#autorenwahnsinn, Tag 10 – #tbt August 2016

cropped-cropped-cropped-cropped-cropped-Borkum_Webseite371111.jpgZeit für Throwback Thursday #tbt: Woran hast du August 2016 geschrieben?

Tatsächlich habe ich schon mit der Geschichte angefangen, die in diesem Jahr Ende Juli erschienen ist: „Spätsommer auf Borkum“. Im August 2016 war ich auf der Nordseeinsel Borkum in Urlaub, habe viel gesehen, viel erlebt, und noch mehr beobachtet, und in meinem Kopf formte sich langsam aber sicher die Geschichte; erste Notizen und Szenen sind damals entstanden.

Behind the scenes –
Borkum, Örtlichkeiten

IMG_6324Spätsommer auf Borkum – so ist es wirklich

Natürlich gibt es die Schauplätze im Roman. Es gibt die Westerstraße, das Schmuckgeschäft mit den Ringen und Kettenanhängern, es gibt die Fußgängerzone mit den vielen Restaurants und Kneipen, sogar das „Lord Nelson“ und die Pizzeria. Das Lebensmittelgeschäft am oberen Ende der Fußgängerzone heißt tatsächlich „Inselwolf“, die Milchbuden gibt es, die kleinen Holzhäuschen der Strandzeltvermieter, das Atelier der Inselmalerin – all das wird der Borkum-Urlauber, der mein Buch gelesen hat, wiedererkennen.

Es gibt auch das Wattwanderbüro mit den Gummistiefeln davor am Busbahnhof, genau wie beschrieben. Drinnen steht sogar eine ausgestopfte Möwe auf dem Tresen – zumindest stand sie dort, als ich das letzte Mal drin war.

Was es nicht gibt, ist das Haus der Bakker-Brüder in der Westerstraße. Es gibt Häuser, die ganz ähnlich aussehen, aber nicht dort, und so, wie es beschrieben wird, ist es komplett meiner Phantasie entsprungen. Also bitte nicht danach suchen oder irgendwo klingeln…

Annes Ferienwohnung gibt es auch – allerdings nicht auf Borkum. Beschrieben habe ich eine Wohnung, die ich vor einigen Jahren in Greetsiel bewohnt habe.

Die Charaktere sind erfunden. Alle bis auf, ich sag mal, ein bis zwei. Susanne gibt es tatsächlich, sie hält Schafe, strickt und schreibt Krimis, und Vorbilder für Marten waren ein bis zwei Wattführer auf Borkum, mein Tankwart und ein Kollege.

Alles, was sonst realistisch ist oder erscheint, wurde gründlich recherchiert. Den Offshore-Windpark Tahkoluoto in Finnland, dessen Schreibweise ich immer wieder nachsehen muss, den gibt es auch, wenn ich auch stark bezweifle, dass jemand namens Tammo Bakker bei den Vorbereitungen mitgemischt hat. :-)

Spätfolgen

Es ist nicht nur eine Tradition und guter Brauch in vielen Familien, sondern wissenschaftlich erwiesen: abendliches Vorlesen ist gut für die Kinder. Es fördert das Sprachverständnis, die Bindung an die Bezugsperson, die Phantasie – kurz, es ist durch nichts zu ersetzen. Und wer jemals gesehen hat, wie sich der leseunkundige Nachwuchs abends in seinem Bettchen in die Kissen kuschelt, während man mit leiser Stimme zum gefühlt vierundachtzigsten Mal die Geschichte von der Henne und dem Brot („… und ich erst recht nicht!“, mit Betonung auf dem ‚erst recht‘) vorliest, der weiß, dass dies alles stimmt.

In meiner Kindheit (bevor ich Lesen gelernt hatte und selber zur Leseratte wurde) gab es außer draußen spielen und dem abendlichen Vorlesen noch nicht viel kindliche Unterhaltung. Selbst Fernsehen war in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhundert, in denen ich aufwuchs, noch spärlich in Gebrauch und unmittelbar nach der Tageschau war bereits Sendeschluss. Oder so. Vorlesen gehörte auch in unserer Familie dazu, wenn ich mich auch nicht mehr genau erinnern kann, wer von der Familie eigentlich vorgelesen hat. Ich glaube, in den meisten Fällen war es mein großer Bruder, was die Auswahl der Lektüre erheblich beeinflusste: neben den bekannten Märchenbüchern waren es vor allem die frühen Pixi-Bücher und Micky-Maus-Hefte. Beides hatte erheblichen Einfluss auf mein Leben. Ich behaupte sogar, dass die Geschichten aus dem Micky-Maus-Heft, zumindest in der Ära der genialen Übersetzerin Dr. Erika Fuchs, einen nicht unbedeutenden Anteil an meiner Allgemeinbildung hatten.

Halt.

Eines fehlt in den vielen pädagogischen Anschauungen: was weiß man eigentlich über die Spätfolgen des Vorlesens? Ich meine jetzt nicht behandlungsbedürftige Psychosen aufgrund eines falsch übermittelten Familienbildes, oder jahrzehntelange Albträume infolge vorgelesener Gruselgeschichten, nein.

Ich behaupte, das Vorlesen im Kleinkindalter prägt auf eine Weise, die meiner Meinung nach noch völlig unerforscht ist. Ich selber bezeichne es als „Sitzungsnarkolepsie“.

Wir erinnern uns an die Ausgangssituation: Kind kuschelt sich in die Kissen, liegt bequem, fühlt sich warm und geborgen, während eine Person mit leiser Stimme spricht. Kind fällt irgendwann in Tiefschlaf und kann sich anschließend an nichts erinnern. Zumindest nicht daran, dass die Nachttischlampe ausgeknipst wurde, die Bezugsperson das Zimmer verließ und die Tür hinter sich schloss.

Die Spätfolge (oder aber frühkindliche Prägung) ist nun meiner Meinung nach, dass der Erwachsene in vergleichbaren Situationen umgehend in Tiefschlaf fällt oder zumindest sehr dagegen ankämpft. Schule, Konferenzen, Kirche, Bahn – überall, wo man mehr oder weniger gemütlich sitzt, monotone Geräusche auf einen einströmen oder eine Stimme sanft salbadert – die Möglichkeiten sind unendlich und jeden Tag erlebt man wenigstens eine davon.

Ich werde das Thema mal einreichen… :-)

 

Trauer „nur“ virtuell

Es ist in den letzten Tagen schon so viel über den verstorbenen Blogger und Twitterer Johannes Korten geschrieben worden, und von allen besser, als ich es je könnte. Trotzdem, es treibt mich um. Ich bin sehr, sehr traurig. Kann man um jemanden trauern, den man „nur“ über die sogenannten „sozialen Netzwerke“ kennt, gekannt hat? Seit dieser Woche beantworte ich die Frage eindeutig mit „ja“.

Im vergangenen Jahr bin ich auf ihn aufmerksam geworden, als er die Aktion „Ein Buch für Kai“ ins Leben rief, die überaus erfolgreich war. Wie das oft so ist, man „stolpert“ bei Twitter über einen Account, der einen neugierig macht, man entdeckt den Menschen dahinter und liest seine Veröffentlichungen mit. Man wird zum „Follower“, wie man das auf Twitter nennt.

Johannes machte mich neugierig. Seine Kreativität, seine Ideen, seine Gedanken, seine Haltung, immer menschlich, aber fest in seinen Überzeugungen, das alles imponierte mir und ich bekam, was im Netz eher selten der Fall ist, Respekt vor diesem Menschen. Dass ich ihn für mich, im Stillen, Johannes nannte, ist eine dieser Eigentümlichkeiten der modernen Medienwelt: eine tatsächlich empfundene Nähe über das Internet, ohne sich zu kennen, ohne sich auch räumlich gegenüber zu sitzen. Vieles, was er schrieb, gefiel mir, berührte mich, und möglicherweise hat auch irgendetwas, was ich geschrieben habe, ihm gefallen.

Bald schon folgte Johannes auch mir auf Twitter, ich weiß noch, dass ich mich darüber freute, das eine oder andere Wort werden wir ausgetauscht haben, das Medium Twitter ist in einem Moment intensiv, und gleich darauf wieder flüchtig. Andere Dinge drängen sich ins Bild, und der gute Gedanke, den man gerade noch hatte, ist weg. Gerade in der letzten Zeit, wo sich viele Ereignisse überschlagen, die man kaum wegstecken kann und die offenbar auch Johannes sehr zugesetzt haben.

Als ich mich zur re:publica im Mai in Berlin anmeldete, stellte ich erfreut fest, dass er dort einen Vortrag über seine Aktion „Ein Buch für Kai“ halten wollte. Der Termin wurde noch vor allen anderen fest notiert, und natürlich saß ich im Publikum:

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Hier der ganze Vortrag:

Ich kann nicht besonders gut auf Menschen zugehen, vermutlich war Johannes nach dem Vortrag ohnehin umringt von Bekannten, Freunden, vielleicht musste ich auch weiter, zur nächsten Veranstaltung, ich weiß es nicht. Jedenfalls habe ich ihn nicht angesprochen und flüchtig gedacht, naja, dann im nächsten Jahr. Vielleicht kommt man mal ins Gespräch. Das wäre schön. Ich schreib ihm auf Twitter.

Ich las weiter mit, antwortete hier und da, sah die Fotos mit seinen Kindern, las seinen Blog, der mir in letzter Zeit düsterer erschien. Auch die Fotos. Immer schwarz-weiß, nun ja, das gibt dem Ganzen eine künstlerische Note. Ich dachte, es sei eine allgemeine Unlust, eine Frustration, wie sie einen in diesen unruhigen Zeiten durchaus befallen kann, wenn man oft genug glaubt, gegen Windmühlenflügel zu kämpfen. Ich habe die Zeichen nicht gesehen, so ist das leider, wenn man jemanden eben doch nicht wirklich kennt.

Und dann kam der vergangene Montag, der beschissenste Montag ever, nach einem Wochenende mit Gewalt und Anschlägen, das schon beschissen genug war. Gegen neun Uhr am Morgen las ich verwirrt, dass Johannes gesucht wurde. Sein eigener letzter Tweet tauchte auf, der Link auf seinen Blog funktionierte in diesem Moment aber nicht.

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Ich verstand nicht, was da los war, fragte herum. Was bedeutet das, ist das ernst gemeint? Er habe einen Abschiedsbrief hinterlassen, hieß es, und mir wurde eiskalt und gleichzeitig schlecht. Endlich kam ich auf die Seite, las den Brief, einmal, zweimal, verstand immer noch nicht. Wollte nicht verstehen, obwohl ich genau spürte, wie ernst es ist. Wie so viele andere verbreitete ich die Meldung weiter: bitte helft, bitte sucht ihn, vielleicht ist es noch nicht zu spät. Die Polizei war eingeschaltet, ein Hubschrauber kreiste über Bochum, eine Suchmeldung war herausgegeben, die auch über die Medien verteilt wurde.

Gegen Mittag dann die schreckliche Gewissheit: die Polizei hat ihn tot aufgefunden. Er hatte es so geplant, er war in seinem Abschiedsbrief glasklar und entschlossen, es gab kein Zurück. Seinen letzten Tweet mag er zeitgesteuert veröffentlicht haben. Als wir anfingen, nach ihm zu suchen, war es wahrscheinlich schon zu spät. Aber man hofft trotzdem…

***

Was ist Trauer? Trauer ist ein Gefühl, das einen unvorbereitet mitten ins Herz trifft und schmerzt, unabhängig davon, wie gut man die Person gekannt hat oder nicht. Es ist das intensive Gefühl, im eigenen Leben plötzlich eine Lücke zu spüren, die nicht zu füllen ist. Es fehlt etwas, das ganz besonders und einmalig war. Johannes‘ Tweets, seine Fotos, seine Blogbeiträge werden mir fehlen. Aber Trauer ist noch mehr: es ist vor allem das Bedauern, Dinge nicht gesagt oder getan zu haben, und festzustellen, dass es unwiderruflich zu spät ist. Ich hätte öfter das Gespräch suchen sollen, auf Twitter. Ich hätte ihn ansprechen sollen, im Mai in Berlin, ich hätte ihn fragen sollen, wie es ihm geht, ich hätte ihm sagen sollen, wie sehr ich ihn, den Menschen Johannes Korten, schätze. Ich will mir nicht einbilden, dass genau dieses Quentchen für ihn einen Unterschied ausgemacht hätte. Vielleicht doch? Vielleicht hätten es ganz viele Quentchen sein müssen. Zu viele. Ich weiß es nicht, und ich werde es nicht mehr erfahren.

Ich würde ihm gerne zurufen, dass sein Leben überhaupt nicht vergeblich war, wie er geglaubt hat, dass er mich und viele andere inspiriert hat, Mitmenschlichkeit zu zeigen, Ideen für ein besseres Miteinander zu entwickeln, dass er ganz vielen Menschen Mut gemacht und sich Respekt verdient hat, obwohl er ihn in seiner Bescheidenheit gar nicht verdient zu haben glaubte.

Wie unermesslich groß muss die Dunkelheit in ihm gewesen sein, wie umfassend seine Verzweiflung, wie quälend das Gefühl, zu nichts nutze zu sein, eine Belastung für andere. Ich kann es mir nicht einmal annähernd vorstellen. Meine Gedanken gelten seiner Familie, seinen Kindern – selbst sie konnten gegen die Dämonen, die ihn quälten, nicht ankommen.

Was bleibt? Der Vorsatz, achtsamer mit Mitmenschen umzugehen, ob virtuell oder persönlich. Und das hier. Dieser Satz wird uns immer an Johannes denken lassen und Ansporn sein:

„Das Netz ist ein guter Ort – wenn wir es gemeinsam dazu machen.“

Wir haben es nicht rechtzeitig geschafft, das Internet und die Welt zu einem Ort zu machen, an dem Du bleiben kannst, Johannes. Aber wir bleiben dran. Mach es gut da oben. Ich bin sicher, Du bist im Himmel gelandet.

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Wutrede an einen Unbelehrbaren

Bildschirmfoto 2015-10-22 um 22.11.22Es reicht mir. Ich mag diese dummen Sprüche und Kommentare einfach nicht mehr sehen. Mir wird inzwischen bei jeder dieser Hassreden und falschen Nachrichten speiübel. Brauner Müll in allen Foren, auf Facebook, Twitter, in Kommentaren unter Zeitungsartikeln, überall. Als ob das ganze Land nur noch mit dummen, verbohrten, hasserfüllten Menschen besiedelt wäre. Es langt!

Was aber tut man, wenn jemand aus der unmittelbaren Umgebung, mit dem man bei Facebook „befreundet“ ist, denselben Müll verteilt? Wenn ich auf der Facebookseite von jemandem, den ich gut kenne (Korrektur: zu kennen glaubte) dieselben unreflektierten, hasserfüllten und durch und durch falschen Sprüche und Behauptungen lesen muss?

Ich habe lange überlegt und dann so etwas wie „Counter Speech“ versucht. Habe um Quellenangaben gebeten, versucht, sachlich nachzufragen, zu argumentieren, zu widerlegen. Herauszufinden, woher dieser Hass und diese Ablehnung kommt. Keine Chance. Verbohrt, dicht, alles total dicht. Genauso dicht, wie nach der Meinung dieses speziellen jungen Mannes die Grenze zu Deutschland gemacht werden soll, damit nur ja kein „Asylbetrüger“ mehr hier rein kommt, die ja sowieso alle nur unser Geld wollen. Und endlich ist mir der Kragen geplatzt.

Das hier habe ich ihm geschrieben:

Weißt Du, ich bin kein Politiker. Ich weiß nicht, ob man 3.000 Kilometer Grenze einfach so „dicht“ machen kann. Und ich bin auch nicht der Meinung, dass mit der Asylpolitik in diesem Land alles richtig läuft und gelaufen ist, da bin ich völlig bei Dir. Da stimmt so einiges nicht. Ich kriege nur langsam die Wut, dass ich bei einem intelligenten Burschen wie Dir (dachte ich jedenfalls) dieselben dämlichen Lügen und Sprüche und grobe Vereinfachung lesen muss wie an so vielen anderen Stellen im Internet. „Lügenpresse“ ist ein Ausdruck, den Du eifrig benutzt – hast aber kein Problem damit, jede noch so hanebüchene Meldung hier auf Facebook sofort und ohne Nachfrage zu glauben und weiterzuverteilen, sofern sie nur irgendwie in Dein Weltbild passt. Beschwerst Dich, dass Du in die rechte Ecke gestellt wirst – Du stellst Dich doch selbst dorthin, indem Du Nazi-Jargon benutzt! „Lügenpresse“ ist zum Beispiel so ein Wort.

Natürlich gibt es mit dem Ansturm von Menschen jetzt eine Menge Probleme zu lösen, das bestreitet keiner, aber DIE Patentlösung hat wohl niemand. Es gibt keine Blaupause dafür. Noch nie seit dem zweiten Weltkrieg waren so viele Flüchtlinge weltweit unterwegs, und nur ein Bruchteil kommt überhaupt hier bei uns an. Es gab auch keine Blaupause, als über eine Million „Wirtschaftsflüchtlinge“ aus der DDR die damals viel kleinere Bundesrepublik „überschwemmt“ haben. Auch das haben wir geschafft, mit Bravour, und das Problem angepackt, ohne lange zu fragen.

Eines weiß ich aber auf jeden Fall: die allermeisten dieser Menschen, die sich jetzt auf den Weg nach Europa machen, sind in großer Not, aus welchen Gründen auch immer, mindestens ein Drittel davon sind nachweislich Kinder. Und wenn jemand in Not ist, helfe ich, ich spende Kleidung, ich gebe Geld, soweit ich kann, ich transportiere, ich packe mit an, ohne Wenn und Aber und ohne auf die Hautfarbe und die Herkunft zu gucken. Das ist mir völlig egal. Jeder dieser Menschen, denen ich bisher begegnet bin, ist unendlich dankbar, und das hat nichts, GAR NICHTS mit Geld zu tun. Vielleicht müsstest Du diese Erfahrung einfach auch mal machen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass ich mit meiner Einstellung viel näher dran bin an den sogenannten christlichen Werten des Abendlandes, die es ja angeblich so vehement zu verteidigen gilt; sehr viel näher dran als jeder, der dumme Parolen brüllt oder postet, ansonsten aber keinen Finger krumm macht. Außer, es gilt eine Bierdose zu öffnen.

Diese Parolenbrüller hatten wir in diesem Land schonmal, mit den selben Sprüchen – und wir wissen, wohin es geführt hat. Sie haben das Land, dass sie vorgeblich „verteidigen“ wollten, zugrunde gerichtet, und zwar mehr als gründlich. Mehr ging nicht. Ich will nicht, dass so etwas wieder passiert.

Wir sollen uns erst einmal um die Armen und Obdachlosen hier kümmern? Kümmerst DU Dich denn? Sag mir doch, wo Du Dich engagierst und was Du tust. Nichts vermutlich. Sonst wüsstest Du nämlich: Kleiderkammern, Tafeln und andere soziale Einrichtungen sind genauso für die Hilfsbedürftigen hierzulande da. Niemandem wird wegen der Flüchtlinge etwas weggenommen, im Gegenteil: es entstehen gerade sogar reihenweise neue Jobs, und auch die sozial Bedürftigen und Obdachlosen profitieren von der momentanen Welle der Hilfsbereitschaft, die an Dir offenbar bisher völlig vorbeigeschwappt ist.

Ich weiß nur zu gut, wie das ist, wenn man arbeitslos ist, von Amt zu Amt geschoben wird, eine Nummer ist, kaum Geld und dafür einen Haufen Schulden hat. Wie deprimierend das sein kann, wenn man seinem Kind nicht einmal den Schwimmbadbesuch zahlen kann. Wenn jedes neue Paar Schuhe eine mittlere Katastrophe ist. Wie verarscht man sich fühlt, von allem und jedem. Das habe ich alles selbst erlebt, und zwar jahrelang. Deshalb darf ich Menschen beurteilen, denen es ähnlich geht. Eins habe ich nämlich nie gemacht: anderen die Schuld dafür in die Schuhe geschoben. Ich war nie der Meinung, dass mir irgendetwas „zusteht“, einfach nur, weil es mich gibt. Ich hab nach jedem Strohhalm gegriffen, hab gearbeitet wie eine Blöde, um aus diesem Loch wieder rauszukommen, jeden Tag, jahrelang, und ich habe es geschafft. Darauf bin ich stolz und darf es auch sein. Stolz auf das, was ich selbst und aus eigener Kraft geschafft habe, und nicht auf irgendein nebulöses „Deutschtum“, was immer man sich darunter vorstellen soll. Stolz zu sein, nur weil ich zufällig das Glück hatte, in einem der reichsten Länder der Erde geboren zu werden, ist mir völlig fremd.

Diese Ecke der Bevölkerung, der Du Dich offenbar bereitwillig anschließt, wähnt sich in der Mehrheit. Dieser Eindruck entsteht zwangsläufig, wenn man sich immer nur in denselben Kreisen bewegt. Bei Facebook werden Fotos, Behauptungen, Videos geteilt und nochmal geteilt und erzeugen den Eindruck der großen Masse. Aber das ist falsch. Den 20.000, die in Dresden wieder aufmarschiert sind, halte ich hunderttausende, wahrscheinlich Millionen entgegen, die sich jeden Tag die Beine ausreißen, um zu helfen, und nicht nur das: diesen Staat zu organisieren in einer Phase, in der die Politik überfordert ist. Und sie machen das besser und vor allem schneller als alle Politiker zusammen. Und erst recht besser als die Parolenbrüller. Die sind zu gar nichts nütze. Die hindern nur die anderen daran, das zu tun, was nötig ist, weil man sich zusätzlich zu den immensen Aufgaben auch noch mit der Abwehr unsinniger Ansichten, Kommentare und Angriffe herumschlagen muss. Haltet doch einfach die Klappe und packt mit an – davon haben in diesem Eurem so kostbaren deutschen Land dann alle was. Und dann können wir alle zusammen stolz sein. Aus den richtigen Gründen.

Der Himmel über Berlin

„Sei bitte nicht tot.
Würdest Du das für mich tun?
Hör einfach damit auf.“

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Es ist nicht so wie im Fernsehen. Es ist nicht so, dass Du mich beobachtest, während ich an Deinem Grab stehe. Es ist nicht so, dass Du irgendwann plötzlich wieder vor mir stehen wirst. Ich habe eine ganze Zeitlang gedacht, wenn ich es nur für unwahrscheinlich genug hielte und es mir fest genug wünschte, dann wärst Du nicht tot. Und dieser ganze Alptraum mit Telefonaten vor dem Krankenhausaufenthalt, mit Berichten und Fotos von der Intensivstation, mit Todesanzeigen, Nachrufen, dem Ordnen des Nachlasses, und dass ich jetzt mit Deinem Auto herumfahre, dessen Kennzeichen Deine Initialen und Dein Geburtsdatum sind – dann wäre das alles nur ein riesengroßer Betrug gewesen, ein Fake, und in Wirklichkeit bist Du nicht tot. Sondern versteckst Dich nur, weil…

Ja, warum solltest Du? Es gibt keinen Grund. Du warst dem Leben zugewandt, so offen, so herzlich, so verletzlich, gleichzeitig oft ungeduldig, manchmal sogar grob, aber eins warst Du vor allem: Du selbst. Ich wusste bei Dir immer, woran ich war, hatte nie das Gefühl, Dir etwas verschweigen zu müssen. Es gab diese ganz besondere Verbindung zwischen uns, vom ersten Moment an, die war immer da, auch wenn wir uns nur in großen Abständen gesehen haben. Wie Seelenzwillinge. Ich vermisse die spontanen Telefonate, in denen Du mir vor Vergnügen glucksend Geschichten erzählst, immer im Berliner Tonfall, manchmal auch abgleitend ins Vogtländische, wo Du herstammst. Ich vermisse die regelmäßigen SMS, die mit guten Sonntagswünschen hin und her gingen. Die Verbundenheit war viel tiefer als das. Ich wusste einfach, ob es Dir gut oder schlecht ging, und umgekehrt genauso. Herrschte zu lange Schweigen, rief einer von uns an und erkundigte sich besorgt.

Ich weiß, dass Du manchmal neben mir sitzt, wenn ich mit Deinem blauen Auto herumfahre. Ich glaube, Du wolltest, dass ich es bekomme, wenn Du nicht mehr da bist. Ich weiß noch, wie wir zusammen darin saßen und Du mir Berlin gezeigt hast. Immer warst Du dann ganz stolz, als hättest Du persönlich es erbaut. Über den Kudamm sind wir gefahren, über die Glienicker Brücke, wir waren am Wannsee und an dem Ort, wo Kleist ins Wasser ging, auf dem Tempelhofer Feld, bei Theaterpremieren, und gemeinsam bei der Museumsnacht unterwegs, fast alles mit diesem kleinen blauen Auto, an dem so viele Erinnerungen hängen. Immer gab es zu sehen und zu entdecken und vor allem zu lachen und zu erzählen. Immer. Ich aus dem Westen, Du aus dem Osten, und gemeinsam erkundeten, verwünschten und beratschlagten wir die neue, komplizierte, zusammenwachsende Welt, und waren dankbar, dass wir uns kennenlernen konnten.

Der Himmel über Berlin war für mich immer blau und wolkenlos. Seit dem letzten Sommer trägt der Himmel ein paar kleine, weiße Wölkchen, und auf einem davon sitzt Du und schaust dem Treiben auf der Erde zu, ich bin sicher. Denn immer ist da jetzt mindestens ein kleines weißes Wölkchen, wenn ich in Berlin bin und nach oben sehe. Das beruhigt mich. Du passt von dort oben auf mich auf.

Die Trauer kommt in Wellen. An guten Tagen freue ich mich, jetzt einen ganz persönlichen Schutzengel zu haben. An anderen Tagen wieder reicht ein kleiner Anlass und ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen, weil ich unversehens über ein Foto, einen Erinnerungsfetzen, ein Andenken stolpere. Wenn ich daran denke, dass ich Dich auf Deinem letzten Weg nicht begleiten konnte. Wenn ich darüber nachdenke, was ich Dir alles sagen wollte und es verschoben habe. Wenn wieder zur Gewissheit wird, dass das Leben ohne Dich weitergeht. Du fehlst mir entsetzlich.

Manchmal bin ich ganz in Deiner Nähe. Dann sitze ich in dem Café, wo wir uns oft getroffen haben, denke an Dich, an unser letztes Gespräch und will sonst niemanden sehen. Oder ich bin auf dem Friedhof, wo Deine Urne begraben wurde. Ich habe keine Blumen dabei, und ich weiß, dass Du mir das verzeihst. Aber ich habe immer, immer einen kleinen Zettel in der Tasche, zusammengefaltet, und das Papier sorgfältig ausgesucht, auf dem eine Botschaft für Dich steht. Ich verbrenne den Zettel, dort, wo die Erde das birgt, was von Dir übrigblieb, und sehe zu, wie die Buchstaben, aufgelöst in Rauch, aufsteigen, bis zu Dir, bis zu Deiner Wolke. Ich schreibe auf, was ich Dir nicht mehr sagen konnte. Ich schreibe auch auf, was ich Dir nie sagen konnte, und irgendwann werde ich vielleicht alle Worte und allen Rauch hinaufgeschickt haben.

Irgendwo bist Du noch. Musst Du noch sein. Kannst Du nicht bitte nicht tot sein? Ich muss Dir noch so viel erzählen…

„Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein.“
Kleist, Prinz von Homburg

Noch nie gesehene Filme

Meine Angewohnheit, Filme, die mir gefallen, mehrfach oder sogar vielfach anzusehen, stößt hin und wieder auf Unverständnis. Warum eigentlich? Man hört sich doch ein schönes Musikstück auch nicht nur einmal an, man betrachtet ein Kunstwerk ja auch nicht nur ein einziges Mal.

Es gibt eine Reihe Filme, die ich inzwischen auswendig mitsprechen kann. Die Auswahl geht quer durch den Garten, zugegeben meist Unterhaltungsfilme, aber die müssen schon auch gut gemacht sein. Nix mit „nackte Kanone“ oder so. Die von mir als Teenager so heißgeliebten Filme mit Terence Hill und Bud Spencer finde ich inzwischen nur noch blöd.

Von nicht unbeträchtlicher Länge dagegen ist die Liste allgemein populärer Filme, die ich NOCH NIE gesehen habe. Um nur einige Beispiele zu nennen: „Psycho“. Auch nicht „ET“. „Dirty Dancing“ ebenfalls nicht, was regelmäßig zu allgemeiner Verwunderung führt, weil ich den Witz mit der Melone nicht verstehe. Und schon gar nicht „Kevin allein zu Haus“. „Star Wars“ hab ich gesehen (vor ein paar Jahren, auf DVD), kann mich aber an nichts erinnern. In der Vorweihnachtszeit halte ich mich immer sehr bedeckt, wenn von den „Nüssen für Aschenbrödel“ die Rede ist. Man ahnt es: noch nie gesehen.

Was ist der Grund? Die meisten zeitgenössischen Filme bilden nun einmal die Zeit ab, in der sie entstehen. Es gibt bestimmte Modewörter und Anspielungen, auch wenn die nicht einmal bewusst eingebaut werden, die man später nicht versteht. Bestimmte Stimmungen und Sichtweisen, die man später nur schwer nachvollziehen kann. Manchen Film schaut man als Kind im Fernsehen und ist so ungeheuer beeindruckt, dass man den Film auch später noch immer wieder ansieht, weil sich das wunderbare Geborgenheitsgefühl der Kindheit mit dem Sonntagnachmittag vor dem Fernseher wieder einstellt.

Manches ist aus irgendeinem Grund „Kult“. Die „Rocky Horror Picture Show“, Ende der Siebziger/Anfang der Achtziger und bis heute bei den Fans ein absoluter Kultfilm, man schmeißt mit Reis und sonst noch was – diesen Film habe ich damals nie gesehen. Und irgendwann später einmal kam er im Fernsehen und ich rätselte, was mir das alles sagen soll.

Fazit: Ich denke, Filme finden einen, wenn die Zeit dafür da ist. Wenn der Film gerade zu mir und meinem Leben passt. Vielleicht fange ich an, mich plötzlich brennend für einen bestimmten Regisseur oder Schauspieler zu interessieren und starte eine private Retrospektive, wo dann auch bisher nie gesehene Filme dabei sind. Oder ich verfalle der Demenz und schaue nur noch Kinderfilme. Es ist also gut möglich, dass ET und Norman Bates und Aschenbrödel irgendwann später in meinem Leben noch eine Chance bekommen. :-)

Diebe! Räuber!
Zeter! Mordio!

Winterfutter für die Gartenvögel ist umstritten, es gibt Befürworter und Gegner: ich gehöre allerdings zu denen, die die kleinen Piepser draußen im Winter füttern, mag nun Schnee liegen oder nicht. Ich mag es einfach, sie zu beobachten, und nach kurzer Zeit schon wissen sie ganz genau, dass es etwas zu holen gibt, dass ich nachfülle, wenn ich mich im Winter im Garten blicken lasse. Sie sitzen dann schon in den Ästen auf der Lauer und stürmen das Futterhaus, sobald ich die Tür hinter mir zugemacht habe. In England ist die ganzjährige Fütterung der Gartenvögel übrigens absolut üblich. Aber das nur nebenbei.

Meistens benehmen sich Meisen, Rotkehlchen, Amseln, Tauben und was sonst noch alles die Futterstelle aufsucht, ganz manierlich. In diesem Winter (2014/2015) allerdings stellten wir fest, dass der Appetit der Kleinen enorm zugenommen hatte. Reichten das Futter im Futterhaus, die Nuss-Stangen und Futterbälle sonst meist mehrere Tage bis zu einer Woche, so herrschte nun schon nach zwei Tagen wieder Ebbe. Und wenn man der letzten Vogelzählung des Naturschutzbundes glauben darf, haben sich die einheimischen Singvögel im letzten Jahr nicht unbedingt verdoppelt oder verdreifacht.

Und dann das: Eines Morgens war das Futterhaus (das auf einem dreibeinigen Ständer aus Birkenästen festgeschraubt ist) verdreht. Jawohl, das ganze Haus. Dazu braucht man doch einiges an Kraft. Wenn man davon absieht, dass es mit Sicherheit keine Meisen gibt, die Bodybuilding betreiben, so sprach auch eine weitere Tatsache dagegen, dass Singvögel es geschafft hatten, das Häuschen herumzudrehen: nachts schlafen sie nämlich alle.

Igel schied aus, die können nicht gut genug klettern, und halten außerdem im Januar Winterschlaf. Eichhörnchen konnten es ebenso wenig gewesen sein, die sind nicht nachtaktiv. Wer also treibt sich nachts in unserem Garten herum und verdreht Futterhäuser??

„Das war ein Waschbär“, sagte ich zu meinem Mann. Keine Ahnung, wie ich auf die Idee kam. Aber sie blieb hängen und ich googelte spaßeshalber „Waschbär“ plus Wohnort. Und siehe da: es gibt hier welche. Bisher hatte ich Waschbär-Populationen in Deutschland eher in Brandenburg und Hessen verortet, aber doch nicht am Niederrhein! Ich stöberte zwei Zeitungsartikel aus dem letzten Sommer auf, in denen berichtet wurde, dass ein Waschbär einen Garten verwüstet habe. Wie sich herausstellte, nicht nur in der selben Stadt und im selben Ortsteil, nein, gleich den übernächsten Garten. Also praktisch nebenan.

Jetzt war ich nicht mehr zu halten: eine Wildkamera musste her, eine, die auf Bewegung und Wärme reagiert und sogar in stockdunkler Nacht Aufnahmen macht. Das hatte ich schon lange vorgehabt (um endlich dahinterzukommen, wer immer die Goldfische aus dem Teich klaut), und das war die Gelegenheit. Kamera besorgt, am nächsten Abend aufgehängt, am Morgen die SD-Karte in den Rechner gesteckt, und das Erstaunen war groß!

Neben einem recht dicken Waschbären tummelten sich auch noch zwei Steinmarder am und im Futterhaus! Der Waschbär zerrte an einer aufgehängten Nuss-Stange (und verdrehte das Futterhaus gleich wieder), und die Marder turnten auf dem ganzen Gestell herum, einer saß sogar im Häuschen und fraß unseren gefiederten Gästen das ganze Weichfutter weg.

Inzwischen können wir uns auch verschiedene Vorkommnisse im letzten Sommer erklären, die uns vorher Rätsel aufgegeben hatten: eines Morgens war die Pumpe aus dem Teich gezogen und lag oben auf dem Steg. Der Johannisbeerstrauch trug im Sommer statt über 4 Kilo Beeren nur kümmerliche 1 1/2 Kilo, obwohl er voll in Blüte gestanden hatte. Plattgetretenes Gras am Teichufer. Ein halb verzehrter (und natürlich toter) Frosch auf der Wiese. Und und und.

Meine Theorie ist, dass dem Waschbären im letzten Sommer durch den Sturm Ela seine Heimat geraubt wurde und er sich ein neues Revier gesucht hat. Waschbären schlafen nämlich gerne in Baumhöhlen, und viele hundert Bäume im Umkreis waren bei dem Unwetter zerstört worden.

Wie geht es nun weiter? Waschbären können recht aufdringlich und zerstörerisch sein, wenn sie Zugang zum Haus, Keller oder Gartenhaus erhalten. Da wir immer alles gut abschließen und wegschließen, besteht kaum Gefahr, dass wir eines Nachts ein zähnefletschendes Raubtier (und so klein sie sind, das sind Waschbären nun mal) in der Wohnung haben. Andererseits sind sie auch sehr scheu, unser Bursche haut beim gerinsten Geräusch sofort ab, deswegen ist die Gefahr wohl sehr gering. Und leider: Waschbären sind jagdbares Wild, wie es im Amtsdeutsch heißt. Deswegen fürchte ich gleichzeitig um den pelzigen Gesellen, der ja genau genommen nichts Böses tut – außer Rasen umgraben und Futterhäuser verdrehen. Wir werden sehen, wie es weitergeht und was ihm noch alles an Unfug einfällt. Die Winterfütterung wird jedenfalls zum Frühjahr eingestellt. :-)

(to be continued)

Mein Jahr 2014

Der Titel täuscht etwas. 2014 war gewiss nicht ‚mein‘ Jahr. Man könnte es meiner Meinung nach sogar aus dem Kalender streichen – und wo ist überhaupt Heribert Illig, wenn man ihn braucht? 😉

Wenn mich etwas erfreut hat, waren es oft die kleinen Dinge am Rande. Oder die unerwarteten. Oder die spontanen. Wie zum Beispiel ein kurzentschlossener Besuch im Februar 2014 bei der Berlinale. Oder besser gesagt: ein Besuch von Berlin im Berlinale-Fieber. Denn um die Wahrheit zu sagen: ich habe keinen einzigen Film gesehen. Aber am roten Teppich gestanden – und George Clooney zugejubelt! Ein Hauch von Hollywood! Berlin war eine einzige Partymeile, tolle Stimmung, verrückte Typen, Gedränge, Autogrammsammler, eine selbst für Berlin ungewöhnliche Betriebsamkeit, und trotzdem alles gelassen und gesittet. Meistens jedenfalls.

George Clooney

Winter und Frühjahr sind in den letzten Jahren traditionell Kinofilmen gewidmet. Meist starten die interessantesten Filme im Winter, und in Vorbereitung auf die Oscar-Verleihung, die immer Ende Februar stattfindet, versuche ich, so viele der nominierten Filme wie möglich vorher zu sehen. In 2014 hat es sich besonders gelohnt, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen, die Oscar-Verleihung war ein ausgesprochen unterhaltsamer Abend mit dem meist retweeteten Twitter-Selfie ever:

Promi-Selfie

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Wunderschön, meditativ und zum Träumen romantisch: die Musik von William Fitzsimmons. Der Typ mit dem grausligen Bart und der Samtstimme. Er gastierte in Köln, und ich hatte mir zum Glück rechtzeitig ein Ticket besorgen können. Ein wunderschöner Abend.

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Ein nachhaltiges Ereignis in jeder Hinsicht war sicher das Unwetter am Pfingstmontag. Ich erinnere mich, dass wir abends im Wintergarten saßen, während es draußen über eine Stunde lang ununterbrochen grollte und blitzte und wir uns von Wolkenmassen und Regengüssen förmlich überrollt fühlten. Ich mag Gewitter, habe auch überhaupt keine Angst davor, aber dies war extrem unheimlich. Am nächsten Morgen sah alles erst einmal ganz normal aus. Im Garten war nicht ein einziger Blumentopf umgefallen, und auf dem Weg zum Bahnhof lagen lediglich ein paar Äste, nichts Ungewöhnliches also. Wie sich dann herausstellte, war Kaarst wohl eine Insel der Glückseligkeit, während nur wenige Kilometer weiter eine Schneise der Verwüstung geschlagen war. Hunderte, tausende Bäume im Umkreis abgeknickt und umgefallen wie Streichhölzer, Straßen und Bahngleise tagelang komplett blockiert, der Wald zwischen Kaarst und Neuss existiert nur noch zum Teil, es war (und ist) unbeschreiblich. Und bis heute (Stand Dezember 2014) sind noch längst nicht alle Schäden beseitigt.

So sah am Tag nach dem Sturm der Radweg aus, den ich üblicherweise von Kaarst nach Neuss befahre (hinten im Bild sieht man, dass es dort nicht weitergeht), und das war noch vergleichsweise harmlos:

Sturmschäden

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Aber nun zu erfreulicheren Dingen. DAS Highlight des Jahres war – und nicht nur für mich – die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien. Eigentlich interessiert mich Fußball eher nicht so. Aber bei Turnieren wie der EM oder WM packt es mich immer wieder, und ich finde, dieses Weltmeisterschafts-Turnier hatte etwas ganz Besonderes: es waren unglaublich spannende und dramatische Spiele dabei, viele unerwartete Ergebnisse, und irgendwann begann auch ich vom Weltmeistertitel zu träumen, den „wir“ gewinnen könnten. Dass ich aber das Endspiel an einem sehr ungewöhnlichen Ort schauen würde, hatte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erwartet. Mein Highlight des Jahres: Das WM-Sofa.

Das WM-Wohnzimmer des FC Union
Das WM-Wohnzimmer des FC Union

Einquartiert hatten wir uns, wie so oft, im Hostel-Boot „Eastern Comfort“ an der Oberbaumbrücke. Dies ist mein Lieblingsplatz:

Eastern Comfort

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Im September wurde ein neues Familienmitglied begrüßt: ein 13 Jahre alter Opel Corsa, den ich im Wortsinne geerbt habe. Technisch tip-top in Ordnung, und ich hoffe, wir werden es noch ein paar Jahre miteinander aushalten:

Opel

Nach ungefähr 15 Jahren ohne eigenes Fahrzeug und vier Jahren Betteln beim Sohnemann („kann ich mal eben das Auto haben…?“) endlich wieder ein fahrbarer Untersatz. „Nimm DAS!“, sagte das Leben zu mir. Ein Auto sollte her, nachdem der Sohn ausgezogen ist, das war schon vorher klar, aber eigentlich wollte ich einen Polo, auf jeden Fall einen Viertürer, niemals Automatik, und als Farbe schon gar nicht blau… Und was habe ich bekommen??? 😉

Corsi stammt übrigens aus Berlin, und nach einer Abschiedsfahrt an allen Sehenswürdigkeiten der Stadt vorbei sind wir erst nach Hause ins Rheinland und kurz darauf zusammen nach Hamburg und zurück gefahren. Corsi hat sich tapfer geschlagen. :-)

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Im September ist endlich der zweite Band der Kitty-Geschichte herausgekommen, den man aber auch lesen kann, ohne den ersten Teil zu kennen:

Buchcover

Eine Buchbeschreibung findet sich auf einer Extraseite. Der Roman ist wie immer erhältlich bei Amazon als Taschenbuch und Kindle-Ausgabe. Für Amazon-Hasser möchte ich noch hinzufügen, dass ich viele (berechtigte) Bedenken teile, allerdings sind die Bedingungen und der Service für Selfpublisher überaus günstig. Und ich bleibe mein eigener Herr. Ich schreibe zu meinem Vergnügen, die Bücher, die mir gefallen, und wenn sie anderen auch gefallen, umso besser. :-)

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So gesehen, gab es viele Ereignisse, die mir in 2014 Freude gemacht haben, aber wenn man nach 17 Jahren turbulenter, inniger und wunderbarer Freundschaft gänzlich unerwartet einen lieben Menschen verliert, werden sie plötzlich bedeutungslos. Der Schock sitzt immer noch tief.

Danke, Thomas. Für alles.
Nüchterne Fakten bei Wikipedia: Thomas Hailer.

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Zum Schluss noch ein Linktipp (Achtung: Katzen-Content!): Tiere gehörten zu meinem Leben immer irgendwie dazu, soweit es sich neben dem Beruf machen ließ. Katzen gehen leider gar nicht, weil ich eine Katzenhaarallergie habe. Trotzdem oder vielleicht genau deswegen habe ich so viel Spaß an der WebCam von Foster Dad John. Bildschirmfoto 2014-12-15 um 21.17.32 John Bartlett lebt in Seattle/USA, ist ein Supertyp, Katzennarr und verbringt einen Großteil seiner Freizeit damit, herrenlose Katzenmütter bei sich aufzunehmen, die Jungen großzuziehen und sie schließlich in gute Hände zu vermitteln. Viele der neuen Besitzer legen anschließend Facebookseiten über ihre neuen Hausgenossen an, so dass man weiterverfolgen kann, wie es den Kätzchen ergeht. Die kleinen Katzen kann man, so lange sie bei John sind, rund um die Uhr über eine WebCam beobachten, und es macht so viel Spaß, ihnen zuzusehen, wie sie allmählich ihre Umwelt erkunden und zu gesunden und selbstbewussten jungen Katzen heranwachsen. John benennt die Würfe immer nach Charakteren aus Spielfilmen oder Serien, im Moment (Dezember 2014) sind es die „Springfield-Kittens“. Hier geht es zu Johns Live-Kamera.

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Ausblick auf 2015: Ich hoffe sehr und bin optimistisch, dass das kommende Jahr wieder ganz viel mit Büchern zu tun hat, mit eigenen und denen befreundeter Autoren. Ein fertiges Buch liegt hier noch in der Schublade, das nach Überarbeitung schreit, und ich hoffe, ich kann es im Frühjahr herausgeben. Außerdem bin ich mit großer Begeisterung Testleser für Michael Meisheit (alias Vanessa Mansini) und Elke Bergsma (die mit den Ostfriesenkrimis) und ich freue mich jetzt schon auf neue Projekte der beiden.

Große Reisen sind vorläufig keine geplant, der Zahnarzt hat meine Ersparnisse leider aufgefressen, kleinere Trips liegen aber an und werden möglich sein, so im Februar wieder zur Berlinale nach Berlin (diesmal aber vier Tage) und im März hoffentlich nach Leipzig zur Buchmesse. Ja, und ein paar Tage am Meer wären auch mal wieder schön…

Abendstimmung
Abendstimmung

FI-NA-LE

Man nehme: eine Fußballweltmeisterschaft, zwei Sofas, ein Stadion, Decken, Regenschirme, ganz viel Vorfreude, kleine, internetfähige Geräte, ein Manuel-Neuer-Püppchen, eine Tüte Chips – und fertig ist das perfekte Endspiel-Wochenende in Berlin.

Alles fing ganz harmlos an…

„Ihr guckt die WM-Spiele in einem Stadion?
Wie schön, und wo? Ah, in Berlin.
Moment … Auf einem SOFA?!?“

So oder ähnlich verlief der erste Dialog mit den Kollegen der „Stern“-Onlineredaktion auf Twitter, als sie ihre Sofas im sogenannten „WM-Wohnzimmer“ in Berlin bezogen.

Den Preis für die originellste Kulisse zum „Rudelgucken“ der Fußball-Weltmeisterschaft hat zweifelsohne der 1. FC Union in Berlin verdient. Das Stadion „An der alten Försterei“ in Köpenick wie ein Wohnzimmer gestalten, Parzellen abteilen und vermieten, die Menschen ihre Sofas hereintragen lassen, eine große Videowand aufhängen – schon ist er fertig, der WM-Spaß der ganz besonderen Art. Es kann kaum einen besseren Ort zum Fußballgucken in Deutschland gegeben haben. Frühzeitig wurden die Parzellen auf dem Rasen und damit das WM-Wohnzimmer bezogen, auch von den Kollegen vom „@stern_sofa“ (die hießen übrigens auch vor der WM schon so!), die eifrig live zur WM twitterten.

Für das Endspiel, so signalisierten sie, hätten sie noch Plätze frei, und reservierten zwei Karten für den Sohn und mich. Noch war selbstverständlich keine Rede davon, wer das Endspiel bestreiten würde, hatte doch gerade erst die Vorrunde angefangen. Trotzdem freuten wir uns natürlich riesig über diese einmalige Gelegenheit und die Einladung.

Unser Lieblingsquartier in Berlin, das Hostelboat „Eastern Comfort“ an der East Side Gallery, hatte zum Glück für das Endspiel-Wochenende noch ein Zimmer, oder besser: eine Kabine frei. Gesagt, gebucht, Fahrt geplant. In der Zwischenzeit rückte die deutsche Mannschaft beim Turnier in Brasilien immer weiter vor und hatte die Vorrunde bereits überstanden. Wenige Tage vor dem magischen „13. Juli“ stand fest: wir würden tatsächlich die deutsche Mannschaft gegen Argentinien im Endspiel sehen! Das war sozusagen das Sahnehäubchen.

 

Das Endspiel

– ab hier live –

Der Endspielabend selbst beginnt mit einem gewaltigen Wolkenbruch, als wir auf dem Weg zum Stadion sind. Oh weh – das Finale unter Schirmen und Regenplanen gucken? Nicht wirklich ein Spaß… Aber Petrus hat ein Einsehen, und pünktlich fünf Minuten vor Spielbeginn hört der Regen endgültig auf.

Zunächst mit Schirmen und Plane, später ohne.
Zunächst mit Schirmen und Plane, später ohne.
Julia und Katharina auf dem Sofa nebenan
Julia und Katharina auf dem Sofa nebenan

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und dann wird es endlich ernst. Alle stehen auf, als die Hymne gespielt wird, alle singen mit. Ein Gänsehaut-Moment. Das Spiel beginnt. Es ist eine packende Partie, nicht mit der Leichtigkeit des Halbfinals, leider, sondern Schwerstarbeit. Die argentinische Abwehr steht wie Beton, es gibt einzelne Chancen, aber kaum ein Durchkommen für die deutschen Stürmer. Der Sohn und ich twittern unter dem neu geschaffenen Account @kern_sofa mit Katharina und Julia auf dem Stern-Sofa um die Wette, dafür ist Zeit, denn die Partie bleibt vorläufig torlos. Und bleibt es. Und bleibt es so lange, dass der Gedanke „wenn Argentinien jetzt ein Tor schießt, wird es eng“ immer häufiger wird. Aber: noch ist das Spiel ja nicht aus.

Das WM-Wohnzimmer des FC Union
Das WM-Wohnzimmer des FC Union

Immer wieder sehen wir uns um. Das Publikum ist großartig, geht mit, pfeift, klatscht, jubelt, springt auf, stöhnt, singt – es ist fast so, als seien wir live in Rio dabei, und nicht in Köpenick. Ein übles Foul an Kramer wird in Zeitlupe wiederholt, mehrfach, aus verschiedenen Perspektiven. Und jedes Mal stöhnt die Menge entsetzt auf. Als Miro Klose ausgewechselt wird, stehen alle auf, jubeln ihm zu und applaudieren.

Es geht in die Verlängerung. Neue Chance, neues Glück. Der arme Bastian Schweinsteiger muss ein übles Foul nach dem anderen einstecken, aber er steht immer wieder auf, geht immer wieder ins Spiel zurück. 113. Minute: niemand hat es so richtig erwartet in diesem Moment, aber Götze bremst irgendwie den Ball mit der Brust und schießt die herabfallende Lederkugel einfach so ins Tor. TOR. TOOOOR!!!!! Alle springen auf, schreien, jubeln, trampeln, werfen in die Luft, was sie gerade in der Hand halten, die Hölle bricht los – aber eine fröhliche, glückliche Hölle. Der Jubel ist unbeschreiblich.

Niemand setzt sich wieder hin. Alle bleiben stehen, als das Spiel weiterläuft, alle fiebern dem Schlusspfiff entgegen, der jetzt, JETZT doch endlich kommen muss! Die Nachspielzeit ist längst vorbei, und immer noch hat der Schiedsrichter kein Einsehen. Den entscheidenden Pfiff schließlich hat in dem Lärmpegel keiner mehr gehört, aber alle liegen sich in den Armen, als die Spieler auf dem Bildschirm anfangen, zu jubeln. Kissen fliegen zu Hunderten in die Luft, Feuerwerk vom Stadiondach in den wolkenlosen Berliner Nachthimmel, endloser Jubel, Fahnenschwenken, alle sind unsagbar glücklich. Nach 24 Jahren holt die deutsche Mannschaft mit einem 1:0 gegen Argentinien endlich wieder den Weltmeistertitel!

 

Mitternacht

Ein perfekter Abend. Die Chipstüte, gut verborgen (denn man darf eigentlich nichts zu Essen mitbringen, sondern soll sich im Stadion verköstigen), wandert zwischen unseren beiden Sofas hin und her. Auf einem großen Bildschirm an der Seite werden Tweets zum Spiel und zum WM-Wohnzimmer angezeigt, und wir machen uns jedes Mal gegenseitig begeistert aufmerksam, wenn es wieder ein Spruch von unseren beiden Sofas auf den Bildschirm geschafft hat. Wir sind nüchtern, um uns herum wird Bier getrunken, sicherlich, aber kein Gegröle, keine Ausfälle, es ist einfach ein stimmungsvoller, wunderbarer Fußballabend, so wie er sein soll.

Ein ganz dickes und großes DANKESCHÖN nochmals an Julia und Katharina für die Einladung und die Gastfreundschaft. Julia hat für den „Stern“ einen Bericht verfasst, den man hier nachlesen kann. Auch wenn es für die beiden Arbeit war – ich glaube, es hat auch viel Spaß gemacht. :-)

Gewonnen!
Gewonnen!

 

Twitter-Nachlese (eine Auswahl)

Twitter-Nachlese
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