Sepulkral-Fotografie

„Wer den Charakter eines Landes, eines Volkes, einer Stadt erkennen, wer seine Sinnesart, seine Geschichte und seine Vergangenheit erfragen will, der muss seine Friedhöfe besuchen. Wie der Totenkult und die Totenehrung, Art und Gepräge der Trauerzeremonien für den Kulturzustand eines Volkes überhaupt kennzeichnend sind, so spricht das Bild des Friedhofes im besonderen und mit nachhaltigster Eindrücklichkeit für die Gesinnung des Gemeinwesens, das im Friedhof seine Verstorbenen bettet, seinen dahingegangenen Generationen die letzte Ruhestätte bereitet.“
Georg Jacob Wolf (1928)

Angefangen hat alles Ende 2011 mit dem relativ harmlosen Vorhaben, das neuerworbene Teleobjektiv auszuprobieren. Heranzoomen, schauen, was geht und wie es wirkt. Eines der ersten Bilder entstand so auf einem Dorffriedhof in Mattsee/Österreich, wo wir das Grab eines wenigen Monate zuvor verstorbenen Verwandten besuchten. Es war im November, trotzdem herrschte sonniges, warmes Föhnwetter, und das Licht war überaus günstig. Das ist dabei herausgekommen:

Friedhof Mattsee/Österreich
Friedhof Mattsee/Österreich

Friedhöfe in anderen Ländern haben mich immer schon interessiert, kann man doch eine Menge über die Kultur eines Landes erfahren, über Bräuche, über die Wertschätzung, die die Menschen über den Tod hinaus für ihre Ahnen haben. Jeder interessiert sich für die Bestattungsmethoden, Grabgestaltung und Grabschmuck des alten Ägypten – dabei gibt es in Europa mindestens genauso viel Interessantes zu entdecken. Ich bin weder in irgendeiner Weise morbid veranlagt, noch verspüre ich Todessehnsucht oder sonstigen Drang, mich mit dem Ableben zu beschäftigen. Und besonders fromm bin ich schon gar nicht. Mich fasziniert jedoch der Umgang mit dem Tod, der bei uns – im Gegensatz beispielsweise zu den südlichen Ländern – immer noch ein Tabu ist.

Der schönste Friedhof übrigens, den ich jemals gesehen habe, war der von Agulo auf La Gomera, der gruseligste hingegen in der Kapuzinergruft von Palermo, in der die Bestatteten jahrhundertlang nicht verwesten, sondern mumifizierten.

Das Fotografieren von Sepulkralkultur ist ein dankbares Hobby, denn die Objekte bewegen sich nicht, laufen nicht weg, sind nicht ungeduldig oder ärgerlich. Sie haben Zeit, um nicht zu sagen, sie sind zeitlos. Die Vergänglichkeit spiegelt sich in den Gesichtern der kleinen oder größeren Grabfiguren. Manche sind verwittert, überwuchert, manche glattpoliert und sorgfältig geputzt, auf manchen Friedhöfen findet eine wahre Invasion von kleinen Gips-Engeln statt (die hoffentlich auch wieder aufhört), manches ist der Mode unterworfen oder auch den jeweiligen Friedhofsvorschriften. Auf einigen Friedhöfen ist individuelle Gestaltung des Grabes erlaubt, auf anderen hingegen bestenfalls Variationen von Althergebrachtem. Figuren geben einer Grabstätte ein Gesicht, einen Stil, bei manchen wurde offenbar sorgfältig nachgedacht und ausgewählt, bei anderen wiederum reiht sich eine Geschmacklosigkeit an die nächste. Gute Erinnerungen, Entfremdung, Flüchtigkeit, Sparsamkeit, Gedankenlosigkeit – kaum zu glauben, wieviel Familiengeschichte man einem Grab ansehen kann.

An der Gestaltung und dem Pflegezustand sieht man schon, ob der Verblichene wertgeschätzt oder schnell vergessen wurde. Verräterisch auch monumentale Grabstätten für reiche Familien, die vernachlässigt werden oder aber deren Pflege entsprechenden Unternehmen überlassen wurde, die natürlich mit diskreten kleinen Plaketten zwischen der Bepflanzung für ihre Dienste werben.

Ich achte immer sehr darauf, auf Friedhöfen niemanden zu stören und nur Flächen zu betreten, auf denen zu gehen erlaubt ist. Die besten Fotos entstehen ohnehin mit dem Teleobjektiv, weil die Umgebung dann verschwimmt und der Gegenstand in den Vordergrund rückt.

Ich bedaure sehr, nicht schon früher mit der Fotografie von Grabfiguren (denn diese sind es, die mich besonders anziehen) begonnen zu haben. Aber zumindest habe ich jetzt bei jeder Reise, egal wohin, immer einen festen Programmpunkt. Friedhöfe sind universell.

Meine Friedhofsbesuche sind in der Kategorie „Sepulkral-Fotografie“ in der rechten Spalte zu finden, und eine Auswahl Fotos, die nach und nach eigene Seiten bekommen sollen, hier in der Galerie…