Es gibt Dinge, die fügen sich scheinbar zufällig zusammen – und alles passt. So mit der Musikgruppe, die ich vor einiger Zeit schon für mich entdeckt, aber jetzt erst so richtig schätzen gelernt habe. Sie passt für mich genau in eine Zeit, wo ich die schrillen Figuren in allen Medien gründlich satt habe, wo ich mich rückbesinne auf eine Zeit, in der man mit wenigen Mitteln viel gemacht hat (und nicht umgekehrt), in der Wissen, Respekt und Können zählte und nicht die möglichst laute und bunte Außendarstellung. Eine eher introvertierte Welt, aber so bin ich eben. Das klingt jetzt ein bisschen nach „früher war alles besser“, ist aber nicht gemeint. Im Fall von Frontm3n steckt auch viel Neues drin, und auch hier fügt sich alles auf einmal zusammen, und das fasziniert mich. Aber der Reihe nach.
Alles fing vor ungefähr anderthalb Jahren an. Ich erwischte rein zufällig ein Video der Gruppe Frontm3n im Internet, dieses hier:
Ich liebe Gitarren, und die Leute, die sie wirklich spielen können. Ich hab selber viel zu lange kein Instrument mehr in der Hand gehabt, und ich war wie elektrisiert, als ich die drei zum ersten Mal hörte. Dass es sich bei „Love is like Oxygen“ um einen alten „Sweet“-Song handelte, wusste ich gar nicht, ich mochte einfach den Sound und dass drei Gitarren klingen können wie eine ganze Band. Unglaublich.
Ich forschte weiter. Wer sind diese Frontm3n? Und wieso habe ich von ihnen vorher noch nie gehört? Die Eckdaten waren schnell herausgefunden:
Peter Howarth ist Frontsänger der „Hollies“, Pete Lincoln war bei „Sailor“ und „Sweet“ und Mick Wilson bei „10CC“ – alles Bands, die jeder, der in den 70er Jahren seine Teenie-Zeit hatte, todsicher kennt. Peter, Pete und Mick sind aber erst später in diese Bands eingestiegen und gehören nicht zur Originalbesetzung. Immerhin spielen sie aber auch schon seit 15 Jahren (Peter und Pete) bzw. 20 Jahren (Mick) in ihren Bands, sind also „altgediente“ Frontsänger. Befreundet sind sie seit etwa 25 Jahren. Damals waren alle drei Backgroundsänger bei Cliff Richard, waren mit ihm auf Tour und haben sich in dieser Zeit angefreundet.
Was machen sie?
Frontm3n spielen alte Songs, von Sweet, den Hollies, von Sailor, von 10CC, auch von Cliff Richard und Roy Orbison, den Peter in London in einem Musical auf der Bühne verkörperte. So haben sie zumindest vor etwa drei, vier Jahren angefangen. Sie wollten endlich mal was zusammen machen, etwas anderes. Alles war zunächst als kleines Projekt geplant, „just for fun“, so sagen sie in Interviews, und starteten mit zwei Konzerten, um auszutesten, wie sie ankommen. Daraus wurde eine Tour, bei der ich im letzten Jahr schon einen Auftritt sehen konnte. Damals war alles noch etwas minimalistisch, sparsame Deko, und, wenn ich mich richtig erinnere, fast ausschließlich die alten Songs. Mittlerweile haben sie eine Fangemeinde auch aus jungen Leuten erobert, die ständig größer wird. Fast alle Konzerte der Tour sind ausverkauft. Und sie haben etliche eigene Songs im Repertoire, die genauso gut klingen und sich nahtlos in den Stil einfügen, so dass man oft gar nicht mehr weiß, ob alt oder neu.
Hier ein Video mit einem eigenen Song und dazu auch ziemlich witzig gemacht:
Was können sie?
Ganz viel. Singen. Und vor allem Gitarre spielen. Auch andere Instrumente, hauptsächlich aber Gitarre. Und was sie auf den Saiten zaubern, ist einfach umwerfend! Stimmlich ist Peter der „Belcanto“, wie ich in einem Artikel sehr passend gelesen habe, und kassiert für seine Solonummer mit „He ain’t heavy, he’s my brother“ regelmäßig standing ovations. Pete hört man die vielen Jahre mit durchgeknallten Bands auf der Bühne am deutlichsten an, aber ich mag diese sanfte, leicht angerauhte Stimme sehr gern. Mick ist das Stimmwunder, der von Falsett bis Bass alles drauf hat und sich solo an eine mörderische Version von „Donna“ (10CC) heranwagt. Dazu sind alle drei leidenschaftliche Musiker – und es geht nur um Musik, „no politics, no drama“ (Mick), haben viel Humor und Spaß auf der Bühne und das überträgt sich fast sofort ins Publikum.
Musikalisch ist es eine Rückkehr in meine Jugend – das dachte ich zumindest anfangs, aber das stimmt so nicht ganz. Denn die alten Songs höre ich schon lange nicht mehr, außer mal zufällig im Radio. Die Frontm3n schaffen es aber, durch die Reduzierung auf die bloßen Gitarrentöne, durch wunderbare Harmonien im Gesang das Wesentliche aus den Songs herauszukitzeln, man hört die altbekannten Melodien wieder wie neu – und zumindest ich bin schwer begeistert und mag sie plötzlich wieder. Sogar den uralten Schinken „Carrie“ von Cliff Richard (der noch vor meiner Zeit war und den ich nie mochte) höre ich inzwischen sehr, sehr gern – in der Frontm3n-Version.
Man darf nicht vergessen, dass die Bands, die die Songs damals gesungen haben, Jungspunde von Anfang 20 waren. Bei den Frontm3n fließen jetzt die ausgeprägten Persönlichkeiten und die jahrzehntelange Bühnenerfahrung mit ein. Außerdem klingen Texte, die von Liebe, Sehnsucht und Zusammenhalt erzählen, gesungen von 60jährigen Männern plötzlich ganz anders, irgendwie sehr berührend.
Was hat sich denn seit dem ersten Hören geändert?
Alles. Aus Interesse ist Begeisterung geworden. Wie die drei Gitarre spielen, nicht nur jeder einzelne, sondern vor allem, wie perfekt sie zusammenspielen, ist unüberbietbar. Bühnenbild und Beleuchtung, daran haben sie ordentlich gearbeitet im letzten Jahr, das ist jetzt ein richtig runder, wunderbarer, perfekt zu den dreien passender Rahmen.
Ich hatte das große Glück, die drei Frontm3n persönlich zu treffen, bei gleich drei Konzerten im Januar und Februar – und sie sind wirklich genau so, wie ich sie mir vorgestellt hatte: total cool und locker drauf, bodenständig, freundlich, offen, gänzlich ohne Berührungsängste oder Allüren. Pete wirkt manchmal ein bisschen „grumpy“, ist ruhig, aber superlieb, wenn man interessierte Fragen stellt. Peter ist der Zurückhaltende, aber wenn er einmal redet, findet er den Schluss nicht , und Mick der fröhliche, offene, immer für einen Spaß zu haben. Auch die Persönlichkeiten ergänzen sich also total gut. Dazu kommt, dass sie den Rahmen ihrer Auftritte bewusst (und wohltuend!) klein halten: nicht die ganz großen Hallen (was mit akustischen Gitarren ohnehin schwierig wäre), sondern überschaubar, den Ton sehr sorgfältig ausgesteuert und nicht einfach nur laut. Und wenn man eine der wenigen Karten für ein Meet&Greet und den Soundcheck ergattert, ist die Gruppe maximal 15 Personen groß, und es gibt Fotos, natürlich, aber man kann auch alles fragen und sie signieren alles. Auch kleine Hunde. Völlig normale Leute also. Was die Hemden auf der Bühne angeht, vielleicht manchmal ein wenig schräg – nun ja, Engländer… Andererseits sind genau die inzwischen schon ein Markenzeichen geworden.
Schön und gut, aber bist du nicht zu alt für „fangirling“???
Nein. Man nie zu alt, sich für Dinge zu begeistern. Oder man sollte es nicht sein, sagen wir mal so. Vielleicht mag ich Frontm3n so gerne, weil ich endlich mal eine Musikgruppe erwischt habe, die ungefähr in meinem Alter ist, da gibts ja nicht so viele . Und sie beweisen täglich auf ihrer Tour, dass man auch mit einem bereits gut gefüllten Leben um die 60 noch mal richtig durchstarten kann. Das gibt enorm Auftrieb. Diese Musik zu hören, tut mir einfach gut und macht Laune.
Jedenfalls habe ich meine alte Gitarre wieder rausgekramt, übe jeden Tag ein bisschen, bin total eingerostet, aber bleibe dran und es wird ganz langsam besser. Aber hey: der Spaß zählt. Und dass man immer wieder was Neues versucht.
Foto: Ulrich BäumerEs hatte sich nichts verändert. Das kleine Kaufhaus in der Bismarckstraße gab es immer noch, den Pavillon an der Promenade, und auch das Nordsee-Hotel, eines der wenigen noch erhaltenen alten Bäderhotels, deren klassizistische Fassaden ihn immer fasziniert hatten.
Franz fasste den Griff seines kleinen Koffers fester, ging langsam die Bubertstraße hinunter und bog nach links zum Neuen Leuchtturm ab. Die Häuser rund um den Platz duckten sich förmlich neben dem hoch aufragenden Bauwerk, die rötlichen Backsteine glänzten feucht im Licht der Straßenlaternen, und drüben sah er in der Strandstraße kleine, geschmückte Tannenbäumchen neben den Ladeneingängen. Genau wie früher, wenn er im Winter abends noch Besorgungen gemacht hatte und nach Hause gegangen war. Der Nieselregen hatte aufgehört, aber die Luft wurde mit jeder Minute kälter. Wenn erst Schneefall einsetzte, wäre es wieder wie früher, ganz genau wie früher.
Franz hatte noch ein wenig Zeit. Für sechs Uhr abends hatte er seine Ankunft in der kleinen, billigen Pension angekündigt, obwohl die Fähre schon viel früher angelegt hatte. Aber so konnte er noch ein wenig herumlaufen und sich umsehen. Später würde er wohl alleine in einem schmucklosen Zimmer sitzen und Fernsehen schauen und sich nicht mehr aufraffen, einen Fuß vor die Tür zu setzen.
Das Straßenpflaster war feucht, er ging vorsichtig, um nicht auszurutschen. Seine Schuhe waren für dieses Wetter nicht geeignet, aber er besaß keine anderen. Er wechselte den kleinen Koffer in die linke Hand und steckte die rechte tief in die Manteltasche, um sie aufzuwärmen.
Der Weg zu seinem Haus, oder besser, dem Haus, das vor vielen Jahren sein Zuhause gewesen war, kam ihm kürzer vor als vor Jahren, auch schien die Insel wie geschrumpft. Seltsam. Er hatte immer geglaubt, es ginge einem so, wenn man Orte seiner Kindheit wiedersieht. Weil man inzwischen gewachsen ist und einem alles viel kleiner erscheint, als es in der Erinnerung abgespeichert ist. Aber offenbar war der Zeitfaktor, nicht die Körpergröße das eigentlich Entscheidende. Die Häuser in den Straßen um den Bahnhof erschienen ihm jedenfalls klein und gemütlich, fast wie Puppenstuben.
Sein Haus lag in der Strandstraße, kurz bevor sie eine Biegung nach links zur Wilhelm-Bakker-Straße machte. Er verlangsamte die Schritte. Er konnte in Ruhe stehenbleiben und sich umsehen, hier in der Fußgängerzone fuhren keine Autos. Der Eingang der Polizeiwache auf der rechten Seite war schwach beleuchtet, sicher musste dort irgendjemand Dienst schieben – aber wer sollte hier, auf Borkum, am Heiligabend schon Unfug anstellen?
Es zog ihn magnetisch an, den Ort und sein früheres Wohnhaus wiederzusehen, und gleichzeitig fürchtete er sich beinahe davor, entdeckt zu werden, jemanden zu treffen, der ihn kannte. Jemanden, der ihn fragte, wie es ihm ergangen sei, und warum er jetzt, am Heiligen Abend, in Sommerschuhen und mit einem Koffer in der Hand auf den rutschigen Steinen spazieren ginge. Und Franz stellte sich vor, wie sich der Gesichtsausdruck des Gegenübers verändern würde, wenn er seine Geschichte erzählte. Wie die Augen einen misstrauischen Ausdruck annehmen, das freundliche Lächeln des Willkommens oder des Wiedererkennens vom Gesicht tropfen und die Lippen Worte der Entschuldigung murmelten, damit derjenige sich eilig verabschieden konnte. So, wie man sich immer eilig und bestenfalls mit einer höflich formulierten Ausrede verabschiedet, wenn man entdeckt, dass ein Mensch außerhalb der gesellschaftlich akzeptierten Regeln gelebt hatte und man nicht damit umgehen kann.
Franz war stehengeblieben. Dort drüben, der zweite Hauseingang auf der linken Seite, von der Straßenecke aus gezählt, das war seiner. Oder vielmehr, es war einmal seiner gewesen. Er sah sich um, außer ihm war niemand auf der Straße unterwegs, und so traute er sich näher. Er lehnte sich mit dem Rücken an die gegenüberliegende Hauswand und sah an der Fassade hoch. In einem der Fenster oben brannte ein kleines Licht. Dort, wo einmal das Zimmer seines Sohnes gewesen war. Ob dort jetzt wieder ein Kind wohnte und schon mit neuen Spielsachen spielte, die es zu Weihnachten bekommen hatte? Nichts bleibt deutlicher im Herzen als die Erinnerung an Weihnachtsabende mit der Familie. Diesen Zauber, diese Vorfreude, die Kerzen, den geschmückten Baum, das vergaß man nie mehr.
Sein Blick glitt nach unten. Auch im Erdgeschoss war Licht, aber nicht im vorderen Raum, es schien vielmehr aus einem der hinteren Zimmer bis nach vorne zu leuchten. Vielleicht brannte aber auch nur eine einzelne Kerze. Er ging vorsichtig auf das Haus zu, stellte seinen Koffer ab, reckte sich und versuchte hineinzuspähen. Es gab keine Vorhänge, die Bewohner schien es nicht zu stören, dass man hineinsehen konnte. Ja, das war die Küche, immer noch. Tatsächlich stand eine Kerze stand auf dem Tisch, der Rest des Raums war nur schemenhaft zu erkennen. Die Möbel schienen anders als früher. Aber natürlich, hier wohnten seit dreißig Jahren andere Menschen. Er zog den Kopf ein wenig zurück und sah nach rechts und links. Die hübschen alten Fensterläden waren auch noch da, aber sie sahen gepflegter aus, wie neu gestrichen. Plötzlich nahm Franz in der Küche eine Bewegung wahr und trat hastig einen Schritt zurück. Als er sich bückte und nach seinem Koffer griff, öffnete sich neben ihm die Haustür und eine Frau trat heraus. Sie schlang ihre Strickjacke fester um sich und musterte ihn böse von oben bis unten. „Was stehen Sie da herum?“, herrschte sie ihn an, „warum gaffen Sie in mein Fenster? Gibt‘s da irgendwas zu sehen?“
Franz zog erschrocken den Kopf ein. „Nein, nein. Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich war nur neugierig …“ Seine Stimme verlor sich in einem Windstoß, der um die Ecke fegte und Schnee mitbrachte. Kleine, zu Schnee gewordene Regentropfen. ‚Griselig‘ hatte seine Frau das früher genannt, nicht diese dicken, schweren Schneeflocken, die man so gut zu Schneebällen formen konnte, weil der Schnee nass war und zusammenpappte. Nein, es war dieser feine Schnee, ja, Pulverschnee nannte man ihn, jetzt fiel es ihm wieder ein. Er erinnerte sich noch gut an den Abend, als er und seine Ute hier auf die Insel gezogen waren, mitten im Winter. Alle Kartons waren endlich ausgepackt, und weit nach Mitternacht hatten sie noch einen Spaziergang gemacht. Genau an derselben Ecke wie er vorhin hatten sie gestanden, und Schneegrisel hatte eingesetzt, genau wie jetzt. Sie hatten Arm in Arm verwundert zum Leuchtturm empor geschaut, dessen Strahlen den Schiffen weit draußen Signal gaben und im regelmäßigen Drehen auch die Schneeflocken berührten und aufblitzen ließen. Der Schnee wirbelte, glänzte im Scheinwerferlicht wie goldene und silberne Fünkchen, die nach allen Seiten stoben und sich schließlich auf die raue Backsteinfassade der Christus-Kirchengemeinde und die Treppe vom Haus Rote Erde setzten, auf die Dächer, auf ihre Mützen, überall hin, und die Häuser der Insel in ein Märchendorf verwandelten.
Die Frau stand immer noch in der Haustüre. Sie war blond, ein rötliches Blond, ungefähr Ende zwanzig, und hatte die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie presste die vollen Lippen unwillig aufeinander, und die hellen Augen funkelten ihn an. „Neugierig sind Sie? Auf mein Fenster? Oder wie ich lebe? Das geht Sie gar nichts an. Machen Sie, dass Sie Land gewinnen!“
Franz nickte. „Es tut mir leid, wirklich. Ich wollte nur mal schauen. Ich habe hier einmal gewohnt, wissen Sie? Das ist lange her. Aber ich gehe natürlich. Entschuldigen Sie. Auf Wiedersehen.“
Er trat einen Schritt zurück, zog seine Mütze tiefer ins Gesicht, als ob sie ihn vor dem Schnee schützen könnte, bückte sich und griff nach seinem Koffer.
„Warten Sie mal“, sagte die Frau. Franz drehte den Kopf und sah, dass sie ihn neugierig musterte, beinahe ungläubig. „Wie heißen Sie?“, fragte sie.
„Franz“, stotterte er, „Franz Hoffmann. Ich habe bis vor dreißig Jahren in diesem Haus gewohnt, mit meiner …“ Er stockte, es fiel ihm schwer, aber er sah, dass die junge Frau auf das Ende des Satzes wartete, „… mit meiner Frau und meinem Sohn.“ Er konnte es aussprechen. Er konnte es dieser fremden Frau sagen, was er sonst niemandem sagen konnte. Dass er einmal eine Familie hatte, dass er einmal glücklich gewesen war und es in seinem Leben wunderbare Weihnachtsfeste gegeben hatte.
Die blonde Frau schwieg und musterte ihn immer noch von oben bis unten. „Sie sind Architekt, nicht wahr?“, fragte sie schließlich. Es klang eher wie eine Feststellung.
Franz sah sie verwundert an. „Woher wissen Sie das?“
Die Frau schien einen Moment zu überlegen, dann deutete sie mit dem Kopf auf die Haustüre, die hinter ihr immer noch halb offen stand. „Kommen Sie rein.“
Franz zwinkerte überrascht. „Herein? Ich meine, zu Ihnen herein? Aber …“
„Zu wem sonst?“, sagte die Frau und um ihre Mundwinkel zuckte es, als sei sie amüsiert, aber ihre Augen hatten nach wie vor einen strengen Ausdruck. Ihr Blick huschte über seine Gestalt. „Ihre Schuhe sind abgelaufen und nicht für Winterwetter geeignet, der Mantel ist zu dünn für diese Jahreszeit, und Sie sehen nicht so aus, als wären Sie heute Abend noch irgendwo eingeladen. In das Köfferchen passt bestenfalls etwas Wäsche zum Wechseln. Also erzählen Sie mir nicht, dass Sie schon etwas Besseres vorhaben. Kommen Sie rein und wärmen Sie sich auf.“ Franz nickte verwundert, und als die Frau sich umdrehte und zur Haustür hineinging, folgte er ihr.
Das Erste, was er im Inneren sah, war der Boden in dem langen Flur. Er war immer noch mit diesen schwarz-weißen kleinen Fliesen ausgelegt, die er so liebte. Viele alte Häuser hatten solche Fliesen besessen, und oft hatte er mit Bauherren gestritten, die ihre Häuser zu Ferienunterkünften umbauten, und die den ‚alten Kram‘ aus dem Haus haben und von Grund auf modernisieren wollten. Viel zu viele von diesen schönen alten Bodenfliesen waren achtlos auf den Müll geworfen worden. Aber hier gab es sie noch. Und auch die alte Holztreppe war noch da. Sie stammte aus der Zeit des Kapitäns, der dieses Haus vor über hundert Jahren gebaut hatte. Die mit einem neu aussehenden roten Teppich ausgelegten Stufen und das Geländer mit den Jugendstil-Schnitzereien waren sorgfältig restauriert.
Die Frau nahm ihm seinen Mantel ab und hängte ihn an der Garderobe auf einen Bügel. Vom Flur führte links die Tür in die Küche, ja, er erinnerte sich gut. Die Möbel waren aus hellem Holz, zeitlos, schlicht, fast skandinavisch, alles aufeinander abgestimmt, die Küchenzeile, der Esstisch, Wandregale, nicht so zusammengestoppelt, wie er und Ute sie damals hatten, weil sie sich keine neue Küche leisten konnten. Franz wäre furchtbar gerne im ganzen Haus herumgelaufen und hätte sich umgesehen, aber die Frau deutete auf einen Stuhl und er setzte sich folgsam.
„Ich habe eben eine Kanne Tee zubereitet, aber Sie können auch ein Glas Wein haben.“ Franz nickte verwirrt. Die Frau schmunzelte. „Was denn nun?“
„Eine Tasse Tee wäre schön“, sagte Franz zaghaft, „zum Aufwärmen.“
Sie nickte und stellte ein Stövchen auf den Tisch, nahm eine Schachtel Streichhölzer und zündete das Teelicht an. Franz sah, dass ihre Hand ein wenig zitterte. Fürchtete sie sich vor ihm? Aber warum hatte sie ihn dann hereingebeten? Sie stellte eine Teekanne auf das Stövchen, und aus der Tülle stieg feiner Dampf auf. Sie schob zwei große, bauchige Tassen auf den Tisch und eine Zuckerdose, in der Kandiszuckerstückchen waren. „Haben Sie Hunger?“
Franz wusste nicht mehr, was er denken sollte. Erst hatte sie ihn verscheuchen wollen, das war ihr gutes Recht, und jetzt saß er plötzlich in ihrer Küche und sie bewirtete ihn. Es war angenehm warm im Raum, Tannenzweige in einer Vase verbreiteten würzigen Duft, und das Teelicht roch nach Zimt. Franz schüttelte den Kopf. Er hatte Hunger, er hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, nur hätte er sich eher auf die Zunge gebissen, als es zuzugeben. Sein Magenknurren verriet ihn, und die Frau nickte nur. Sie ging wieder an die Küchenzeile, griff hierhin und dorthin, nahm ein Holzbrett, Messer, öffnete den Kühlschrank, nahm Sachen heraus, räumte sie wieder hinein, werkelte ein paar Minuten schweigend und ehe Franz sich versah, hatte er eine Platte mit Butterbroten vor sich stehen, mit Wurst und Käse dick belegt, auch eine Papierserviette legte sie dazu. „Greifen Sie zu“, forderte sie ihn auf, „bei mir muss niemand hungrig bleiben.“ Sie setzte sich ebenfalls an den Tisch, goss Tee in beide Tassen und nickte ihm aufmunternd zu. Franz zögerte, aber der Hunger siegte und so aß er schnell ein Brot, ein zweites, und schließlich war die ganze Platte leer. Die Frau sagte während der ganzen Zeit nichts, trank ab und zu einen Schluck Tee und beobachtete ihn. Aber es war kein unbehagliches Schweigen zwischen ihnen beiden, auch sah sie nicht misstrauisch aus, wie auf dem Sprung, oder ungeduldig, dass er endlich wieder gehen möge, es war ein Betrachten, wie um ihn kennenzulernen. Sie sah ihm beim Essen zu, eher beiläufig, wie man jemandem zusieht, den man schon lange kennt, so, als sei dies ein ganz normales Abendessen.
Franz tupfte sich den Mund ab, legte die Serviette auf die Platte und schob sie auf die Seite. „Vielen Dank“, sagte er, „das war sehr gut.“
„Möchten Sie noch was?“, fragte die Frau.
Franz schüttelte den Kopf. Er war satt, er war sogar sehr satt. Er hätte kein einziges Brot mehr verdrücken können. Solche Mengen Essen war er nicht mehr gewohnt. „Danke“, sagte er, „das ist sehr nett von Ihnen, aber es war mehr als genug.“
Die Frau trank weiterhin ihren Tee, sagte aber nichts, so als ob sie darauf wartete, dass er Fragen stellte oder das Gespräch begann.
„Wohnen Sie schon lange hier?“, fragte Franz. Sie kam ihm bekannt vor, aber sie war zu jung, um sie noch von früher zu kennen. Vielleicht aber kannte sie noch Nachbarn von früher, konnte ihm sagen, was aus dem einen oder anderen geworden war, ob es die kleinen Geschäfte in der Nachbarschaft noch gab, ob der Bäcker an der nächsten Ecke immer noch diese köstlichen Törtchen verkaufte, und ob die Kirche immer noch am Sonntagmorgen um sieben Uhr alle Glocken läutete. Als er und Ute anfangs in dieser Wohnung lebten, waren sie vor Schreck beinahe aus dem Bett gefallen, später hatten sie sich daran gewöhnt und wachten nicht einmal mehr davon auf.
„Ich wohne hier schon mein ganzes Leben“, sagte die Frau und beobachtete ihn wieder.
„Hier?“, fragte Franz ungläubig, „dann müsste ich Sie doch … Moment …“ Er rechnete nach. Vermutlich war sie kurz nach seinem Auszug hierhin gekommen, als kleines Kind, ja, das könnte stimmen. Vielleicht war damals eine neue Familie hier eingezogen, als er und Ute und Michael, ihr kleiner Sohn, ausgezogen waren.
„Nein, Sie kennen mich nicht“, sagte die Frau. Sie sah ihn lange an. „Erzählen Sie mir von der Zeit, als Sie hier gewohnt haben. Und was danach aus Ihnen geworden ist.“ Franz wandte den Blick ab. Sie beobachtete ihn immer noch, forschend, aber nicht unfreundlich. Sie schien ehrlich interessiert zu sein, seine Geschichte zu hören. Und so erzählte er, wie er und Ute und dann das Kind hier gelebt hatten.
Er war ein junger Architekt gewesen, der sich, nach einigen Jahren in verschiedenen Architekturbüros, selbständig gemacht hatte. Seine Frau liebte die Nordsee und hatte die Insel schon vorher gekannt. Franz hatte sich auf eine Stellenanzeige beworben und das Büro von einem älteren Kollegen übernommen, der sich zur Ruhe gesetzt hatte. Es hatte damals viel zu tun gegeben auf der Insel, weil viele Hausbesitzer anbauen, umbauen, Ferienwohnungen errichten wollten, und Franz war vollauf beschäftigt, und er war gut in seinem Beruf, manchmal waren sogar Aufträge vom Festland, aus Emden oder Leer, gekommen. Ute hatte nebenbei, als zweites Standbein, eine kleine Zimmervermittlung betrieben.
Die Frau nickte ab und zu, während er erzählte. Hier im Erdgeschoss, im hinteren Teil des Hauses, war sein Büro gewesen. Bestimmt würde sie ihm die Räume zeigen, wenn er danach fragte, aber sie machte keine Anstalten, aufzustehen. Und Franz redete weiter, es sprudelte alles aus ihm heraus. Eine tolle Nachbarschaft hatten sie gehabt, eine Stammkneipe gleich an der nächsten Ecke, wo sich abends oft alle trafen, zwischen achtzehn und achtzig waren sie gewesen, eine große Gruppe, die auch gemeinsam Ausflüge ins Ostland und Strandfeste plante, meist im Herbst, wenn weniger Touristen auf der Insel waren und alle mehr Zeit hatten. Ute und er hatten sich so unglaublich wohl gefühlt, obwohl sie beide nicht von Borkum stammten. Ihre Vermieterin war Mittelpunkt dieser Aktivitäten gewesen, ein Organisationstalent, großzügig, handfest und fürsorglich, ihr hatte außer den zwei benachbarten Häusern ein kleines Café an der Ecke gehört, aber sie hatte vor allem von den Mieteinnahmen gelebt und war eine amüsante, lebenslustige Frau gewesen.
Dann waren Franz und Ute in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Gleich zwei Kunden hatten die Honorare nicht gezahlt, ein dritter mit großer Verspätung, es gab gerichtliche Auseinandersetzungen, und obwohl Ute sparsam gewirtschaftet hatte, blieb kaum genug Geld zum Leben. Es hatte sich herumgesprochen, dass er prozessierte, das Warum hatte niemanden interessiert, aber es waren kaum noch neue Aufträge hereingekommen. Zu groß war das Misstrauen möglicher Kunden gewesen, ebenfalls in einen Rechtsstreit verwickelt zu werden.
Und er hatte eine große Dummheit begangen. Der kleine Michael war gerade ein Jahr alt gewesen, zu der Zeit immer kränklich, und die Sorgen und das quengelnde Kleinkind hatten an seinen Nerven gezerrt. Oft war Franz allein in die Kneipe gegangen, während Ute zu Hause auf den Jungen aufpasste. Eines Abends war es dann passiert – er hatte eine Nachbarin nach Hause gebracht, nämlich besagte Vermieterin, aber anstatt sich an der Haustür zu verabschieden, hatte er sich von ihr noch zu einem Kaffee überreden lassen und schließlich waren sie in ihrem Bett gelandet. Erst im Morgengrauen war er nach Hause geschlichen.
„Es war ein Ausrutscher“, sagte Franz und hielt den Kopf gesenkt, „ich mochte sie gern, aber mehr war da nicht. Ich hatte getrunken und sie auch. Ich hatte nicht vor, mit ihr etwas anzufangen oder Ute zu betrügen, es war mir einfach alles über den Kopf gewachsen.“
Ute war dahintergekommen, irgendwie, Franz hatte nie erfahren, woher sie von der Nacht wusste, aber sie hatte darauf bestanden, wegzuziehen, und Franz hatte es verstehen können. So waren sie umgezogen, aufs Festland, Franz hatte Arbeit gesucht, einen Job in einem Architekturbüro in Hannover gefunden, aber es hatte ihm keinen Spaß gemacht. Statt Eigenheimen hatte er nun Büros planen müssen, eintönige Aufgaben, und schlechter bezahlt. Der Schuldenberg wurde größer, weil Franz einen Prozess verloren hatte, der Junge war in den Kindergarten gekommen, dann in die Schule, es musste Kleidung angeschafft werden, Schulsachen, Ute hatte immer nur das Beste für ihn gewollt, die Miete stieg, und Franz hatte kaum gewusst, wie er alles bezahlen sollte.
Franz redete und redete, und die Frau hörte einfach nur zu. Franz wunderte sich, warum er von diesen Dingen sprach, es war doch so lange her, und es konnte sie doch kaum interessieren, aber sie unterbrach ihn kein einziges Mal. „Schließlich wuchsen uns die Schulden über den Kopf“, sagte Franz, „und dann machte ich den nächsten großen Fehler, den größten überhaupt – ich blieb eines Abends länger im Büro und gab vor, noch zu arbeiten. Ich wartete, bis alle weg waren, und ging dann im Büro des Chefs an den Tresor. Ich wusste, dass immer Geld darin lag. Ich habe nicht darüber nachgedacht, dass man mir ziemlich schnell auf die Schliche kommen würde. Ich wollte mich nur von diesen drückenden Schulden befreien, ein für allemal. Als ich das Geld gerade herausgenommen hatte und in eine Tasche packen wollte, kam der Chef zurück. Er hatte wohl etwas vergessen. Er war ein ziemlich jähzorniger Mann und bärenstark dazu. Er ging gleich auf mich los, wir prügelten uns, und irgendwie gelang es mir, ihn von mir wegzuschubsen, er rutschte auf dem Teppich aus, schlug mit dem Kopf hart gegen die Schreibtischkante und blieb bewusstlos liegen. Ich wollte zuerst abhauen, jeder hätte einen Raubüberfall vermutet, aber als er sich nicht mehr rührte, habe ich es mit der Angst zu tun bekommen und einen Krankenwagen gerufen. Er hatte einen Schädelbasisbruch und Hirnblutungen, lag noch etwa zehn Tage im Koma und ist dann gestorben. Ich bin zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden, die ich voll abgesessen habe. Vor ein paar Tagen hat man mich entlassen. In meinem Koffer ist alles, was ich noch besitze.“
Die Frau sagte nichts, sondern starrte nur nachdenklich in die Flammen der Kerze des Stövchens. „Und warum sind Sie jetzt hierhin gekommen?“
Franz dachte einen Augenblick nach, er war selber nicht ganz sicher. Dann nickte er. „Ich wollte Borkum wiedersehen. Ich wollte nie hier weg, hier war ich glücklich. Die einzige Zeit in meinem Leben, in der ich wirklich glücklich war.“
Es war still in der Küche, nur das Flämmchen unter der Teekanne britzelte ganz leise, und an den Fensterscheiben rieselten kleine Eiskristalle entlang. Das Schneegestöber draußen war dichter geworden, der Wind hatte zugenommen, und die Flocken wurden allmählich dicker und trieben fast waagerecht am Fenster vorbei. Franz musste weiter, zu seiner Pension, er hatte sich hinreißen lassen, hatte geredet und geredet. Er verstand nicht, warum er dieser fremden Frau das alles erzählt hatte. Wahrscheinlich, weil er überhaupt noch nie jemandem seine Geschichte erzählt hatte. Weil keiner sie hatte hören wollen. Er hatte im Gefängnis gesessen, er war ein Verbrecher, er hatte einen Menschen getötet. Nicht mit Absicht, es war ein Unfall gewesen, aber er war schuld, er hätte diesen Diebstahl gar nicht erst begehen dürfen. Ja, er hatte seine Strafe verdient, er war dumm gewesen, sehr dumm, und er hatte dafür bezahlt. Ute hatte sich von ihm scheiden lassen, als er ins Gefängnis musste, war irgendwo nach Süddeutschland gezogen und hatte den Jungen natürlich mitgenommen. Der kleine Michael hatte ihm noch einige Briefe geschrieben, in krakeliger Kinderschrift, aber eines Tages hörte auch das auf. Er wusste weder, wo sie jetzt lebten, noch, wie es Ute und seinem Sohn seitdem ergangen war.
Franz starrte auf seine Teetasse, die er in beiden Händen hielt. Sie war fast ausgetrunken, und seine Finger waren wieder warm. Es wäre besser, er ginge möglichst schnell. Wie kam er überhaupt dazu, dieser Frau sein ganzes Leben zu erzählen? Franz lugte vorsichtig zu ihr hinüber. Sie starrte auf den Tisch und rührte sich nicht. „Jetzt kennen Sie meine Geschichte. Sie fing in diesem Haus an, tja, und irgendwie endet sie auch hier.“
Die Frau hob den Kopf und sah ihn lange an. „Was haben Sie jetzt vor?“, fragte sie. Franz zuckte mit den Achseln. Darüber hatte er sich keine Gedanken gemacht. Er würde sich einige Tage auf der Insel aufhalten, sich umsehen, Erinnerungen auffrischen und dann wieder aufs Festland zurückfahren, irgendwohin, und dann seine Rente beantragen. Viel würde er ohnehin nicht bekommen. Am liebsten wollte er wieder arbeiten, als Architekt, seine Augen waren noch gut genug, um am Zeichentisch zu sitzen, aber wer würde ihm schon Arbeit geben, in seinem Alter und mit seinem Lebenslauf. Niemand. Franz wollte und konnte nicht weiter denken als bis zum nächsten Morgen, bis zum Ende der Woche vielleicht, eins musste zum anderen kommen, es würde sich schon irgendetwas ergeben, aber der Gedanke, dass sich wahrscheinlich nichts ergeben würde, dass er irgendwo in einem billigen Zimmer die restlichen Jahre seines Lebens verbringen würde, diesen Gedanken ließ er möglichst nicht an sich heran.
Das Schneegestöber draußen wurde immer dichter, und Franz schauderte innerlich bei dem Gedanken, in seinen dünnen Sachen wieder hinaus zu müssen.
„Wie wäre es, wenn Ihre Geschichte nicht in diesem Haus endet, sondern weitergeht?“, fragte jetzt die Frau.
„Wie meinen Sie das?“, fragte Franz verblüfft.
„Sie haben die ganze Zeit geredet, und es war berührend, was Sie über Ihr Leben berichtet hast. Sie brauchen Arbeit und eine Wohnung, das stimmt doch, oder? Platz ist hier genug, die obere Etage nutze ich praktisch nicht. Ich bin ebenfalls Architektin, wir könnten zusammenarbeiten.“
„Aber …“
„Ich verstehe, dass das jetzt ein bisschen plötzlich kommt. Aber Sie sind mir sympathisch, sehr sogar. Arbeit gibt es mehr als genug, an der Reede wird in den nächsten Jahren ein ganz neues Stadtviertel entstehen, ich werde eine Menge Aufträge bekommen. Und ich habe gute Gründe, warum ich Ihnen das anbiete. Haben Sie sich nicht gefragt, wie ich heiße, oder wer ich bin?“
Franz hatte nicht auf das Klingelschild gesehen, als er am Haus angekommen war, und sich nicht nach ihrem Namen erkundigt. „Oh“, sagte er, „es tut mir leid. Wissen Sie, ich hatte lange niemanden zum Reden, und Sie haben die ganze Zeit so aufmerksam zugehört, dass ich dachte … es interessiert Sie … Entschuldigen Sie.“ Er stand auf. „Ich gehe besser, Frau … wie heißen Sie denn?“
„Wynands“, sagte die Frau, „Katrin Wynands.“ Sie sah ihn abwartend an.
Franz dachte nach. „Anita Wynands hieß damals unsere Vermieterin. Ihr gehörte dieses Haus und das Haus nebenan. Und das Café an der Ecke. Sie ist … Moment …“ Franz setzte sich wieder und schloss die Augen. In seinem Kopf rasten die Gedanken.
Katrin nickte. „Sie war meine Mutter. Ich bin im Haus nebenan geboren und aufgewachsen und hier eingezogen, als sie vor ein paar Jahren gestorben ist. Ich wollte nicht drüben in der kleinen Wohnung bleiben, und hier ist auch mehr Platz für ein Büro.“ Katrin hatte schon immer hier gelebt, hatte sie gesagt. In dieser Straße, im Haus nebenan und jetzt hier, in seiner ehemaligen Wohnung. Ihre Mutter war die Nachbarin, mit der Franz sich auf die einmalige Liaison eingelassen hatte. Katrin war ungefähr dreißig Jahre alt. Das rötlichblonde Haar hatte sie von ihrer Mutter geerbt, aber den schlanken Körperbau und die klaren, offenen Gesichtszüge vom Vater. Von ihm.
Es war ganz still in der Küche, bis auf ein leises Knistern der Kerzenflamme. Franz‘ Herz schlug so fest, dass er glaubte, Katrin müsste es hören können.
„Nein“, sagte Franz und schüttelte den Kopf, „nein, nein, nein, das ist nicht wahr. Das kann nicht wahr sein.“ Katrin lächelte. Ein warmherziges, freundliches, verzeihendes Lächeln, gemischt mit Vorsicht und ein wenig Belustigung. „Meine Mutter hat mir gesagt, wer mein Vater ist, sobald ich alt genug war, es zu verstehen. Ich habe nachgeforscht, aber dich nicht finden können. Du warst wie vom Erdboden verschluckt. Jetzt weiß ich auch, warum. Dass du allerdings eines Tages hier wieder auftauchen würdest, und ausgerechnet am Heiligabend, damit habe ich nicht gerechnet.“ Sie stand langsam auf, so, als ob sie Angst hätte, ihn zu verscheuchen, und streckte ihm eine Hand entgegen. „Ich habe mir so gewünscht, dass wir uns eines Tages kennenlernen, Vater. Frohe Weihnachten.“
Es begab sich an einem Tag Anfang Oktober, dass ich morgens schlaftrunken in meinen Wäscheschrank langte – und in diesem Moment dort drin ein Brett abbrach. Genauer gesagt, nicht das Brett, dem es nach wie vor gut geht, sondern diese kleinen Halterungen, die man rechts und links, vorne und hinten von innen in die Schrankwände steckt, damit das Brett aufliegt. Die waren abgebrochen, und zwar alle vier.
Ich fühlte mich (bitte, morgens um sieben!) weder in der Lage, den Schaden genauer zu begutachten, noch, eine Entscheidung zu treffen, wie es mit besagtem Brett bzw. den kleinen Halterungen weitergehen sollte. Ich zog also unter dem zusammengebrochenen Brett irgendein T-Shirt heraus, schloss die Türe und fuhr zur Arbeit.
Erste Inaugenscheinnahme des Schadens am Abend verriet mir: Materialermüdung. Die Halterungen waren glatt abgebrochen, der Pin steckte jeweils noch drin in der Schrankwand, und nur einen gelang es mir, herauszufummeln. Ersatzpins, die von anderen Schränken hier noch herumfliegen, passten allesamt nicht.
Nun ist dieser Wäscheschrank alt. Sehr alt. Mein Mann bekam ihn als junger Schauspieler im Jahre 1969 (aus Mitleid vermutlich) von einem Nachbarn geschenkt. Damals kam mein Mann mit buchstäblich nichts – außer einem großen Korbkoffer – aus Salzburg, um in Kleve ein Engagement anzutreten. Damals schon war der Schrank also nicht neu.
Inzwischen hat er (der Schrank) (der Mann glaub ich auch) sechs oder sieben Umzüge hinter sich, beherbergte nach der Wäsche auch mal Akten, Zeitschriften, Foto- und Heimtierzubehör, Kinderspielzeug, und dann wieder Wäsche, weil er nach dem Umzug in die jetzige Wohnung haargenau in mein Zimmer passte.
Aber alles hat mal ein Ende, so dachte ich. Normalerweise benutze ich Kleidungsstücke und vor allem Möbel, die ich mag, und die mir nützen, wirklich, bis sie auseinanderfallen. Auch Dinge haben eine Geschichte, die man respektieren soll. Und dieser Wäscheschrank besonders (siehe oben). Aber genug ist genug. Den Gedanken, dem Schätzchen mit Leim, Schrauben und evtl. sogar mit Schleifpapier und frischer Farbe zuleibe zu rücken, verwarf ich wieder: haben wir doch ein Ikea in der Nähe. Ikea Kaarst, sogar mit eigener S-Bahn-Haltestelle.
Und siehe da: online fand ich HURDAL. In den Abmessungen fast identisch mit dem anderen, ein schwedischer Traum in sattgrün. Selbstverständlich zum Selberzusammenbau. Die Pakete von Größe und Gewicht her sowohl für mich händelbar als auch in meinen Opel Corsi passend (bei umgeklappter Rückbank). Ich studierte die Bauanleitung im Internet: ja, schon eine Herausforderung, aber machbar. Ist ja nicht der erste Schrank, den ich zusammenbaue, manche davon sogar ohne Anleitung.
Problem: Ikea hatte gerade in Kaarst neu gebaut, der Umzug von der alten in die neue Filiale stand bevor, das alte Möbelhaus kurz vor der Schließung schon fast leergeräumt, die neue noch nicht eröffnet, und das großartige Möbelstück war vorübergehend nicht erhältlich.
Ich fixierte also das abgebrochene Brett mit ein paar Schrauben (jawohl, Frau hat sowohl Spax-Schrauben als auch Akkuschrauber im Haus!) und übte mich in Geduld. Nach der Eröffnung der neuen Filiale, die wenige Tage später bevorstand, würde der neue Schrank ja wohl wieder zu kriegen sein und der alte könnte endlich auf den wohlverdienten Sperrmüll wandern.
Das war vor vier Wochen.
Die Schrauben unterm Brett halten immer noch, allein… der neue Schrank war auch weiterhin nicht erhältlich, weder bei Eröffnung der neuen Filiale, noch danach. Schließlich fasste ich mir ein Herz und stellte online unter dem HURDAL (hach, dieses Grün!!) die Mailbenachrichtigung ein. Und zum voraussichtlich angegebenen Zeitpunkt (gestern, ein Mittwoch) kam dann auch tatsächlich eine Mail: der Schrank ist wieder in Kaarst verfügbar. Zwar nur wenige Exemplare, aber immerhin.
Sehr gut. Ich plante also umgehend das Wochenende: am Freitagabend den Schrank holen (kauft ja nicht jeder genau diesen Schrank, bis dahin sind sicher noch welche da), am Samstag zusammenbauen, vielleicht den Sonntag noch. Hach, herrlich! Lego für Erwachsene! Ich liebe es!
Das war, wie gesagt, gestern. Mittwoch. Heute Nachmittag (Donnerstag) warf ich noch einen Blick in die Webseite: nur noch ein Schrank da in Kaarst. Huch. Also flink den Feierabend umgeplant. Dann muss ich heute noch hinfahren. Dieser letzte Schrank ist meiner!
Nun stand diesem Vorhaben lediglich die Bahnfahrt von Köln nach Hause im Weg. Und es kam, wie es kommen musste: übers Handy von unterwegs wiederum den Bestand abgefragt:
„Dieser Artikel ist in deinem Einrichtungshaus zurzeit nicht erhältlich. Vorausichtliches Lieferdatum: Fr 24 Nov – Fr 1 Dez. Bitte schau während dieser Zeit noch einmal vorbei.“
Der letzte Schrank war also inzwischen auch weg. Ich mich also schweren Herzens wieder für den Mailalarm angemeldet. Beziehungsweise, ich wollte es, denn es passierte das hier:
Ups. Da ist etwas schiefgelaufen! Du hast schon eine Benachrichtigung für dieses Produkt angefordert.
Ab da sprach ich in rot.
Ja, hab ich, verdammt! Nur habt Ihr diesen blöden Schrank schon wieder nicht da!! Und nein, ich will nicht nach Düsseldorf zum Ikea fahren, ich hasse Düsseldorf! Außerdem kaufe ich aus Prinzip nur vor Ort und regional!
Nun bin ich ein Mensch, der durchaus Geduld hat, und auf ein vorübergehend nicht erhältliches Teil auch mal warten kann. So habe ich es noch gelernt im Zeitalter der drei Fernsehprogramme – Geduld haben. Aber außerdem glaube ich an so etwas wie Zeichen. Wenn es wieder und wieder und wieder nicht klappt mit einem Vorhaben, dann soll es vielleicht einfach nicht sein. Meistens stellt sich hinterher heraus, wofür es gut war, wenn etwas nicht so läuft wie gedacht. Vielleicht würde mir genau in dem Moment, wo ich den neuen Schrank im Ikea-Lager abholen will, die Decke auf den Kopf fallen. Oder sich ein Erdloch auftun. Oder Hobbits meinen Corsi entführen, weil sie auch so einen tollen Schrank haben wollen. Man weiß ja nicht.
Morgen kaufe ich Schleifpapier und sattgrüne Farbe.
Was liegt näher, als der Zeitung im Ort (bzw. auf der Insel), wo der Roman spielt, ein Interview zu geben? Ich habe mich über diese Gelegenheit sehr gefreut und bedanke mich herzlich bei Martina Scheperjans von der Borkumer Zeitung für das nette Gespräch und den überaus freundlichen Artikel!
Natürlich gibt es die Schauplätze im Roman. Es gibt die Westerstraße, das Schmuckgeschäft mit den Ringen und Kettenanhängern, es gibt die Fußgängerzone mit den vielen Restaurants und Kneipen, sogar das „Lord Nelson“ und die Pizzeria. Das Lebensmittelgeschäft am oberen Ende der Fußgängerzone heißt tatsächlich „Inselwolf“, die Milchbuden gibt es, die kleinen Holzhäuschen der Strandzeltvermieter, das Atelier der Inselmalerin – all das wird der Borkum-Urlauber, der mein Buch gelesen hat, wiedererkennen.
Es gibt auch das Wattwanderbüro mit den Gummistiefeln davor am Busbahnhof, genau wie beschrieben. Drinnen steht sogar eine ausgestopfte Möwe auf dem Tresen – zumindest stand sie dort, als ich das letzte Mal drin war.
Was es nicht gibt, ist das Haus der Bakker-Brüder in der Westerstraße. Es gibt Häuser, die ganz ähnlich aussehen, aber nicht dort, und so, wie es beschrieben wird, ist es komplett meiner Phantasie entsprungen. Also bitte nicht danach suchen oder irgendwo klingeln…
Annes Ferienwohnung gibt es auch – allerdings nicht auf Borkum. Beschrieben habe ich eine Wohnung, die ich vor einigen Jahren in Greetsiel bewohnt habe.
Die Charaktere sind erfunden. Alle bis auf, ich sag mal, ein bis zwei. Susanne gibt es tatsächlich, sie hält Schafe, strickt und schreibt Krimis, und Vorbilder für Marten waren ein bis zwei Wattführer auf Borkum, mein Tankwart und ein Kollege.
Alles, was sonst realistisch ist oder erscheint, wurde gründlich recherchiert. Den Offshore-Windpark Tahkoluoto in Finnland, dessen Schreibweise ich immer wieder nachsehen muss, den gibt es auch, wenn ich auch stark bezweifle, dass jemand namens Tammo Bakker bei den Vorbereitungen mitgemischt hat.
„Sei bitte nicht tot.
Würdest Du das für mich tun?
Hör einfach damit auf.“
Es ist nicht so wie im Fernsehen. Es ist nicht so, dass Du mich beobachtest, während ich an Deinem Grab stehe. Es ist nicht so, dass Du irgendwann plötzlich wieder vor mir stehen wirst. Ich habe eine ganze Zeitlang gedacht, wenn ich es nur für unwahrscheinlich genug hielte und es mir fest genug wünschte, dann wärst Du nicht tot. Und dieser ganze Alptraum mit Telefonaten vor dem Krankenhausaufenthalt, mit Berichten und Fotos von der Intensivstation, mit Todesanzeigen, Nachrufen, dem Ordnen des Nachlasses, und dass ich jetzt mit Deinem Auto herumfahre, dessen Kennzeichen Deine Initialen und Dein Geburtsdatum sind – dann wäre das alles nur ein riesengroßer Betrug gewesen, ein Fake, und in Wirklichkeit bist Du nicht tot. Sondern versteckst Dich nur, weil…
Ja, warum solltest Du? Es gibt keinen Grund. Du warst dem Leben zugewandt, so offen, so herzlich, so verletzlich, gleichzeitig oft ungeduldig, manchmal sogar grob, aber eins warst Du vor allem: Du selbst. Ich wusste bei Dir immer, woran ich war, hatte nie das Gefühl, Dir etwas verschweigen zu müssen. Es gab diese ganz besondere Verbindung zwischen uns, vom ersten Moment an, die war immer da, auch wenn wir uns nur in großen Abständen gesehen haben. Wie Seelenzwillinge. Ich vermisse die spontanen Telefonate, in denen Du mir vor Vergnügen glucksend Geschichten erzählst, immer im Berliner Tonfall, manchmal auch abgleitend ins Vogtländische, wo Du herstammst. Ich vermisse die regelmäßigen SMS, die mit guten Sonntagswünschen hin und her gingen. Die Verbundenheit war viel tiefer als das. Ich wusste einfach, ob es Dir gut oder schlecht ging, und umgekehrt genauso. Herrschte zu lange Schweigen, rief einer von uns an und erkundigte sich besorgt.
Ich weiß, dass Du manchmal neben mir sitzt, wenn ich mit Deinem blauen Auto herumfahre. Ich glaube, Du wolltest, dass ich es bekomme, wenn Du nicht mehr da bist. Ich weiß noch, wie wir zusammen darin saßen und Du mir Berlin gezeigt hast. Immer warst Du dann ganz stolz, als hättest Du persönlich es erbaut. Über den Kudamm sind wir gefahren, über die Glienicker Brücke, wir waren am Wannsee und an dem Ort, wo Kleist ins Wasser ging, auf dem Tempelhofer Feld, bei Theaterpremieren, und gemeinsam bei der Museumsnacht unterwegs, fast alles mit diesem kleinen blauen Auto, an dem so viele Erinnerungen hängen. Immer gab es zu sehen und zu entdecken und vor allem zu lachen und zu erzählen. Immer. Ich aus dem Westen, Du aus dem Osten, und gemeinsam erkundeten, verwünschten und beratschlagten wir die neue, komplizierte, zusammenwachsende Welt, und waren dankbar, dass wir uns kennenlernen konnten.
Der Himmel über Berlin war für mich immer blau und wolkenlos. Seit dem letzten Sommer trägt der Himmel ein paar kleine, weiße Wölkchen, und auf einem davon sitzt Du und schaust dem Treiben auf der Erde zu, ich bin sicher. Denn immer ist da jetzt mindestens ein kleines weißes Wölkchen, wenn ich in Berlin bin und nach oben sehe. Das beruhigt mich. Du passt von dort oben auf mich auf.
Die Trauer kommt in Wellen. An guten Tagen freue ich mich, jetzt einen ganz persönlichen Schutzengel zu haben. An anderen Tagen wieder reicht ein kleiner Anlass und ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen, weil ich unversehens über ein Foto, einen Erinnerungsfetzen, ein Andenken stolpere. Wenn ich daran denke, dass ich Dich auf Deinem letzten Weg nicht begleiten konnte. Wenn ich darüber nachdenke, was ich Dir alles sagen wollte und es verschoben habe. Wenn wieder zur Gewissheit wird, dass das Leben ohne Dich weitergeht. Du fehlst mir entsetzlich.
Manchmal bin ich ganz in Deiner Nähe. Dann sitze ich in dem Café, wo wir uns oft getroffen haben, denke an Dich, an unser letztes Gespräch und will sonst niemanden sehen. Oder ich bin auf dem Friedhof, wo Deine Urne begraben wurde. Ich habe keine Blumen dabei, und ich weiß, dass Du mir das verzeihst. Aber ich habe immer, immer einen kleinen Zettel in der Tasche, zusammengefaltet, und das Papier sorgfältig ausgesucht, auf dem eine Botschaft für Dich steht. Ich verbrenne den Zettel, dort, wo die Erde das birgt, was von Dir übrigblieb, und sehe zu, wie die Buchstaben, aufgelöst in Rauch, aufsteigen, bis zu Dir, bis zu Deiner Wolke. Ich schreibe auf, was ich Dir nicht mehr sagen konnte. Ich schreibe auch auf, was ich Dir nie sagen konnte, und irgendwann werde ich vielleicht alle Worte und allen Rauch hinaufgeschickt haben.
Irgendwo bist Du noch. Musst Du noch sein. Kannst Du nicht bitte nicht tot sein? Ich muss Dir noch so viel erzählen…
„Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein.“
Kleist, Prinz von Homburg
Winterfutter für die Gartenvögel ist umstritten, es gibt Befürworter und Gegner: ich gehöre allerdings zu denen, die die kleinen Piepser draußen im Winter füttern, mag nun Schnee liegen oder nicht. Ich mag es einfach, sie zu beobachten, und nach kurzer Zeit schon wissen sie ganz genau, dass es etwas zu holen gibt, dass ich nachfülle, wenn ich mich im Winter im Garten blicken lasse. Sie sitzen dann schon in den Ästen auf der Lauer und stürmen das Futterhaus, sobald ich die Tür hinter mir zugemacht habe. In England ist die ganzjährige Fütterung der Gartenvögel übrigens absolut üblich. Aber das nur nebenbei.
Meistens benehmen sich Meisen, Rotkehlchen, Amseln, Tauben und was sonst noch alles die Futterstelle aufsucht, ganz manierlich. In diesem Winter (2014/2015) allerdings stellten wir fest, dass der Appetit der Kleinen enorm zugenommen hatte. Reichten das Futter im Futterhaus, die Nuss-Stangen und Futterbälle sonst meist mehrere Tage bis zu einer Woche, so herrschte nun schon nach zwei Tagen wieder Ebbe. Und wenn man der letzten Vogelzählung des Naturschutzbundes glauben darf, haben sich die einheimischen Singvögel im letzten Jahr nicht unbedingt verdoppelt oder verdreifacht.
Und dann das: Eines Morgens war das Futterhaus (das auf einem dreibeinigen Ständer aus Birkenästen festgeschraubt ist) verdreht. Jawohl, das ganze Haus. Dazu braucht man doch einiges an Kraft. Wenn man davon absieht, dass es mit Sicherheit keine Meisen gibt, die Bodybuilding betreiben, so sprach auch eine weitere Tatsache dagegen, dass Singvögel es geschafft hatten, das Häuschen herumzudrehen: nachts schlafen sie nämlich alle.
Igel schied aus, die können nicht gut genug klettern, und halten außerdem im Januar Winterschlaf. Eichhörnchen konnten es ebenso wenig gewesen sein, die sind nicht nachtaktiv. Wer also treibt sich nachts in unserem Garten herum und verdreht Futterhäuser??
„Das war ein Waschbär“, sagte ich zu meinem Mann. Keine Ahnung, wie ich auf die Idee kam. Aber sie blieb hängen und ich googelte spaßeshalber „Waschbär“ plus Wohnort. Und siehe da: es gibt hier welche. Bisher hatte ich Waschbär-Populationen in Deutschland eher in Brandenburg und Hessen verortet, aber doch nicht am Niederrhein! Ich stöberte zwei Zeitungsartikel aus dem letzten Sommer auf, in denen berichtet wurde, dass ein Waschbär einen Garten verwüstet habe. Wie sich herausstellte, nicht nur in der selben Stadt und im selben Ortsteil, nein, gleich den übernächsten Garten. Also praktisch nebenan.
Jetzt war ich nicht mehr zu halten: eine Wildkamera musste her, eine, die auf Bewegung und Wärme reagiert und sogar in stockdunkler Nacht Aufnahmen macht. Das hatte ich schon lange vorgehabt (um endlich dahinterzukommen, wer immer die Goldfische aus dem Teich klaut), und das war die Gelegenheit. Kamera besorgt, am nächsten Abend aufgehängt, am Morgen die SD-Karte in den Rechner gesteckt, und das Erstaunen war groß!
Neben einem recht dicken Waschbären tummelten sich auch noch zwei Steinmarder am und im Futterhaus! Der Waschbär zerrte an einer aufgehängten Nuss-Stange (und verdrehte das Futterhaus gleich wieder), und die Marder turnten auf dem ganzen Gestell herum, einer saß sogar im Häuschen und fraß unseren gefiederten Gästen das ganze Weichfutter weg.
Inzwischen können wir uns auch verschiedene Vorkommnisse im letzten Sommer erklären, die uns vorher Rätsel aufgegeben hatten: eines Morgens war die Pumpe aus dem Teich gezogen und lag oben auf dem Steg. Der Johannisbeerstrauch trug im Sommer statt über 4 Kilo Beeren nur kümmerliche 1 1/2 Kilo, obwohl er voll in Blüte gestanden hatte. Plattgetretenes Gras am Teichufer. Ein halb verzehrter (und natürlich toter) Frosch auf der Wiese. Und und und.
Meine Theorie ist, dass dem Waschbären im letzten Sommer durch den Sturm Ela seine Heimat geraubt wurde und er sich ein neues Revier gesucht hat. Waschbären schlafen nämlich gerne in Baumhöhlen, und viele hundert Bäume im Umkreis waren bei dem Unwetter zerstört worden.
Wie geht es nun weiter? Waschbären können recht aufdringlich und zerstörerisch sein, wenn sie Zugang zum Haus, Keller oder Gartenhaus erhalten. Da wir immer alles gut abschließen und wegschließen, besteht kaum Gefahr, dass wir eines Nachts ein zähnefletschendes Raubtier (und so klein sie sind, das sind Waschbären nun mal) in der Wohnung haben. Andererseits sind sie auch sehr scheu, unser Bursche haut beim gerinsten Geräusch sofort ab, deswegen ist die Gefahr wohl sehr gering. Und leider: Waschbären sind jagdbares Wild, wie es im Amtsdeutsch heißt. Deswegen fürchte ich gleichzeitig um den pelzigen Gesellen, der ja genau genommen nichts Böses tut – außer Rasen umgraben und Futterhäuser verdrehen. Wir werden sehen, wie es weitergeht und was ihm noch alles an Unfug einfällt. Die Winterfütterung wird jedenfalls zum Frühjahr eingestellt.
Man nehme: eine Fußballweltmeisterschaft, zwei Sofas, ein Stadion, Decken, Regenschirme, ganz viel Vorfreude, kleine, internetfähige Geräte, ein Manuel-Neuer-Püppchen, eine Tüte Chips – und fertig ist das perfekte Endspiel-Wochenende in Berlin.
Alles fing ganz harmlos an…
„Ihr guckt die WM-Spiele in einem Stadion?
Wie schön, und wo? Ah, in Berlin.
Moment … Auf einem SOFA?!?“
So oder ähnlich verlief der erste Dialog mit den Kollegen der „Stern“-Onlineredaktion auf Twitter, als sie ihre Sofas im sogenannten „WM-Wohnzimmer“ in Berlin bezogen.
Den Preis für die originellste Kulisse zum „Rudelgucken“ der Fußball-Weltmeisterschaft hat zweifelsohne der 1. FC Union in Berlin verdient. Das Stadion „An der alten Försterei“ in Köpenick wie ein Wohnzimmer gestalten, Parzellen abteilen und vermieten, die Menschen ihre Sofas hereintragen lassen, eine große Videowand aufhängen – schon ist er fertig, der WM-Spaß der ganz besonderen Art. Es kann kaum einen besseren Ort zum Fußballgucken in Deutschland gegeben haben. Frühzeitig wurden die Parzellen auf dem Rasen und damit das WM-Wohnzimmer bezogen, auch von den Kollegen vom „@stern_sofa“ (die hießen übrigens auch vor der WM schon so!), die eifrig live zur WM twitterten.
Für das Endspiel, so signalisierten sie, hätten sie noch Plätze frei, und reservierten zwei Karten für den Sohn und mich. Noch war selbstverständlich keine Rede davon, wer das Endspiel bestreiten würde, hatte doch gerade erst die Vorrunde angefangen. Trotzdem freuten wir uns natürlich riesig über diese einmalige Gelegenheit und die Einladung.
Unser Lieblingsquartier in Berlin, das Hostelboat „Eastern Comfort“ an der East Side Gallery, hatte zum Glück für das Endspiel-Wochenende noch ein Zimmer, oder besser: eine Kabine frei. Gesagt, gebucht, Fahrt geplant. In der Zwischenzeit rückte die deutsche Mannschaft beim Turnier in Brasilien immer weiter vor und hatte die Vorrunde bereits überstanden. Wenige Tage vor dem magischen „13. Juli“ stand fest: wir würden tatsächlich die deutsche Mannschaft gegen Argentinien im Endspiel sehen! Das war sozusagen das Sahnehäubchen.
Das Endspiel
– ab hier live –
Der Endspielabend selbst beginnt mit einem gewaltigen Wolkenbruch, als wir auf dem Weg zum Stadion sind. Oh weh – das Finale unter Schirmen und Regenplanen gucken? Nicht wirklich ein Spaß… Aber Petrus hat ein Einsehen, und pünktlich fünf Minuten vor Spielbeginn hört der Regen endgültig auf.
Zunächst mit Schirmen und Plane, später ohne.Julia und Katharina auf dem Sofa nebenan
Und dann wird es endlich ernst. Alle stehen auf, als die Hymne gespielt wird, alle singen mit. Ein Gänsehaut-Moment. Das Spiel beginnt. Es ist eine packende Partie, nicht mit der Leichtigkeit des Halbfinals, leider, sondern Schwerstarbeit. Die argentinische Abwehr steht wie Beton, es gibt einzelne Chancen, aber kaum ein Durchkommen für die deutschen Stürmer. Der Sohn und ich twittern unter dem neu geschaffenen Account @kern_sofa mit Katharina und Julia auf dem Stern-Sofa um die Wette, dafür ist Zeit, denn die Partie bleibt vorläufig torlos. Und bleibt es. Und bleibt es so lange, dass der Gedanke „wenn Argentinien jetzt ein Tor schießt, wird es eng“ immer häufiger wird. Aber: noch ist das Spiel ja nicht aus.
Das WM-Wohnzimmer des FC Union
Immer wieder sehen wir uns um. Das Publikum ist großartig, geht mit, pfeift, klatscht, jubelt, springt auf, stöhnt, singt – es ist fast so, als seien wir live in Rio dabei, und nicht in Köpenick. Ein übles Foul an Kramer wird in Zeitlupe wiederholt, mehrfach, aus verschiedenen Perspektiven. Und jedes Mal stöhnt die Menge entsetzt auf. Als Miro Klose ausgewechselt wird, stehen alle auf, jubeln ihm zu und applaudieren.
Es geht in die Verlängerung. Neue Chance, neues Glück. Der arme Bastian Schweinsteiger muss ein übles Foul nach dem anderen einstecken, aber er steht immer wieder auf, geht immer wieder ins Spiel zurück. 113. Minute: niemand hat es so richtig erwartet in diesem Moment, aber Götze bremst irgendwie den Ball mit der Brust und schießt die herabfallende Lederkugel einfach so ins Tor. TOR. TOOOOR!!!!! Alle springen auf, schreien, jubeln, trampeln, werfen in die Luft, was sie gerade in der Hand halten, die Hölle bricht los – aber eine fröhliche, glückliche Hölle. Der Jubel ist unbeschreiblich.
Niemand setzt sich wieder hin. Alle bleiben stehen, als das Spiel weiterläuft, alle fiebern dem Schlusspfiff entgegen, der jetzt, JETZT doch endlich kommen muss! Die Nachspielzeit ist längst vorbei, und immer noch hat der Schiedsrichter kein Einsehen. Den entscheidenden Pfiff schließlich hat in dem Lärmpegel keiner mehr gehört, aber alle liegen sich in den Armen, als die Spieler auf dem Bildschirm anfangen, zu jubeln. Kissen fliegen zu Hunderten in die Luft, Feuerwerk vom Stadiondach in den wolkenlosen Berliner Nachthimmel, endloser Jubel, Fahnenschwenken, alle sind unsagbar glücklich. Nach 24 Jahren holt die deutsche Mannschaft mit einem 1:0 gegen Argentinien endlich wieder den Weltmeistertitel!
Mitternacht
Ein perfekter Abend. Die Chipstüte, gut verborgen (denn man darf eigentlich nichts zu Essen mitbringen, sondern soll sich im Stadion verköstigen), wandert zwischen unseren beiden Sofas hin und her. Auf einem großen Bildschirm an der Seite werden Tweets zum Spiel und zum WM-Wohnzimmer angezeigt, und wir machen uns jedes Mal gegenseitig begeistert aufmerksam, wenn es wieder ein Spruch von unseren beiden Sofas auf den Bildschirm geschafft hat. Wir sind nüchtern, um uns herum wird Bier getrunken, sicherlich, aber kein Gegröle, keine Ausfälle, es ist einfach ein stimmungsvoller, wunderbarer Fußballabend, so wie er sein soll.
Ein ganz dickes und großes DANKESCHÖN nochmals an Julia und Katharina für die Einladung und die Gastfreundschaft. Julia hat für den „Stern“ einen Bericht verfasst, den man hier nachlesen kann. Auch wenn es für die beiden Arbeit war – ich glaube, es hat auch viel Spaß gemacht.
Seit ich im September 2013 einen Bericht über unsere Reise nach Brügge/Belgien geschrieben und hier veröffentlicht habe, wundere ich mich: fast täglich wird auf meiner Homepage dieses Foto angeklickt:
Klöppeln für Anfänger
Man sieht in ganz groben Zügen, wie ungefähr das Klöppeln, die alte Handwerkstechnik (oder ist es eine Handarbeitstechnik?), funktioniert. Und da es wirklich nur sehr grob die in Wirklichkeit weitaus filigranere Technik wiedergibt, habe ich das Foto mit „Klöppeln für Anfänger“ untertitelt. Und ein bisschen sieht es ja auch so aus, als sei es in einer belgischen Schule im Handarbeitsunterricht entstanden.
Nur: wieso klicken so viele Menschen dieses Bild an? Wenn sie über den Suchbegriff „Brügge“ oder „Flandern“ auf meine Seite geraten sind, müsste ich es in der Statistik sehen. Dann wären auch einige andere Bilder oder die Reiseberichtsseite selbst angeklickt. Das ist aber nicht so. Nein, offensichtlich wird gezielt nach „Klöppeln für Anfänger“ gesucht. Mich wundert, dass überhaupt noch jemand weiß, was „Klöppeln“ eigentlich ist.
Grundsätzlich finde ich es schön, wenn Menschen sich für uralte Fertigkeiten begeistern können, habe jedoch meine Zweifel, dass ausgerechnet das Interesse am Klöppeln dermaßen ausgeprägt ist. Ich frage mich, was sie in Wirklichkeit suchen. Peter Klöppel? Ist der Nachrichtenmann bereits ein Verb geworden – klöppeln? Oder wird irgendwas mit Kirchenglocken gesucht und wie man sie anschlägt – klöppeln? Oder suchen meine Besucher gar die körperliche Auseinandersetzung und meinen in Wirklichkeit „Kloppen für Anfänger“?
Ich werde das Rätsel so lange nicht lösen können, bis sich einer der Besucher zu erkennen gibt und mir mitteilt, warum er auf genau dieser Seite surft und was er eigentlich gesucht hat.
Bis dahin: weiterhin herzlich willkommen auf meiner Homepage.
UPDATE:
Ganz schnell schon hat sich eine Dame bei mir gemeldet, die von der Großmutter Klöppel geerbt hat und es gerne lernen möchte, aber niemanden weiß, der es ihr beibringt.
Neugierig geworden, habe ich mich auf die Suche gemacht und siehe da: es gibt in Deutschland sogar eine regelrechte „Klöppelszene“! Und Internetseiten mit Anleitungen. Wenn man den dortigen Anleitungen glauben darf, scheint es gar nicht soooo kompliziert zu sein.
Googeln kann jeder, aber trotzdem hier ein paar Links auf Seiten, die ich über Klöppeln gefunden habe – damit Ihr nicht ganz umsonst hier wart: www.diekloeppelkiste.de
Meine erste große Reise, ohne Familie und auf eigene Faust, führte mich mit Rucksack und Interrail-Ticket quer durch Skandinavien nach Finnland. Das war 1978, ich ging noch zur Schule und hatte mir das Geld für diesen Trip in den Sommerferien mit Fließbandarbeit in einer Kosmetik-Fabrik verdient. Rückblickend weiß ich, wie viele wertvolle Erfahrungen man auf einer solchen Reise sammelt, wie tief sich Erlebnisse einprägen und wie gern man sich später daran erinnert – auch und manchmal gerade dann, wenn es Pannen gab. Damals war ich wirklich völlig auf mich allein gestellt, konnte aus Kostengründen nur alle paar Tage mal zu Hause anrufen oder eine Postkarte schicken.
Seit Jahren lag ich nun dem Sohn in den Ohren: reise! Fahr ins Ausland! Sieh Dich ein bisschen um! Man lernt nirgends und niemals so viel wie beim Reisen auf eigene Faust, und wenn man sich in einer fremden Sprache verständlich machen muss. Und wo sonst hat man so unerwartet unterhaltsame Reisegefährten, so aufregende, lustige, zauberhafte Begegnungen mit fremden Menschen, die einem weiterhelfen, zum Lachen bringen oder im Ernstfall alle Wege ebnen.
Und nun war es endlich so weit. Heiß ersehnt, viel diskutiert und lange geplant: der Sohn startete eine zweiwöchige Kalifornien-Reise. Für viele mag der Sprung über den großen Teich zum normalen Urlaubs- oder auch Dienstreisealltag gehören, für einen jungen Menschen, der noch nicht allzulange über ein annehmbares eigenes Einkommen verfügt, ist es etwas Besonderes.
Aber wie anders läuft heute die Vorbereitung eines solchen Trips ab. Für diese „Digital Natives“ ist „Reisebüro“ ein Fremdwort. Auskünfte werden online in Foren und Nachschlagewerken gesucht, Flüge, Wohnungen und Mietauto quasi nebenbei übers Internet gebucht. 1978 unvorstellbar. Er werde mich auf dem laufenden halten, versprach der Sohn. Und hielt Wort, schon bevor es überhaupt losging. Es fing damit an, dass mein iPhone mir plötzlich meldete, dass mein Sohn einen Fotostream eingerichtet hat für seine Amerikareise, so dass ich sofort alle Fotos sehen kann, die er hochlädt, ohne darauf warten zu müssen, dass er sie twittert oder über Facebook schickt oder noch schlimmer: erst mal nach Hause kommen und den Film entwickeln lassen muss. Wie ich, 1978.
Die Anreise verlief von Düsseldorf über Paris, und von dort nonstop nach San Francisco.
Start in Düsseldorf
Natürlich weiß ich, dass so gut wie jeder Flughafen inzwischen über eine Internetseite und eine aktuelle Ankunft- und Abflugtafel verfügt, so dass ich verfolgen kann, ob der Flieger pünktlich gestartet und gelandet ist. Aber es geht noch komfortabler: mit „Flightradar„. Ich kann jederzeit während der Reise sehen, wo der Flieger gerade ist, kann Screenshots machen, kann parallel am Ziel zur Bestätigung auf die Ankunftstafel des Flughafens schauen, es ist unglaublich. Die nächste Stufe wird dann ein Live-Bild aus dem Cockpit sein oder so. Als Simulation gibt es auch das schon.
Einziger Haken: über Grönland verliert sich das Signal, und was ich 1978 gar nicht erst erfahren hätte: die Maschine ist für eine Weile nicht auf dem Schirm. Zumindest nicht beim „Flightradar“. Kein Grund zur Beunruhigung, sage ich mir, in Grönland stehen vermutlich nicht so viele Stationen herum, die die Signale weitergeben. Und richtig: kaum nähert sich der Air France-Flug dem nordamerikanischem bzw. kanadischen Festland, ist das winzige Maschinchen auf meinem Bildschirm wieder da.
Landeanflug San Francisco
Die ersten Fotos sind inzwischen auf dem Fotostream eingelaufen und ich bestaune das Mietauto, mit dem mein Sohn auf der anderen Seite vom Globus gerade herumfährt, und die Wohnung, die er in San Francisco für einige Tage bewohnt.