micky-Maus-Heft, zumindest in der Ära der genialen Übersetzerin Dr. Erika Fuchs, einen nicht unbedeutenden Anteil an meiner Allgemeinbildung hatten.

Halt.

Eines fehlt in den vielen pädagogischen Anschauungen: was weiß man eigentlich über die Spätfolgen des Vorlesens? Ich meine jetzt nicht behandlungsbedürftige Psychosen aufgrund eines falsch übermittelten Familienbildes, oder jahrzehntelange Albträume infolge vorgelesener Gruselgeschichten, nein.

Ich behaupte, das Vorlesen im Kleinkindalter prägt auf eine Weise, die meiner Meinung nach noch völlig unerforscht ist. Ich selber bezeichne es als „Sitzungsnarkolepsie“.

Wir erinnern uns an die Ausgangssituation: Kind kuschelt sich in die Kissen, liegt bequem, fühlt sich warm und geborgen, während eine Person mit leiser Stimme spricht. Kind fällt irgendwann in Tiefschlaf und kann sich anschließend an nichts erinnern. Zumindest nicht daran, dass die Nachttischlampe ausgeknipst wurde, die Bezugsperson das Zimmer verließ und die Tür hinter sich schloss.

Die Spätfolge (oder aber frühkindliche Prägung) ist nun meiner Meinung nach, dass der Erwachsene in vergleichbaren Situationen umgehend in Tiefschlaf fällt oder zumindest sehr dagegen ankämpft. Schule, Konferenzen, Kirche, Bahn – überall, wo man mehr oder weniger gemütlich sitzt, monotone Geräusche auf einen einströmen oder eine Stimme sanft salbadert – die Möglichkeiten sind unendlich und jeden Tag erlebt man wenigstens eine davon.

Ich werde das Thema mal einreichen… :-)

 

Trauer „nur“ virtuell

Es ist in den letzten Tagen schon so viel über den verstorbenen Blogger und Twitterer Johannes Korten geschrieben worden, und von allen besser, als ich es je könnte. Trotzdem, es treibt mich um. Ich bin sehr, sehr traurig. Kann man um jemanden trauern, den man „nur“ über die sogenannten „sozialen Netzwerke“ kennt, gekannt hat? Seit dieser Woche beantworte ich die Frage eindeutig mit „ja“.

Im vergangenen Jahr bin ich auf ihn aufmerksam geworden, als er die Aktion „Ein Buch für Kai“ ins Leben rief, die überaus erfolgreich war. Wie das oft so ist, man „stolpert“ bei Twitter über einen Account, der einen neugierig macht, man entdeckt den Menschen dahinter und liest seine Veröffentlichungen mit. Man wird zum „Follower“, wie man das auf Twitter nennt.

Johannes machte mich neugierig. Seine Kreativität, seine Ideen, seine Gedanken, seine Haltung, immer menschlich, aber fest in seinen Überzeugungen, das alles imponierte mir und ich bekam, was im Netz eher selten der Fall ist, Respekt vor diesem Menschen. Dass ich ihn für mich, im Stillen, Johannes nannte, ist eine dieser Eigentümlichkeiten der modernen Medienwelt: eine tatsächlich empfundene Nähe über das Internet, ohne sich zu kennen, ohne sich auch räumlich gegenüber zu sitzen. Vieles, was er schrieb, gefiel mir, berührte mich, und möglicherweise hat auch irgendetwas, was ich geschrieben habe, ihm gefallen.

Bald schon folgte Johannes auch mir auf Twitter, ich weiß noch, dass ich mich darüber freute, das eine oder andere Wort werden wir ausgetauscht haben, das Medium Twitter ist in einem Moment intensiv, und gleich darauf wieder flüchtig. Andere Dinge drängen sich ins Bild, und der gute Gedanke, den man gerade noch hatte, ist weg. Gerade in der letzten Zeit, wo sich viele Ereignisse überschlagen, die man kaum wegstecken kann und die offenbar auch Johannes sehr zugesetzt haben.

Als ich mich zur re:publica im Mai in Berlin anmeldete, stellte ich erfreut fest, dass er dort einen Vortrag über seine Aktion „Ein Buch für Kai“ halten wollte. Der Termin wurde noch vor allen anderen fest notiert, und natürlich saß ich im Publikum:

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Hier der ganze Vortrag:

Ich kann nicht besonders gut auf Menschen zugehen, vermutlich war Johannes nach dem Vortrag ohnehin umringt von Bekannten, Freunden, vielleicht musste ich auch weiter, zur nächsten Veranstaltung, ich weiß es nicht. Jedenfalls habe ich ihn nicht angesprochen und flüchtig gedacht, naja, dann im nächsten Jahr. Vielleicht kommt man mal ins Gespräch. Das wäre schön. Ich schreib ihm auf Twitter.

Ich las weiter mit, antwortete hier und da, sah die Fotos mit seinen Kindern, las seinen Blog, der mir in letzter Zeit düsterer erschien. Auch die Fotos. Immer schwarz-weiß, nun ja, das gibt dem Ganzen eine künstlerische Note. Ich dachte, es sei eine allgemeine Unlust, eine Frustration, wie sie einen in diesen unruhigen Zeiten durchaus befallen kann, wenn man oft genug glaubt, gegen Windmühlenflügel zu kämpfen. Ich habe die Zeichen nicht gesehen, so ist das leider, wenn man jemanden eben doch nicht wirklich kennt.

Und dann kam der vergangene Montag, der beschissenste Montag ever, nach einem Wochenende mit Gewalt und Anschlägen, das schon beschissen genug war. Gegen neun Uhr am Morgen las ich verwirrt, dass Johannes gesucht wurde. Sein eigener letzter Tweet tauchte auf, der Link auf seinen Blog funktionierte in diesem Moment aber nicht.

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Ich verstand nicht, was da los war, fragte herum. Was bedeutet das, ist das ernst gemeint? Er habe einen Abschiedsbrief hinterlassen, hieß es, und mir wurde eiskalt und gleichzeitig schlecht. Endlich kam ich auf die Seite, las den Brief, einmal, zweimal, verstand immer noch nicht. Wollte nicht verstehen, obwohl ich genau spürte, wie ernst es ist. Wie so viele andere verbreitete ich die Meldung weiter: bitte helft, bitte sucht ihn, vielleicht ist es noch nicht zu spät. Die Polizei war eingeschaltet, ein Hubschrauber kreiste über Bochum, eine Suchmeldung war herausgegeben, die auch über die Medien verteilt wurde.

Gegen Mittag dann die schreckliche Gewissheit: die Polizei hat ihn tot aufgefunden. Er hatte es so geplant, er war in seinem Abschiedsbrief glasklar und entschlossen, es gab kein Zurück. Seinen letzten Tweet mag er zeitgesteuert veröffentlicht haben. Als wir anfingen, nach ihm zu suchen, war es wahrscheinlich schon zu spät. Aber man hofft trotzdem…

***

Was ist Trauer? Trauer ist ein Gefühl, das einen unvorbereitet mitten ins Herz trifft und schmerzt, unabhängig davon, wie gut man die Person gekannt hat oder nicht. Es ist das intensive Gefühl, im eigenen Leben plötzlich eine Lücke zu spüren, die nicht zu füllen ist. Es fehlt etwas, das ganz besonders und einmalig war. Johannes‘ Tweets, seine Fotos, seine Blogbeiträge werden mir fehlen. Aber Trauer ist noch mehr: es ist vor allem das Bedauern, Dinge nicht gesagt oder getan zu haben, und festzustellen, dass es unwiderruflich zu spät ist. Ich hätte öfter das Gespräch suchen sollen, auf Twitter. Ich hätte ihn ansprechen sollen, im Mai in Berlin, ich hätte ihn fragen sollen, wie es ihm geht, ich hätte ihm sagen sollen, wie sehr ich ihn, den Menschen Johannes Korten, schätze. Ich will mir nicht einbilden, dass genau dieses Quentchen für ihn einen Unterschied ausgemacht hätte. Vielleicht doch? Vielleicht hätten es ganz viele Quentchen sein müssen. Zu viele. Ich weiß es nicht, und ich werde es nicht mehr erfahren.

Ich würde ihm gerne zurufen, dass sein Leben überhaupt nicht vergeblich war, wie er geglaubt hat, dass er mich und viele andere inspiriert hat, Mitmenschlichkeit zu zeigen, Ideen für ein besseres Miteinander zu entwickeln, dass er ganz vielen Menschen Mut gemacht und sich Respekt verdient hat, obwohl er ihn in seiner Bescheidenheit gar nicht verdient zu haben glaubte.

Wie unermesslich groß muss die Dunkelheit in ihm gewesen sein, wie umfassend seine Verzweiflung, wie quälend das Gefühl, zu nichts nutze zu sein, eine Belastung für andere. Ich kann es mir nicht einmal annähernd vorstellen. Meine Gedanken gelten seiner Familie, seinen Kindern – selbst sie konnten gegen die Dämonen, die ihn quälten, nicht ankommen.

Was bleibt? Der Vorsatz, achtsamer mit Mitmenschen umzugehen, ob virtuell oder persönlich. Und das hier. Dieser Satz wird uns immer an Johannes denken lassen und Ansporn sein:

„Das Netz ist ein guter Ort – wenn wir es gemeinsam dazu machen.“

Wir haben es nicht rechtzeitig geschafft, das Internet und die Welt zu einem Ort zu machen, an dem Du bleiben kannst, Johannes. Aber wir bleiben dran. Mach es gut da oben. Ich bin sicher, Du bist im Himmel gelandet.

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Wutrede an einen Unbelehrbaren

Bildschirmfoto 2015-10-22 um 22.11.22Es reicht mir. Ich mag diese dummen Sprüche und Kommentare einfach nicht mehr sehen. Mir wird inzwischen bei jeder dieser Hassreden und falschen Nachrichten speiübel. Brauner Müll in allen Foren, auf Facebook, Twitter, in Kommentaren unter Zeitungsartikeln, überall. Als ob das ganze Land nur noch mit dummen, verbohrten, hasserfüllten Menschen besiedelt wäre. Es langt!

Was aber tut man, wenn jemand aus der unmittelbaren Umgebung, mit dem man bei Facebook „befreundet“ ist, denselben Müll verteilt? Wenn ich auf der Facebookseite von jemandem, den ich gut kenne (Korrektur: zu kennen glaubte) dieselben unreflektierten, hasserfüllten und durch und durch falschen Sprüche und Behauptungen lesen muss?

Ich habe lange überlegt und dann so etwas wie „Counter Speech“ versucht. Habe um Quellenangaben gebeten, versucht, sachlich nachzufragen, zu argumentieren, zu widerlegen. Herauszufinden, woher dieser Hass und diese Ablehnung kommt. Keine Chance. Verbohrt, dicht, alles total dicht. Genauso dicht, wie nach der Meinung dieses speziellen jungen Mannes die Grenze zu Deutschland gemacht werden soll, damit nur ja kein „Asylbetrüger“ mehr hier rein kommt, die ja sowieso alle nur unser Geld wollen. Und endlich ist mir der Kragen geplatzt.

Das hier habe ich ihm geschrieben:

Weißt Du, ich bin kein Politiker. Ich weiß nicht, ob man 3.000 Kilometer Grenze einfach so „dicht“ machen kann. Und ich bin auch nicht der Meinung, dass mit der Asylpolitik in diesem Land alles richtig läuft und gelaufen ist, da bin ich völlig bei Dir. Da stimmt so einiges nicht. Ich kriege nur langsam die Wut, dass ich bei einem intelligenten Burschen wie Dir (dachte ich jedenfalls) dieselben dämlichen Lügen und Sprüche und grobe Vereinfachung lesen muss wie an so vielen anderen Stellen im Internet. „Lügenpresse“ ist ein Ausdruck, den Du eifrig benutzt – hast aber kein Problem damit, jede noch so hanebüchene Meldung hier auf Facebook sofort und ohne Nachfrage zu glauben und weiterzuverteilen, sofern sie nur irgendwie in Dein Weltbild passt. Beschwerst Dich, dass Du in die rechte Ecke gestellt wirst – Du stellst Dich doch selbst dorthin, indem Du Nazi-Jargon benutzt! „Lügenpresse“ ist zum Beispiel so ein Wort.

Natürlich gibt es mit dem Ansturm von Menschen jetzt eine Menge Probleme zu lösen, das bestreitet keiner, aber DIE Patentlösung hat wohl niemand. Es gibt keine Blaupause dafür. Noch nie seit dem zweiten Weltkrieg waren so viele Flüchtlinge weltweit unterwegs, und nur ein Bruchteil kommt überhaupt hier bei uns an. Es gab auch keine Blaupause, als über eine Million „Wirtschaftsflüchtlinge“ aus der DDR die damals viel kleinere Bundesrepublik „überschwemmt“ haben. Auch das haben wir geschafft, mit Bravour, und das Problem angepackt, ohne lange zu fragen.

Eines weiß ich aber auf jeden Fall: die allermeisten dieser Menschen, die sich jetzt auf den Weg nach Europa machen, sind in großer Not, aus welchen Gründen auch immer, mindestens ein Drittel davon sind nachweislich Kinder. Und wenn jemand in Not ist, helfe ich, ich spende Kleidung, ich gebe Geld, soweit ich kann, ich transportiere, ich packe mit an, ohne Wenn und Aber und ohne auf die Hautfarbe und die Herkunft zu gucken. Das ist mir völlig egal. Jeder dieser Menschen, denen ich bisher begegnet bin, ist unendlich dankbar, und das hat nichts, GAR NICHTS mit Geld zu tun. Vielleicht müsstest Du diese Erfahrung einfach auch mal machen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass ich mit meiner Einstellung viel näher dran bin an den sogenannten christlichen Werten des Abendlandes, die es ja angeblich so vehement zu verteidigen gilt; sehr viel näher dran als jeder, der dumme Parolen brüllt oder postet, ansonsten aber keinen Finger krumm macht. Außer, es gilt eine Bierdose zu öffnen.

Diese Parolenbrüller hatten wir in diesem Land schonmal, mit den selben Sprüchen – und wir wissen, wohin es geführt hat. Sie haben das Land, dass sie vorgeblich „verteidigen“ wollten, zugrunde gerichtet, und zwar mehr als gründlich. Mehr ging nicht. Ich will nicht, dass so etwas wieder passiert.

Wir sollen uns erst einmal um die Armen und Obdachlosen hier kümmern? Kümmerst DU Dich denn? Sag mir doch, wo Du Dich engagierst und was Du tust. Nichts vermutlich. Sonst wüsstest Du nämlich: Kleiderkammern, Tafeln und andere soziale Einrichtungen sind genauso für die Hilfsbedürftigen hierzulande da. Niemandem wird wegen der Flüchtlinge etwas weggenommen, im Gegenteil: es entstehen gerade sogar reihenweise neue Jobs, und auch die sozial Bedürftigen und Obdachlosen profitieren von der momentanen Welle der Hilfsbereitschaft, die an Dir offenbar bisher völlig vorbeigeschwappt ist.

Ich weiß nur zu gut, wie das ist, wenn man arbeitslos ist, von Amt zu Amt geschoben wird, eine Nummer ist, kaum Geld und dafür einen Haufen Schulden hat. Wie deprimierend das sein kann, wenn man seinem Kind nicht einmal den Schwimmbadbesuch zahlen kann. Wenn jedes neue Paar Schuhe eine mittlere Katastrophe ist. Wie verarscht man sich fühlt, von allem und jedem. Das habe ich alles selbst erlebt, und zwar jahrelang. Deshalb darf ich Menschen beurteilen, denen es ähnlich geht. Eins habe ich nämlich nie gemacht: anderen die Schuld dafür in die Schuhe geschoben. Ich war nie der Meinung, dass mir irgendetwas „zusteht“, einfach nur, weil es mich gibt. Ich hab nach jedem Strohhalm gegriffen, hab gearbeitet wie eine Blöde, um aus diesem Loch wieder rauszukommen, jeden Tag, jahrelang, und ich habe es geschafft. Darauf bin ich stolz und darf es auch sein. Stolz auf das, was ich selbst und aus eigener Kraft geschafft habe, und nicht auf irgendein nebulöses „Deutschtum“, was immer man sich darunter vorstellen soll. Stolz zu sein, nur weil ich zufällig das Glück hatte, in einem der reichsten Länder der Erde geboren zu werden, ist mir völlig fremd.

Diese Ecke der Bevölkerung, der Du Dich offenbar bereitwillig anschließt, wähnt sich in der Mehrheit. Dieser Eindruck entsteht zwangsläufig, wenn man sich immer nur in denselben Kreisen bewegt. Bei Facebook werden Fotos, Behauptungen, Videos geteilt und nochmal geteilt und erzeugen den Eindruck der großen Masse. Aber das ist falsch. Den 20.000, die in Dresden wieder aufmarschiert sind, halte ich hunderttausende, wahrscheinlich Millionen entgegen, die sich jeden Tag die Beine ausreißen, um zu helfen, und nicht nur das: diesen Staat zu organisieren in einer Phase, in der die Politik überfordert ist. Und sie machen das besser und vor allem schneller als alle Politiker zusammen. Und erst recht besser als die Parolenbrüller. Die sind zu gar nichts nütze. Die hindern nur die anderen daran, das zu tun, was nötig ist, weil man sich zusätzlich zu den immensen Aufgaben auch noch mit der Abwehr unsinniger Ansichten, Kommentare und Angriffe herumschlagen muss. Haltet doch einfach die Klappe und packt mit an – davon haben in diesem Eurem so kostbaren deutschen Land dann alle was. Und dann können wir alle zusammen stolz sein. Aus den richtigen Gründen.

Der Himmel über Berlin

„Sei bitte nicht tot.
Würdest Du das für mich tun?
Hör einfach damit auf.“

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Es ist nicht so wie im Fernsehen. Es ist nicht so, dass Du mich beobachtest, während ich an Deinem Grab stehe. Es ist nicht so, dass Du irgendwann plötzlich wieder vor mir stehen wirst. Ich habe eine ganze Zeitlang gedacht, wenn ich es nur für unwahrscheinlich genug hielte und es mir fest genug wünschte, dann wärst Du nicht tot. Und dieser ganze Alptraum mit Telefonaten vor dem Krankenhausaufenthalt, mit Berichten und Fotos von der Intensivstation, mit Todesanzeigen, Nachrufen, dem Ordnen des Nachlasses, und dass ich jetzt mit Deinem Auto herumfahre, dessen Kennzeichen Deine Initialen und Dein Geburtsdatum sind – dann wäre das alles nur ein riesengroßer Betrug gewesen, ein Fake, und in Wirklichkeit bist Du nicht tot. Sondern versteckst Dich nur, weil…

Ja, warum solltest Du? Es gibt keinen Grund. Du warst dem Leben zugewandt, so offen, so herzlich, so verletzlich, gleichzeitig oft ungeduldig, manchmal sogar grob, aber eins warst Du vor allem: Du selbst. Ich wusste bei Dir immer, woran ich war, hatte nie das Gefühl, Dir etwas verschweigen zu müssen. Es gab diese ganz besondere Verbindung zwischen uns, vom ersten Moment an, die war immer da, auch wenn wir uns nur in großen Abständen gesehen haben. Wie Seelenzwillinge. Ich vermisse die spontanen Telefonate, in denen Du mir vor Vergnügen glucksend Geschichten erzählst, immer im Berliner Tonfall, manchmal auch abgleitend ins Vogtländische, wo Du herstammst. Ich vermisse die regelmäßigen SMS, die mit guten Sonntagswünschen hin und her gingen. Die Verbundenheit war viel tiefer als das. Ich wusste einfach, ob es Dir gut oder schlecht ging, und umgekehrt genauso. Herrschte zu lange Schweigen, rief einer von uns an und erkundigte sich besorgt.

Ich weiß, dass Du manchmal neben mir sitzt, wenn ich mit Deinem blauen Auto herumfahre. Ich glaube, Du wolltest, dass ich es bekomme, wenn Du nicht mehr da bist. Ich weiß noch, wie wir zusammen darin saßen und Du mir Berlin gezeigt hast. Immer warst Du dann ganz stolz, als hättest Du persönlich es erbaut. Über den Kudamm sind wir gefahren, über die Glienicker Brücke, wir waren am Wannsee und an dem Ort, wo Kleist ins Wasser ging, auf dem Tempelhofer Feld, bei Theaterpremieren, und gemeinsam bei der Museumsnacht unterwegs, fast alles mit diesem kleinen blauen Auto, an dem so viele Erinnerungen hängen. Immer gab es zu sehen und zu entdecken und vor allem zu lachen und zu erzählen. Immer. Ich aus dem Westen, Du aus dem Osten, und gemeinsam erkundeten, verwünschten und beratschlagten wir die neue, komplizierte, zusammenwachsende Welt, und waren dankbar, dass wir uns kennenlernen konnten.

Der Himmel über Berlin war für mich immer blau und wolkenlos. Seit dem letzten Sommer trägt der Himmel ein paar kleine, weiße Wölkchen, und auf einem davon sitzt Du und schaust dem Treiben auf der Erde zu, ich bin sicher. Denn immer ist da jetzt mindestens ein kleines weißes Wölkchen, wenn ich in Berlin bin und nach oben sehe. Das beruhigt mich. Du passt von dort oben auf mich auf.

Die Trauer kommt in Wellen. An guten Tagen freue ich mich, jetzt einen ganz persönlichen Schutzengel zu haben. An anderen Tagen wieder reicht ein kleiner Anlass und ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen, weil ich unversehens über ein Foto, einen Erinnerungsfetzen, ein Andenken stolpere. Wenn ich daran denke, dass ich Dich auf Deinem letzten Weg nicht begleiten konnte. Wenn ich darüber nachdenke, was ich Dir alles sagen wollte und es verschoben habe. Wenn wieder zur Gewissheit wird, dass das Leben ohne Dich weitergeht. Du fehlst mir entsetzlich.

Manchmal bin ich ganz in Deiner Nähe. Dann sitze ich in dem Café, wo wir uns oft getroffen haben, denke an Dich, an unser letztes Gespräch und will sonst niemanden sehen. Oder ich bin auf dem Friedhof, wo Deine Urne begraben wurde. Ich habe keine Blumen dabei, und ich weiß, dass Du mir das verzeihst. Aber ich habe immer, immer einen kleinen Zettel in der Tasche, zusammengefaltet, und das Papier sorgfältig ausgesucht, auf dem eine Botschaft für Dich steht. Ich verbrenne den Zettel, dort, wo die Erde das birgt, was von Dir übrigblieb, und sehe zu, wie die Buchstaben, aufgelöst in Rauch, aufsteigen, bis zu Dir, bis zu Deiner Wolke. Ich schreibe auf, was ich Dir nicht mehr sagen konnte. Ich schreibe auch auf, was ich Dir nie sagen konnte, und irgendwann werde ich vielleicht alle Worte und allen Rauch hinaufgeschickt haben.

Irgendwo bist Du noch. Musst Du noch sein. Kannst Du nicht bitte nicht tot sein? Ich muss Dir noch so viel erzählen…

„Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein.“
Kleist, Prinz von Homburg

Noch nie gesehene Filme

Meine Angewohnheit, Filme, die mir gefallen, mehrfach oder sogar vielfach anzusehen, stößt hin und wieder auf Unverständnis. Warum eigentlich? Man hört sich doch ein schönes Musikstück auch nicht nur einmal an, man betrachtet ein Kunstwerk ja auch nicht nur ein einziges Mal.

Es gibt eine Reihe Filme, die ich inzwischen auswendig mitsprechen kann. Die Auswahl geht quer durch den Garten, zugegeben meist Unterhaltungsfilme, aber die müssen schon auch gut gemacht sein. Nix mit „nackte Kanone“ oder so. Die von mir als Teenager so heißgeliebten Filme mit Terence Hill und Bud Spencer finde ich inzwischen nur noch blöd.

Von nicht unbeträchtlicher Länge dagegen ist die Liste allgemein populärer Filme, die ich NOCH NIE gesehen habe. Um nur einige Beispiele zu nennen: „Psycho“. Auch nicht „ET“. „Dirty Dancing“ ebenfalls nicht, was regelmäßig zu allgemeiner Verwunderung führt, weil ich den Witz mit der Melone nicht verstehe. Und schon gar nicht „Kevin allein zu Haus“. „Star Wars“ hab ich gesehen (vor ein paar Jahren, auf DVD), kann mich aber an nichts erinnern. In der Vorweihnachtszeit halte ich mich immer sehr bedeckt, wenn von den „Nüssen für Aschenbrödel“ die Rede ist. Man ahnt es: noch nie gesehen.

Was ist der Grund? Die meisten zeitgenössischen Filme bilden nun einmal die Zeit ab, in der sie entstehen. Es gibt bestimmte Modewörter und Anspielungen, auch wenn die nicht einmal bewusst eingebaut werden, die man später nicht versteht. Bestimmte Stimmungen und Sichtweisen, die man später nur schwer nachvollziehen kann. Manchen Film schaut man als Kind im Fernsehen und ist so ungeheuer beeindruckt, dass man den Film auch später noch immer wieder ansieht, weil sich das wunderbare Geborgenheitsgefühl der Kindheit mit dem Sonntagnachmittag vor dem Fernseher wieder einstellt.

Manches ist aus irgendeinem Grund „Kult“. Die „Rocky Horror Picture Show“, Ende der Siebziger/Anfang der Achtziger und bis heute bei den Fans ein absoluter Kultfilm, man schmeißt mit Reis und sonst noch was – diesen Film habe ich damals nie gesehen. Und irgendwann später einmal kam er im Fernsehen und ich rätselte, was mir das alles sagen soll.

Fazit: Ich denke, Filme finden einen, wenn die Zeit dafür da ist. Wenn der Film gerade zu mir und meinem Leben passt. Vielleicht fange ich an, mich plötzlich brennend für einen bestimmten Regisseur oder Schauspieler zu interessieren und starte eine private Retrospektive, wo dann auch bisher nie gesehene Filme dabei sind. Oder ich verfalle der Demenz und schaue nur noch Kinderfilme. Es ist also gut möglich, dass ET und Norman Bates und Aschenbrödel irgendwann später in meinem Leben noch eine Chance bekommen. :-)